Buch des Monats Juni 2017: Knick-Senk-Spreiz-Fuß. Angewandte Spaziergangswissenschaften

 S_A_R Projektsbüro Völklingen der Hochschule der Bildenden Künste Saar Europäisches Zentrum für Promenadologie in Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar Fakultät Kunst & Gestaltung (Herausgeber)

  • Gebundene Ausgabe: 168 Seiten
  • Verlag: HBK Saar; Auflage: 500 (12. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3943264157
  • ISBN-13: 978-3943264159

Rezension von DAVID LEMM, SZ, 19. 2. 2017

In Völklingen wurde eine neue Publikation im Geiste von Lucius Burckhardts legendärer Spaziergangswissenschaft vorgestellt."Einen Spaziergang durch die Publikation", versprach vor Wochenfrist der Flyer des "Europäischen Zentrums für Promenadologie" in Völklingen. Statt Wanderstöcken gab's vor Ort Schnaps. Den "Astler" setzte die "Arbeitsgemeinschaft Anastrophale Stadt" 2015 mit HBK-Professor Georg Winter aus Waldkräutern an. Der erlesene Tropfen wärmte die Besucherrunde in Völklingen. Ein steifer Wind wehte dort durch die Handwerkergasse.

1987 veranstaltete das Schweizer Ehepaar Lucius und Annemarie Burckhardt zur documenta 8 in Kassel "Die Fahrt nach Tahiti" - das war die Geburtsstunde der sogenannten Promenadologie, der vom seinerzeitigen Gründungsdekan der Saarbrücker HBK Burckhardt begründeten Spaziergangswissenschaft. Damals spazierten die beiden HBK-Professoren Georg Winter und Andreas Brandolini mit. 2013 gründeten sie dann das "Europäische Zentrum für Promenadologie". Als Reflex "auf die gegenwärtige, sich selbst hinterherhinkende Spaziergangswissenschaft", wie es im Vorwort der "umlaufenden Begleitschrift" heißt.

Also auf zu neuen Ufern! Zusammen mit Lehrenden und Studierenden der HBK Saar und der Bauhaus Uni Weimar enterten im Juni 2013 etwa 30 Personen auf Schlauchbooten eine bislang unbewohnte Saarinsel unterhalb der Fechinger Talbrücke - abgeschottet von dem in diesem Fall zu kurzen Arm des Gesetzes, der dem dort praktizierten Kaffee-Yoga des just gegründeten "Staates" nur aus der Ferne beiwohnen konnte, wie in die Begleitschrift aufgenommene Fotos zeigen.

Auch HBK-Absolventin Claudia Raudszus erweitert im Stil progressiver Spaziergangswissenschaft ihren Blickwinkel, wenn sie aus einem Baum am St. Johanner Markt Bürger überwacht oder die Hängematte ihres Balkons zum "Observatorium im privaten Raum" auslobt. Eine Intervention im öffentlichen Raum, die Burckhardts Idee "promenadologischer Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt" gerecht wird. Ob als "Flaneum" (mobiles Museum) in der "Kultur- und KZ-Stadt Weimar" oder als Park Ranger des fiktiven Erlebnisparks "Weimarland": Promenadologen finden "Erfüllung in der Querung" von Erwartungen.

Studieren lässt sich das im wunderschönen, mit Brandolino-Piktogrammen versehenen Druckwerk. Es enthält genügend Lesestoff für den geneigten Leser: Martina Wegener lässt etwa die lange Kulturgeschichte des Gehens und Denkens von den Peripatetikern bis zum "dérive" der Situanisten unlinear wuchern. Und Lisa Marie Schmitt erkennt in "Ohne Willen, keine Landschaft" in Schopenhauer einen frühen Promenadologen.