Lieblingsbücher

 

Ab 27. 3. 2020 veröffentliche ich eine Auswahl meiner Lieblingsbücher auf facebook, 100 Tage lang jeden Tag ein Buch.

Was reizt eigentlich unsere Sinne beim Lesen? Warum sind uns einige Bücher so nah, dass wir sie am liebsten sinnlich einverleiben oder regelrecht aufsaugen möchten? Wie mischen sich diese unzähligen fremden Sätze  mit unseren eigenen Gedanken und was wird dann daraus. Sicher nicht der Text, den ein Autor im Sinne hatte. Unsere eigenen Erfahrungen durchdringen den Text und verändern die handelnden Gestalten, weil sich das uns Bekannte ohne unseren Willen seinen eigenen Weg in den Text und seine Figuren sucht.  Der Leser ist auch eine der vielen Stimmen in der Vielstimmigkeit der Beziehungen in einem Buch.

Die Konsumenten nehmen zu, die Leser werden zur verschwindenden Minderheit. Der Leser, den ich meine, ist immer der Leser dieses einen Textes, den er vor sich hat und der gleichsam die Mitte der Welt für ihn ist; von dem aus die Welt nachher um ein Geringeres anders aussieht als sie vorher aussah; durch den er selbst, der Leser um ein Geringes anders geworden ist.

Zwischentexte, Intermezzi ergänzen die Literaturempfehlungen. Es sind Texte über das Lesen, das Schreiben, die vollkommene Bibliothek. Sie sind nach jedem 10. Lieblingsbuch zu finden.

 

 

Ludwig Hofstätter

Saarbrücken, 30.5.2020

 

Heute sind die ersten 65 vorgestellten Bücher vertreten. Schönes Wochenende!

 

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Ich bin ein großer Anhänger von Listen. Also hier der Anfang meiner 100 Lieblingsbücher:

ja, war doch klar:

Robert Walser

„Es gibt Bücher, ... die sinken allmählich in uns hinein und hören und hören nicht auf, in uns hineinzusinken, und wir hören nicht auf, uns darüber zu wundern, dass Bücher ein so unendliches und sanftes Gewicht haben können und dass in uns solche Tiefen zu wecken sind. Was man dabei empfindet, grenzt an Glück.“

1. Robert Walser . Der Spaziergang
Mit 16 Holzschnitten von Christian Thanhäuser. Nachwort von Michail Schischkin , Suhrkamp-Verlag, 2018
Insel-Bücherei 1449, Gebunden, 117 Seiten
ISBN: 978-3-458-19449-1 - 14.- €

»Ich teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe hinunterlief, um auf die Straße zu eilen.« 1917 erschien Robert Walsers klassische Erzählung "Der Spaziergang"

„Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs um die Welt reisen. […] Mich würde eher die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite locken. Das Naheliegende zu untersuchen würde mich reizen. Ich kaufte auch gar nichts. […] Nie im Leben würde es mir einfallen, in eine Droschke zu steigen. Das tun Leute, die es entweder eilig haben oder nobel tun wollen. Ich aber würde weiter gar nicht nobel tun wollen, und eilig hätte ich es schon ganz und gar nicht.“

Foto: Erstausgabe 1917

 

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2. Lieblingsbuch: Die Nummerierung entspricht übrigens keiner inneren Reihenfolge:

GEORGES PERROS. KLEBEBILDER

Georges Perros notiert, ebenso frenetisch wie faul, ebenso verwegen wie verzweifelt. Alles kann zum Anlass werden: Gelesenes nicht weniger als das gewöhnliche Leben, der ganz normale Wahnsinn. Er notiert voller Witz, er kalauert, er gaukelt nicht weniger als er moralisiert. Nie schreibt er, was er will, aber immer nach Lust und Laune. Vor allem: Er erspart sich nichts, geht immer aufs Ganze. Vielleicht hat nie jemand das Leben mehr geliebt, »das Gedicht des Menschen ohne Gedicht, aber strotzend vor Poesie«.

