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Das Buch eines Tages

Zamosc, Juli 1934

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783940524157
Sprache: Deutsch
Umfang: 128 S.
Format (T/L/B): 1 x 22 x 13 cm
Einband: kartoniertes Buch

Autorenportrait

Piotr Szewc, Schriftsteller, Dichter, Essayist, 1961 in Zamosc geboren, lebt und arbeitet in Warschau, Redakteur der Literaturzeitung Nowe Ksiazki. Sein hier neu aufgelegter Roman wurde bei seinem Erscheinen 1987 in Polen enthusiastisch gefeiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Szewc hat seitdem mehrere Romane geschrieben.

Leseprobe

"Hinter Hersze Baums Rücken erkaltet langsam der Eisenofen. Ab und zu erinnert ein kaum hörbares Geräusch - vielleicht zerfällt gerade ein Stück Holz zu Asche - daran, dass noch Rauch aus dem Rohr steigt, das oben mit einem Kupferdraht an Wand und Dach befestigt ist. Hersze Baum sitzt ohne Weste da, der letzte Hauch der Glut wärmt seinen Rücken. Vor seinen Augen schießt eine gelbe Flamme über dem Talmud auf. Hersze Baums Schatten schwankt, als die Flamme aufflackert. Die Finger seiner rechten Hand schließen und strecken sich, die langen schmalen Finger auf den Seiten des Buches. Sein Schatten erstarrt wieder, sobald sich die Flamme auf ihre neue Höhe eingestellt hat und die Reste des Nachtfalters verbrannt sind. Im helleren Schein der Flamme, die ihr Licht durch das Fenster auf den Schuppen wirft, können wir sehen, dass die Ziege der Baums mit gerecktem Hals auf dem Stroh liegt, die weißen Flecken auf ihrem Fell lassen in der Dunkelheit den Umriss ihres Körpers erkennen. Leibele murmelt etwas im Schlaf. Aus den Worten und Silben, die keinen Zusammenhang ergeben, hört Hersze Baum nur zwei Dinge heraus: Polizist und Bonbon. Was sie bedeuten, weiß er nicht. Ihm scheint, als habe Leibele noch etwas von Kazimiera M. gemurmelt, aber das ist eher zweifelhaft, ja unwahrscheinlich. Im Haus der Baums spricht man nicht von ihr, Zelda Baum hat den Kindern sogar jeden Kontakt mit ihr verboten. "Zum Markt, zum Polizisten", murmelt Leibele, dann zieht er das Kissen über seinen Kopf und verstummt, während Hersze Baum sich wieder dem Buch zuwendet. Der säuerliche Geruch der Äpfel, die Leibele draußen zertreten hat, vermischt sich mit dem Duft der Levkojen und Sonnenblumen. Als Wassyls Konzert endet, haben die Herren Polizisten die Brauerei schon hinter sich gelassen. Advokat Danilowski macht sich unterdessen daran, Kazimiera M. das zweite Strumpfb and abzunehmen. Er hat sich hingekniet, weil es für ihn so bequemer ist und er außerdem bei dieser Gelegenheit Kazimieras Kniekehlen küssen kann, denn das ist eine Stelle, die dem Advokaten ganz besonders lieb ist (eine andere solche Stelle ist die Beuge des Ellenbogens). Langsam streift er das lilafarbene Band ab, das mit kleinen Reihen von blauen und karminroten Rosen bestickt ist. Kazimiera hat die Bänder für den Besuch von Romanowicz (Warum ist er nicht gekommen?) aus den von mehr oder weniger für solche Abende geeigneten Accessoires ausgewählt, denn er hat ihr einmal anvertraut, wie sehr er diesen Schmuck an ihren Schenkeln schätzt. Glücklicherweise hat der Advokat, den sie im Frühjahr kennenlernte, ähnliche Vorlieben wie eine Reihe anderer Kunden und Freunde, so dass die Sorgfalt, mit der sie sich für diese Strumpfb änder entschied, nicht ganz vergeblich war. "