Porträt im Monat April: ADAM ZAGAJEWSKI

 

Adam Zagajewski, 1945 in Lemberg geboren und 2021 in Krakau gestorben, studierte Psychologie und Philosophie in Krakau. Er lehrte regelmäßig an der University of Chicago. Adam Zagajewski ist Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eichendorff-Literaturpreis (2014), dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste (2015), dem Leopold Lucas-Preis (2016), dem Jean Améry-Preis für Essayistik (2016), dem Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur (2017) und dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2019). Seit 2015 war Adam Zagajewski Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 

 

In seinem gerade erschienen Essayband stellt er auf wunderbare Art und Weise für ihn wichtige Schriftsteller und Schriftstellerinnen in ein erstaunlich neues, zum Teil ganz persönliches Licht. Seine Essays über Czesław Miłosz, W.G. Sebald, Wisława Szymborska und viele mehr sind kleine Offenbarungen. Über das Werk, die Zeit und das Leben der Porträtierten. Aber auch über das eigene Schreiben und den Essay selbst, diese bedrohte Form, die wie keine andere die Beweglichkeit der Gedanken verteidigt. In feinster Prosa entspinnt Zagajewski seine Suche nach dem Wesen der Dichtung, nach ihren Bedingungen und ihrer Aufgabe.

Als sich der große Dichter und Essayist Adam Zagajewski vor ein paar Jahren in der Darmstädter Akademie vorstellte, trug er sein Gedicht Selbstbildnis vor, eine Ich-Inventur aus den frühen Neunzigerjahren. "In der Musik", heißt es da, "finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz, die drei Elemente./ Das vierte hat keinen Namen./ Ich lese Dichter, die lebenden und die toten, lerne von ihnen/ die Ausdauer, den Glauben und den Stolz." Damit waren die Überlebensstrategien eines Emigranten benannt – seine Ankerpunkte in der Poesie und der Musik, die den humanistisch gebildeten Weltbürger den Schmerz des Exildaseins zu überstehen halfen.

 

In : Adam Zagajewski. Poesie für Anfänger

Carl Hanser Verlag (29. März 2021) 280 Seiten , ISBN : 978-3446267671 , Originaltitel : POEZJA DLA POCZATKUJACYCH , 24.- €

 

Traurig, müde

Traurig, müde, häßlich und einsam

Stehst du am Fenster, vor der Leinwand,

Genannt die Straße, Welt oder Stadt,

Frau Arnolfini, vom Mann getrennt.

Es schaukelt, es schaukelt Bergsons Insekt,

Gefangen im Spinnennetz. Zwischen uns

Fließt der Ozean. Zwischen uns schlafen

Zyklone. Zwischen uns schlummern Kriege.

Die fremde Fremdheit, die sich langweilt. Zwischen uns

Zählen die Generale ihre Pfeile im Köcher.

Zwischen uns lodert die Sehnsucht. Traurig,

Müde, häßlich und einsam, warte,

Öffne den weißen Fächer des Fensters.

 

In: Die Wiesen von Burgund

Ausgewählte Gedichte

Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius. Im Mittelpunkt von Adam Zagajewskis poetischen Erkundungen steht Europa: europäische Musik und Philosophie, Europas Architektur und seine Landschaften, aber immer auch des Dichters eigene Geschichte. Er, den seine Ironie davor bewahrt, ein reiner Elegiker zu werden, verkörpert so tief wie kaum ein anderer das europäische Bewusstsein mit allen Ambivalenzen.

Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446203662
Gebunden, 176 Seiten, 18 EUR

 

Dieser Gedichtband, der eine Auswahl der Lyrik des polnischen Autors aus allen seinen Werkphasen enthält, gibt Jan Wagner einen "mitreißenden Einblick" in das Werk Adam Zagajewskis. Zugleich sei dieser Band so etwas wie ein "Resümee" seines bisherigen Schaffens. An "kaum einer Stelle", auch bei den rund ein Drittel des Bandes ausmachenden neueren Gedichte, lässt sich nachlassende "poetische Intensität" feststellen, erklärt ehrfürchtig der Rezensent.

 

Adam Zagajewski: „Ich habe keine Heimat im engen Sinne wie Leute, die als Kinder sich mit dem Gebiet identifiziert hatten, wo sie geboren waren und wo sie in die Schule gingen. Für mich es war schon Gleiwitz, aber nicht ohne Reservation. Denn meine Familie hat mir angedeutet: Das ist nicht deine Heimat. Deine Heimat ist geblieben, dort, in Lemberg. Natürlich, am Anfang habe ich das nicht akzeptiert. Für mich war Gleiwitz doch meine Welt. Aber später doch. Vielleicht war meine Heimat meine Kindheit, nicht geografisch bestimmt. Also, wie eine Brücke zwischen Lemberg und Schlesien.“

 

