Das besondere Buch IV.2023: JON FOSSE. Kindheitsszenen: Prosa. Mit zahlreichen Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen. Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

Textkörper

 

Jon Fosse ist eigentlich Dramatiker. Der Band „Kindheitsszenen“ versammelt dichte und einprägsame Prosasplitter des norwegischen Nobelpreisträgers,  die ohne eine Erzählung oder Erklärungen auskommen. Wie ein Kunstwerk mit Sammlerwert mutet die Aufmachung des Buches an.

Ausgeliefertsein und Einsamkeit

Die „Kindheitsszenen“ Jon Fosses entwerfen sofort die Landschaft, die ihn geprägt hat. Geboren in der westnorwegischen Küstenstadt Haugesund, wuchs er in einem Dorf auf, das wie er „Fosse“ heißt. Es liegt am Hardangerfjord, übersetzt heißt „Foss“ „Wasserfall“. Die eisige, dunkle Gletschergegend, in der nur ab und zu einige Bauernhöfe auftauchen, zieht sich durch die meist sehr kurzen, einprägsamen Prosasplitter.

Nie wird dabei so etwas wie eine Erzählung entfaltet, nie gibt es psychologische Erklärungen, die Figuren erscheinen wie Holzschnitte, ohne „holzschnittartig“ zu sein.

Mit sieben Jahren wäre Jon Fosse beinahe gestorben. Er hatte eine Getränkeflasche aus dem Keller geholt, rutschte auf dem Eis aus und schnitt sich an den Scherben die Pulsadern auf. In diesem Moment, so beschreibt es Fosse in seinem autobiografischen Buch "Kindheitsszenen", habe er das Haus seiner Familie gesehen, aus der Distanz, so als ob er seinen Körper bereits verlassen hätte.

Diese Nahtod-Erfahrung, erzählt Fosse, habe ihn zum Schriftsteller gemacht: Da es niemanden gab, mit dem er dieses erschütternde Erlebnis teilen konnte, begann er, darüber zu schreiben, sich dem großen Geheimnis, dem "Unsagbaren" schreibend anzunähern. Und er hat damit nie aufgehört: "Das ist was wir immer wieder erzählen sollen. Das was nie erzählt werden kann. Das ist was wir sind und tun." fasst er es in seinem Gedicht "Diese unerklärliche Stille" in Worte.

 

DIESE UNERKLÄRLICHE STILLE
diese unerklärliche stille
die andere einst bereit gemacht haben, diese
unerklärliche
wärme
der niemand
begegnen kann, dieser unerklärliche atem
den wir alle gesehen haben
im blick der anderen
und dort, in ihrem hohen gras, hat einer
sein gesicht
wiedergefunden. Vielleicht geht es
darum
ohne darum zu gehen
Das ist was wir tun
Das ist was wir immer wieder erzählen sollen
Das was nie erzählt werden kann
Das ist was wir sind und tun
aus:
Jon Fosse, Denne uforklarlege stille / Diese unerklärliche Stille

 

Die Großeltern nehmen breiten Raum in den Kindheitsszenen ein; mit zunehmenden Alter geht es um erste erotische Erfahrungen, um ein Mädchen, von dem der Erzähler Briefe mit Kussmündern; einmal gehen sie gemeinsam auf ein Konzert, einmal halten sie sich an den Händen.Ein Jahr später hört der Junge, dass sie bei einem Unfall gestorben ist. Schnitt. Was dazwischen geschehen ist, bleibt außen vor; die Lücken haben Bedeutung.
 

Und besonders eindringlich ist ein Moment, in dem er in der Stube bei der Großmutter sitzt und in einem Radiosender eine ungewöhnliche, seltene Musik entdeckt, „mit langen, düsteren Gitarrensolos“ – diese bleiben als uneingelöstes Sehnsuchtsmoment stehen.

 

Jon Fosse: „Kindheitsszenen“
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen

Gebundene Ausgabe
Verlag Josef Kleinheinrich, Münster 2019
182 Seiten, 40 Euro

Diese Ausgabe ist vergriffen. Eine Neuauflage ist für Frühjahr 2025 geplant.