PORTRÄT IM MONAT JULI 2021: THOMAS BRASCH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

JULI 2021

Porträt des deutschen Schriftstellers

THOMAS BRASCH

 

THOMAS BRASCH war ein Dichter, Dramatiker, Filmschaffender und Übersetzer, eine der markantesten Figuren der neuen deutschen Literatur. Thomas Brasch wurde 1945 in Westow in England als Sohn jüdischer Emigranten geboren, 1947 zogen seine Eltern mit ihm in die spätere DDR, wo der Vater SED Funktionär und zeitweise Stellvertretender Minister für Kultur wurde. 1965 musste er wegen seiner Systemkritik sein Journalismusstudium aufgeben. Nach Protesten gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei wurde er 1968 inhaftiert. Bis zu seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1976 arbeitet er als Fräser in einem Transformatorenwerk. 1977 erschien sein bekanntestes Buch, der Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne.“ 2001 ist er in Berlin gestorben.

 

"Zuerst spürte ich seinen Kopf, der stark auf meine Blase drückte, und einige Minuten später den Schwanz, der in meinem Mund wedelte. Ich wollte nicht darüber nachdenken, wie der Wolf in mich hineingekommen war und warum er verkehrt lag. Ich stieg in die Straßenbahn 63 und fuhr zum Krankenhaus Friedrichshain." Mit diesen Sätzen beginnt der Erzählband "Vor den Vätern sterben die Söhne", der Thomas Brasch (1945-2001) berühmt gemacht hat. Ein Buch der existentiellen und politischen Revolte. Ein Buch von auswegloser Unbedingtheit.1975 war in Ost-Berlin ein Heft seiner Gedichte mit Zeichnungen von Einar Schleef veröffentlicht worden. 1976 verließ Brasch die DDR und 1977 erschien "Vor den Vätern sterben die Söhne". Brasch war im Westen angekommen. Irgend einen Grund, sich zu beruhigen, gab es nicht. „Ich war ein junger Mann“, sagt der Alte zu Robert, „aber sie haben uns fertig gemacht. Als es keinen Sinn mehr hatte, sind wir über die Grenze gegangen. Es war nicht einfach, doch als es nicht weiterging, mussten wir über die Grenze.“ - Gut, sagt Robert, „über welche Grenze kann ich gehen, wenn es keinen Sinn mehr hat?“

 

Unser besonderes Buch in der 24. Kalenderwoche war

Thomas Brasch. Was ich mir wünsche

Gedichte aus Liebe

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thomas Wild.

Bibliothek Suhrkamp 12.-€

 

Liebe ist für Thomas Brasch (1945–2001) eine Haltung, die sich jeder Festlegung verweigert. Eine Haltung, die ihre Träume fürchtend und sehnend der Wirklichkeit aussetzt und das Mögliche stets in den Horizont des Unmöglichen stellt. Braschs dichterische Leidenschaft hofft und verzweifelt, vertraut und betrügt, preist und vernichtet. Und sie belehrt: Wann, wem und wie schreibt man ein erotisches Gedicht? In dem Band stehen Gedichte, die Brasch eigenständig und zu Lebzeiten publiziert hat, neben literarischen Hinterlassenschaften. Texte aus den frühen Jahren(»Anna, komm …«) sind ebenso vertreten wie Arbeiten aus jüngerer Zeit, etwa eine Gruppe mit Brunke-Gedichten, die in den 1990er Jahren entstanden sind.

Das titelgebende Gedicht:

 

Was ich mir wünsche

Von Wonders Liedern das traurigste

ber den Untergang der Stadt New York

abgespielt auf einem Plattenspieler in der Hester Street

von Brechts Gedichten das schönste

geschrieben in der Charité 2 Tage vor seinem Tod

über den Gesang der Amseln nach seinem Tod

von Shakespeares Theaterstcken das komischste

über den Prinzen hinter dem Schutz seines Wahns

verfallen dem Rationalismus und einem langweiligen Gespenst

von den Nächten die hellste vor dem KaDeWe

die Zeitungsfrauen gehen ihren Weg der Tagesspiegel ist da

der Himmel flach und

von deinem schönen Körper das Knie.