„Leben heißt, um das eigene Sterben wissen. Aber nicht so, dass man gänzlich davon überzeugt wäre“

900 Seiten, Gebunden Matthes & Seitz Verlag
Originaltitel: Papiers collés, Tome I, II et III (Französisch)
Übersetzung: Anne Weber
Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-95757-691-0
Preis: 58,00 €

Georges Perros (1923–1978) wurde unter dem Namen Georges Poulot in einem Arbeiterviertel im Norden von Paris geboren. Früh ging er von der Schule ab, wurde Schauspieler und 1948 Mitglied des Ensembles der Comédie française. 1959 ließ er sich in der kleinen bretonischen Hafenstadt Douarnenez nieder. Seit 1953 erschienen seine Texte unter dem bretonischen Pseudonym Georges Perros in der Nouvelle Revue Française. Sein dichtes, nur Kennern bekanntes, singuläres Werk umfasst drei Bände mit Notizen, einen Gedichtband und den Gedichtroman Luftschnappen war sein Beruf. 1978 starb er nach langer Krankheit in Paris.

Seine Notizen sind Randerscheinungen, sagt er. Sie sind an den Rand eines großen Buchs geschrieben. Das große Buch ist seinem Wesen nach das Fehlende, wenn die erdachte Bibliothek endlich einen Sinn bekommen soll.

 

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3. Lieblingsbuch, endlich, ein Klassiker, ein Russe und was für einer:

 

Iwan A. Gontscharow
Oblomow. Ein Roman in vier Teilen

EUR 16,90 € [DE], EUR 17,40 € [A]
dtv Literatur
Neu übersetzt von Vera Bischitzky
848 Seiten, ISBN 978-3-423-14279-3

1859 erstmals erschienen

"In der Gorochowaja, in einem jener großen Häuser, deren Bewohner für eine ganze Kreisstadt langen würden, lag eines Morgens Ilja Iljitsch Oblomow im Kabinett seiner Wohnung im Bett."

 

Ilja I. Oblomow, 32 Jahre alt und gut aussehend, liegt in einem weiten, abgetragenen Schlafrock auf dem Sofa seiner St. Petersburger Wohnung. Obwohl es schon zehn Uhr ist, hat er sich noch nicht einmal gewaschen. Sein Diener Sachar liegt im Nebenzimmer auf der Ofenbank und döst vor sich hin. Gelegentlich fegt er die Böden, doch die Ecken lässt er aus. Manchmal wischt er auch die Tische ab – aber nur diejenigen, auf denen nichts steht.

 

 

Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow wurde am 18. 6. 1812 in Simbirsk als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach dem Studium der Literatur war er einige Jahre im Staatsdienst tätig. Seine Karriere als Zensor und Spießbürger und gefeierter Romancier des russischen Realismus begann 1847 mit dem ersten Roman »Eine alltägliche Geschichte« und erreichte ihren Höhepunkt mit »Oblomow« (1859). Gontscharow starb am 27. 9. 1891 in St. Petersburg.

 

[…] Die Sonne verschwindet hinter dem Wald. Sie wirft noch einige laue Strahlen, die als feurige Bänder den ganzen Wald durchschneiden und die Wipfel der Föhren mit leuchtendem Gold überfluten. Dann verlöschen die Strahlen einer nach dem anderen; nur der letzte verharrt noch lange; er drängt wie eine feine Nadel durch das Dickicht der Zweige; nun ist auch dieser erloschen.

Die Gegenstände verlieren ihre Form: alles verschwimmt zuerst zu einer grauen, dann zu einer dunklen Masse. Der Gesang der Vögel läßt allmählich nach, jetzt verstummen sie alle – bis auf einen besonders hartnäckigen Sänger, der wie zum Trotz inmitten der allgemeinen Stille allein sein monotones Lied weiterzwitschert, es aber auch schon immer häufiger unterbricht, schließlich noch ein letztes Mal schwach und falsch pfeift, sich aufplustert, daß die Blätter rings um ihn leicht erzittern – und einschläft. […]

 

Er ist kein Faulpelz, dieser Oblomow, neinnein, er ist der große Verweigerer in der russischen Literatur...

 

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4. Lieblingsbuch, Lyrik, oh Gott...

 

Wislawa Szymborska
Der Augenblick/Chwila - Gedichte

Bibliothek Suhrkamp 1396, Gebunden, 111 Seiten
ISBN: 978-3-518-22396-3 - 14.- €

 

 

Es ist neun Uhr dreißig Ortszeit.
Alles an seinem Platz und in manierlicher Eintracht.
Im Tal ein kleiner Bach als kleiner Bach.
Ein Pfad in Gestalt eines Pfades von immer nach immer.
Der Wald scheinbar ein Wald von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen,
und oben die Vögel im Flug in der Rolle fliegender Vögel.

So weit das Auge reicht, herrscht hier der Augenblick.
Einer der irdischen Augenblicke,
die man zu verweilen bittet.