Spannung zwischen dem Konkreten und Abstrakten zeichnet auch die zahlreichen Essays des Autors aus. „Ich schwebe über Krakau“ ist der Titel der Erinnerungsbilder in Prosa, die im Jahr 2000 erschienen. Darin heißt es:

„Eine Minute lang erscheint die Welt unwirklich. Herausfordernd grüne Pappeln wiegen sich irreal. In den Pfützen spiegelt sich der graue Himmel, und das Abbild eines Flugzeugs, kaum größer als das einer Schwalbe, zittert, von der Sohle eines Passanten gestreift. Eine Minute lang erscheint die Welt als eine Gaukelei, ein billiger Kompromiß, eine Ablösesumme, vom redlichen, aber unbeholfenen Schöpfer einer Schurkenbande ausgehändigt. Die Gehsteige sind schräg. Die Erde rund. Der Mensch sterblich. Die Freiheit zweifelhaft.“

 

Adam Zagajewski

Ich schwebe über Krakau

Erinnerungsbilder

Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446199231
Gebunden, 286 Seiten, 19,90 €

Ich kann nicht Krakaus Geschichtsschreiber sein, obwohl mich Menschen und Ideen, Bäume und Mauern, Feigheit und Mut, Freiheit und Regen interessieren. Mich interessieren auch Hauswände und Mauern; der Ort, an dem wir leben, ist nicht gleichgültig für die Formung unserer Existenz. Die Landschaften dringen in unser Inneres ein und hinterlassen Spuren nicht nur auf der Netzhaut des Auges, sondern auch in den Tiefenschichten der Persönlichkeit.

 

Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen.
Denke an die langen Junitage,

und an die Erdbeeren, die Tropfen des Weins rosé.
An die Brennesseln, die methodisch verlassene
Gehöfte der Vertriebenen überwucherten.
Du mußt die verstümmelte Welt besingen.

Du hattest die eleganten Jachten und Schiffe betrachtet;
Eins davon hatte eine lange Reise vor sich,
ein anderes erwartete nur das salzige Nichts.
Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen.
Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen.
Du solltest die verstümmelte Welt besingen.

 

Der polnische Dichter Adam Zagajewski verdankt seinen Ruhm auch dem Gedicht "Spróbuj opiewać okaleczony świat" ("Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen"), das nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Magazin "The New Yorker" erschienen war. Wie viele polnische Dichter der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bewegt sich Zagajewski zwischen Philosophie und Mystik, zwischen Rationalem und Irrationalem, und schafft dabei einen Spagat, der normalerweise scheitern müsste. In "Unsichtbare Hand", hervorragend von Renate Schmidgall ins Deutsche übertragen, verbindet Zagajewski eine optimistische Abkehr von der Welt mit konkretem Mitgefühl und sozialer Verantwortung. Das gelingt ihm, indem er sich dem Unsichtbaren in der Welt zuwendet.

 

Adam Zagajewski

Unsichtbare Hand

Gedichte

Carl Hanser Verlag, München 2012
ISBN 9783446239906
Gebunden, 128 Seiten, 16 EUR

 

In seinen Gedichten ist Zagajewski immer unterwegs: Ob er den Flug der Mauersegler beobachtet oder seinen alten Vater, der das Gedächtnis verloren hat, ob er von der Natur oder Geistigem spricht, von Enthusiasmus oder Melancholie. „Die Dichter bauen ein Haus für uns - doch sie selbst/können darin nicht wohnen“

 

„Und jetzt überlegst du, ob du
zurückkehren kannst zu der Begeisterung
jener Jahre, ob du noch so sehr
nicht wissen und so sehr begehren kannst,
und so sehr warten, ein wenig einschlafen
und so geschickt wieder aufwachen,
dass du den letzten Traum nicht vertreibst
trotz der Dunkelheit des Dezembermorgens.
Die lange Straße, lang wie die Geduld.
Eine Straße, lang wie die Flucht vor dem Brand,
wie ein Wunschtraum, der niemals
endet.“

 

Adam Zagajewski: „Ich glaube, es gibt eine Welt der Poesie. Ich weiß nicht, wo sie ist. Aber jedes Gedicht soll daran anspielen. Ich weiß, es klingt ein bisschen mystisch, oder? Ich glaube, die Poesie existiert ontologisch. Es gibt irgendwo Poesie. Die ganze Kunst ist ein Versuch, eben die Tür zu dieser anderen Welt ein bisschen aufzumachen, also eine kleine Offenbarung.“

Der polnische Dichter und Essayist Adam Zagajewski war ein flanierender Weltbürger – und voller Sehnsucht nach seiner Heimat. Nun ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. Schreiben sei für ihn etwas Metaphysisches gewesen, sagt der Essayist László Földényi.

Zagajewski, Adam
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446267671
24,00 € (inkl. MwSt.)