 

Seine gesammelten Gedichte sind auch bei Suhrkamp erschienen: DIE NENNEN DAS SCHREI. heißt der sehr lohnenswerte Band. Er kostet 28.- € und hat auf 1030 Seiten den gesammelten lyrischen Brasch zu bieten. Neue deutsche Dichtung, die von Goethe, Heine, Brecht, von Spruch und Lied herkommt, hat in ihm ihren Meister gefunden und viel zu früh verloren. Vom Widmungs- und Gelegenheitsgedicht über Ballade und Lied bis hin zu Stückcollage und Fototext die "Gesammelten Gedichte" ermöglichen es zum ersten Mal, sich ein umfassendes Bild des im Verlauf von 40 Jahren entstandenen lyrischen Werks zu machen. In zeitlicher Folge enthält die Ausgabe sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte - darunter Raritäten wie die in der Reihe "Poesiealbum" veröffentlichte Sammlung von 1975, Braschs einzige DDR-Publikation von Gedichten, oder "Kargo. 32". "Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen" aus dem Jahr 1977. Hinzukommen die verstreut veröffentlichten Gedichte, die für diesen Band zusammengetragen wurden.

 

 

„Ich merke mich nur im Chaos“ heißt ein 2009 erschienener Interviewband, und er ist, angesichts der Sprachgenauigkeit, der Intelligenz und Wortmacht des Befragten, nicht nur das Beste, was man seit langem an Schriftstellerinterviews gelesen hat. Er gehört auch zum Gewinnbringendsten, was, historisch gesehen, derzeit zu zwanzig Jahren Mauerfall zu lesen ist, eben weil Thomas Brasch in den Gesprächen so beharrlich an der Subjektivität seiner Erfahrungen festhielt; weil er nicht den Anspruch hatte, Geschichte zu erzählen, sondern seine Geschichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das sind Thomas Brasch und Georg Stefan Troller. Das Bild entstand 1977 bei Dreharbeiten, als der Journalist und Schriftsteller Troller einen Film über den Schriftsteller Brasch machen wollte, der gerade von Ost- nach Westberlin übergesiedelt war. Die Dreharbeiten gestalteten sich schwierig, weil Brasch keine Lust hatte, sich vereinnahmen zu lassen. Während unserer Lesung mit TROLLER in Saarbrücken sagte er über Brasch: „Es ist schon recht anstrengend, immer auf der Höhe seines eigenen Zorns zu leben.“ Und es ist ein großartiger Film geworden, es gibt ihn noch jederzeit verfügbar auf Youtube.

 

Noch 1987 schreibt Brasch, „ich bin nach wie vor Bürger der DDR, und alle zurückliegenden Konflikte zwischen mir und verschiedenen Institutionen meines Landes waren immer Konflikte über das Wie des Sozialismus, nie über eine Alternative zu ihm.“ Dass er nun in Westberlin lebe, „heißt nicht, daß ich mich zum Anhänger der Geldgesellschaft zurückpervertiert habe, sondern daß ich wie viele Schriftsteller aus vielen Ländern den Ort meiner Jugend für eine Zeit verlassen habe, um nicht zu stagnieren“.

Er hat weitererzählt, über jene „Leute, auf deren Rücken Geschichte gemacht wird, die Geschichte zu erleiden haben und die daran kaputt gehen“.

 

 

Literaturhinweise

 - Thomas Brasch: Es stimmt nicht, daß man sehr schnell untergeht. In: Frankfurter Rundschau vom 24.8.1977, S. 7.

- Thomas Brasch: Für jeden Autor ist die Welt anders. In: Die Zeit vom 22.7.1977, S. 35.

- Thomas Brasch: Ich stehe für niemand anders als für mich. In: Der Spiegel vom 3.1. 1977, S. 79 - 81.

Thomas Brasch: Neuankömmling. In: Alternative 113/1977, S. 93-101.

Thomas Brasch: Wenn man anfängt, dem Bild zu ähneln, das sich die Umwelt von einem macht.    In: Arbeitsbuch Thomas Brasch, hrsg. von Margarete Häßel und Richard Weber. - Frankfurt, 1987, S. 17 - 27.