 

Mit diesen beiden Strophen endet das Gedicht „Der Augenblick“, das diesem Buch der polnischen Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska den Titel gegeben hat, und das ein eindrückliches Beispiel für die täuschend unaufwendige Einfachheit bietet, mit der diese Lyrikerin ihre Zweifel an der bloßen Wahrnehmung sät.

 

Wisława Szymborska wurde am 2. Juli 1923 in Bnin (heute Kórnik, Polen) geboren. Sie zählt zu den bedeutendsten polnischen Autorinnen ihrer Generation und wurde 1996 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In den 1980er Jahren engagierte sich Szymborska im oppositionellen Untergrund der Solidarność und arbeitete für verschiedene Zeitschriften, darunter die in Paris erscheinende Exilzeitschrift »Kultura«. In Deutschland sind ihre Werke zumeist in der Übersetzung von Karl Dedecius erschienen. Szymborska verstarb am 1. Februar 2012 in Krakau.

 

Sie sagte: Czesław Miłosz sagte mir einmal, er beginne beim Schreiben mit dem ersten Satz. Und ich fange oft mit dem letzten an. Und dann ist es sehr schwer, sich zum Anfang des Gedichts hochzuarbeiten.

 

Für mich ist sie eine der bedeutendsten Schriftsteller(innen) des 20. Jahrhunderts. Jede Zeile gelesen-versprochen-und keine bereut.

 

 

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5. Lieblingsbuch, ein moderner Klassiker...

 

Antoni Tabucchi. Erklärt Pereira

 

Originalausgabe: Sostiene Pereira. Una testimonianza, 1994 Übersetzung: Karin Fleischanderl Carl Hanser Verlag, München 1995 Taschenbuch: dtv, München 1997 ISBN: 3-423-12424-5, 212 Seiten

 

Lissabon in der Zeit der faschistischen Diktatur Ende der dreißiger Jahre: Das Leben des politisch desillusionierten, zurückgezogen lebenden Kulturredakteurs Pereira ändert sich, als er den jungen Widerstandskämpfer Monteiro Rossi trifft. In ihm erkennt Pereira das Abbild der eigenen verschütteten jugendlichen Ideale. Ein langsamer Entwicklungsprozeß setzt ein, der ihn aus der Lethargie führt und zur Handlung veranlaßt. Der Roman wurde in Italien mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt. guter Film, aber lesen Sie lieber das Buch, es ist subtiler... Sicher ist es eines der wichtigsten Bücher, in dem Zivilcourage die entscheidende Rolle spielt. Antonio Tabucchi war ein engagierter Intellektueller, der oft im europäischen und internationalen Kontext Stellung bezog und sich für die Menschenrechte einsetzte.

 

Antonio Tabucchi (1943-2012), eine der bedeutendsten Stimmen der europäischen Literatur, war Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücken und Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Fernando Pessoas. Er lehrte Portugiesische Sprache und Literatur und schrieb für zahlreiche italienische und ausländische Zeitungen. Sein Werk wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter der Premio Campiello, der Prix Médicis Etranger, der Prix Européen de Littérature und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur.

 

In einem anderen Buch Tabucchis ("Es wird immer später", lesen Sie auch dieses Buch Tabucchis sowie seine zahlreichen anderen, es lohnt sich, man wird von diesem Autor sehr selten oder nie enttäuscht):

 

Der Sinn eines Lebens kann jedoch auch darin bestehen, unsinnigerweise verschwundene Stimmen zu sammeln und vielleicht eines Tages zu glauben, sie gefunden zu haben, eines Tages, wenn man schon gar nicht mehr damit gerechnet hat, eines Abends, wenn man bereits müde und alt ist und im Mondschein spielt und alle die Stimmen einsammelt, die aus dem Sand kommen. Und man denkt, es sei kein Wunder, denn wir brauchen keine Wunder, die überlassen wir gerne den anderen. Und dann, denkt man, war es vielleicht nur eine Illusion, eine erbärmliche Illusion, die dennoch einen Augenblick lang wahr war, solange man gespielt hat. Und nur deshalb hat man gelebt, und man glaubt, dass die Sinnlosigkeit dadurch einen Sinn bekommt, meinst Du nicht auch?

 

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Lieblingsbuch No. 6: Eine Autorin, die ich ganz besonders schätze, diesmal mit Essays zur Literatur und zum Schreiben-am 22.10.2020 kommt sie, so Corona will, im Rahmen der Veranstaltungsreihe Böll & Hofstätter wieder zu einer Lesung nach Saarbrücken

MARION POSCHMANN. Mondbetrachtung in mondloser Nacht.
Über Dichtung.

suhrkamp taschenbuch 4666, Klappenbroschur, 218 Seiten
ISBN: 978-3-518-46666-7, 2016 erschienen

Die Literatur lässt uns den Mond sehen, auch wenn er nicht scheint. Sie ist die immateriellste aller Künste, die ganze Welten aus dem Nichts erschafft. Erstaunlich. Wie gelingt ihr das eigentlich? Sie ist die Kunstgattung, die die Einbildungskraft am deutlichsten herausfordert. Sie lässt Abwesendes zur Anwesenheit werden, und sie stellt damit das in Frage, was wir gemeinhin für die Wirklichkeit halten.
Dieser Band versammelt eine Reihe von Betrachtungen: Texte, die im Wortsinn etwas bedenken, etwas erwägen – etwa das Wesen der Schönheit. Jede einzelne dieser Betrachtungen ist eine Schule des Sehens, die uns das Unbekannte, das Geheimnis am vermeintlich Bekannten erschließt. Und die uns Einblick gibt in die Denk- und literarischen Verfahrensweisen einer der virtuosesten Lyrikerinnen und aufregendsten Prosaistinnen der Gegenwart.

„Dichtung vollbringt das Unmögliche: Sie evoziert Bilder im Raum, hält die flüchtige Welt für Momente fest, läßt das Unsichtbare sichtbar werden. Aber das erstaunlichste dabei ist, sie stellt Bilder in einen Raum, den es vorher nicht gab. Und sie läßt uns umgekehrt fragen, in welchem Raum eigent- lich das stattfindet, was wir für unsere Alltagswelt halten.“

In ihrem Lyrikband GELIEHENE LANDSCHAFTEN aus dem gleichen Jahr heißt es:

„Dunkel bemooste Wolken wandern
über nur flüchtig vorhandene Berge
und treiben weiter
in etwas hinein,
was gut und gerne das Nichts
sein könnte,
wäre es nicht bereits
etwas, Verhangenheit, Teil eines Parkplatzes,
vollkommen leer, bis auf ungezählte,
mit weißer Markierungsfarbe umrissene
Buchten.“

 

 

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7. Lieblingsbuch: jetzt wird’s leidenschaftlich aber düster

Emily Brontë. Sturmhöhe

Lesebändchen, Leinen, geprägt und bedruckt, Dünndruckpapier, farbiges Vorsatzpapier, herausgegeben und übersetzt von Wolfgang Schlüter, Büchergilde Gutenberg Umschlaggestaltung von Marion Blomeyer, 640 Seiten, 32.-€

Sturmhöhe (Originaltitel: Wuthering Heights) ist der einzige Roman der englischen Schriftstellerin Emily Brontë (1818–1848). Der 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell veröffentlichte Roman wurde vom viktorianischen Publikum weitgehend abgelehnt, heute gilt er als ein Klassiker der britischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts.

Wie ein Sturm, der über das Moor zieht, rüttelt Emily Brontës einziger Roman bis heute an der romantischen Vorstellung von Liebe. Denn er zeigt auch deren Zerstörungskraft. Auf einer Anhöhe im Hochmoor von Yorkshire liegt Wuthering Heights, der Gutshof der Earnshaws. Hier wachsen Catherine und ihr Stiefbruder Heathcliff auf – ihre innige Beziehung wild und ungezähmt wie die Natur um sie herum.

Die Neuübersetzung von Wolfgang Schlüter macht Brontës ursprüngliche Sprache spürbar: grob und aggressiv, leidenschaftlich und poetisch – durchtränkt vom harten Dialekt ihrer Heimat West Yorkshire.

Den Stoff zu diesem außerordentlichen Roman gewann sie während ihrer täglichen stundenlangen Spaziergänge durch die Moor- und Heidelandschaft. Jeden Morgen ihre ängstliche Frage: „Wird’s ein heller Tag oder ein trüber?“ In Gedichten hatte sie eine erste Antwort versucht:

„Hoch wogende Heide in Böen sich beugend/ Mitternacht Mondlicht und Sternenflitter; Glanz und Finsternis sich vereinend / Die Erde steigend der Himmel sich neigend / Die Seele aus dumpfem Kerker treibend / Die Bande zerreißend, zerbrechend die Gitter.“

Die Schwester Charlotte hat die Besonderheit Emilys früh erkannt:

„In ihrer Natur schienen sich äußerste Kraft und Einfachheit zu begegnen … Doch … zwischen ihr und der Welt hätte immer ein Vermittler stehen müssen. Ihr Naturell war großmütig, doch auch jäh und hitzig; und ihr Geist völlig unbeugsam.“

Arno Schmidt nannte die Brontës „die taubengrauen Schwestern“

Bild: Handschrift der »Gondal Poems« von Emily Brontë – Eines von über 100 Heften

 

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8. Lieblingsbuch: ein schräger Vogel aus dem Hause Oulipo:

 

Georges Perec. Das Leben. Eine Gebrauchsanweisung

 

Diaphanes-Verlag 978-3035800449, 2017, 25.- €

 

 

Dreh- und Angelpunkt von Georges Perecs Kult­klassiker ist ein Pariser Mietshaus, das in 99 Kapiteln ebenso viele Zimmer vorstellt, und deren exakt 1467 Figuren zählendes Personal (Bewohner und Besucher, Vorgänger und Liebhaber, Verwandte und Verflossene…) an einem Roman sondergleichen weben, an Romanen im Plural. Unwiderstehlich hineingezogen in ergreifende, tragische, witzige, unwahrscheinliche, verrückte Erzählungen lesen wir von Einsamkeit und Verstrickung, Scheitern und Glück und dabei stets große Literatur. Das Leben. Gebrauchsanweisung entwirft ein kaleidoskopisches Panorama, ein kunstvoll gestaltetes Puzzle der menschlichen Existenz.

 

Georges Perec war einer der wichtigsten Vertreter der französischen Nachkriegsliteratur und Filmemacher. Als Sohn polnischer Juden musste Perec als Kind die deutsche Besetzung Frankreichs miterleben. Sein Vater fiel 1940 als Freiwilliger in der französischen Armee, seine Mutter wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt. Kurz vor ihrer Verhaftung konnte sie ihren Sohn mit einem Zug des Roten Kreuzes aufs Land schicken und ihm so das Leben retten. 1967 trat Perec der literarischen Bewegung Oulipo bei, die Raymond Queneau ins Leben gerufen hatte. Das Kürzel Oulipo steht für »L' Ouvroir de Littérature Potentielle«, d.h. »Werkstatt für Potentielle Literatur«. Die Schriftsteller von Oulipo, die aus dem »Collège de Pataphysique«, surrealistischen Gruppierungen oder dem Kollektiv »Nicolas Bourbaki« stammten, erlegten ihren Werken bestimmte literarische oder mathematische Zwänge auf, etwa den Verzicht auf bestimmte Buchstaben. Kurz vor seinem 46. Geburtstag starb Georges Perec an Lungenkrebs.

 

«Mir träumte, Georges Perec sei drei Jahre alt und komme mich besuchen. Ich umarmte ihn, ich küsste ihn, und während er mit der Achterbahn von Astroland fuhr, sprach ich zu mir selbst: Ich bin zwar ein Taugenichts, aber um auf dich aufzupassen, dazu reicht es noch, niemand wird dir etwas antun, niemand wird versuchen, dich zu töten. Dann begann es zu regnen, und wir gingen still nach Hause. Aber wo war unser Zuhause?» Roberto Bolaño

 

In der Literatur gibt es immer wieder solche Aufstiege ins Absolute, von Homers Irrfahrten durch die Fremde ins Eigene über Dantes Höllensturz, aus den Kerkern des Marquis de Sade, von Rimbauds Schweigen bis hin zu diesem Roman, der auf dem komplexesten mathematischen Regelwerk gründet, das je für ein literarisches Werk geschaffen wurde.

 

Man sollte nicht aufhören, Perec zu lesen. Anfangen könnte man mit EIN MANN DER SCHLÄFT

 

Diaphanes Verlag, Zürich 2012
ISBN 9783037342411
Kartoniert, 110 Seiten, 10,00 EUR,

 

auch einem persönlichen Lieblingsbuch (Die selbstgestellte Aufgabe ist es aber, einen Autor nicht mehrmals zu nennen, so ist das ein gewaltiger Beschiss, aber in diesem Fall muss es sein): ALSO UNBEDINGT LESEN:

 

In der winzigen Pariser Mansarde klingelt wie jeden Morgen der Wecker. Heute gälte es, das Examen anzutreten doch der junge Mann steht nicht auf. Er beschließt, an diesem Leben, das ihm nichts mehr zu geben hat, keinen Anteil mehr zu nehmen. Während über den Dächern von Paris die Sommerhitze brütet, überlässt er sich einem gefährlichen Selbstexperiment. Georges Perecs drittes Buch ist die Geschichte einer radikalen Verweigerung. Noch vor der Oulipo-Zeit entstanden, ist dieser ganz in der Du-Perspektive geschriebene Roman eine Meditation über den Stillstand, eine Etüde über die Leere. Die brüchige Schönheit, die Perec der Selbstisolation verleiht, und die außergewöhnliche literarische Qualität machen "Ein Mann der schläft" (1967) zu einem modernen Urtext der Melancholie, der eine ganze Schriftstellergeneration inspirierte.

 

 

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9. Lieblingsbuch: Die Geschichte eines leidenschaftlichen Trinkers und Familienmenschen (Eugene Gant wird man nicht vergessen), warum mir das so nahe geht, keine Ahnung, das weiß man beim Lesen ja nie...

 

THOMAS WOLFE. SCHAU HEIMWÄRTS ENGEL

 

Manesse Verlag, München 2009
ISBN 9783717521822
Gebunden, 781 Seiten, 29,90 EUR

Neuübersetzung

 

„Schau heimwärts, Engel“, erschienen 1929, ist ein episodischer scheinbar autobiographischer Roman. Mit seinem Protagonisten Eugene bohrt sich Wolfe hinein in die eigene Geschichte – inklusive der Vorgeschichte der Eltern, deren kinderreiche Ehe einer Kollision von Naturgewalten ähnelt. Eugene wird geboren im Jahr 1900, als jüngster Sohn des pennsylvania-deutschen Steinmetzes Oliver Gant, zuständig für Grabsteine, Marmorengel und Friedhofsschmuck und ein schwerer Quartalssäufer. Nach Jahren des Umherwanderns und einer tragisch geendeten ersten Ehe hat er sich niedergelassen in Altamont am Fuß der Appalachen. Aus seiner Heimatstadt Asheville formte Wolfe diesen Luftkurort – und die Bürger waren über seine Beschreibungen des Kleinstadtlebens nicht weniger verstimmt als die Lübecker, die sich in den „Buddenbrooks“ karikiert sahen.

 

Thomas Wolfe: ein zwei Meter großer Melancholiker aus den Appalachen North Carolinas, dem nachgesagt wurde, er besitze ein nahezu unfehlbares Erinnerungsvermögen, schreibe stehend mit einem riesigen Kühlschrank als Schreibpult, trinke täglich eine Gallone Kaffee und verschlinge riesige Steaks, als seien es Kartoffelchips. Und die ganze Weltliteratur von Homer über die Bibel bis zu Melville, Joyce und DosPassos habe er auswendig gekannt (oder erahnt) als ausgesprochen linker und fortschrittlicher Kulturkonservativer. Und seine Manuskripte, wenn sie an den Verlag gingen, seien von Möbelpackern weggetragen worden, so umfangreich seien sie gewesen, und nachdem die Lektoren die Manuskripte um neunzig Prozent gekürzt hätten, habe man für den Transport immer noch ein Taxi gebraucht.

 

"In den heißen versiegelten Verliesen ihrer Behausungen lernte er die wilde, auf Betten räkelnde Anmut ihrer Körper kennen, ihr volltönendes Lachen, ihren Geruch nach tropischen Dschungeln, vermischt mit dem Duft brutzelnden Essens und kochender Wäsche S. 158f

 

Manesse Verlag, München 2009
ISBN 9783717521822
Gebunden, 781 Seiten, 29,90 EUR

 

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Lieblingsbuch No. 10: Was ist ein menschlicher Raum?

 

Gaston Bachelard. Poetik des Raumes

Fischer Taschenbuch 1987, 978-3-596-27396-6, 12,99 €

 

Gaston Bachelard (1884-1962) war ein französischer Philosoph, der sich mit Wissenschaftstheorie und Dichtung gleichermaßen beschäftigte. In Wissenschaft wie künstlerischer Imagination sah Bachelard zwei unterschiedliche, aber gleichwertige Möglichkeiten, sich der Differenz des Neuen zu öffnen, als Mensch zu wachsen

 

 

Bachelards Interesse gilt den einfachen poetischen Bildern, die den Leser eines Gedichts oder eines Romans beunruhigen, ihn nicht mehr loslassen, »in ihm Wurzeln schlagen«. Woher rührt diese Macht des Bildes? Die Psychoanalyse hat - z. B. mittels der Traumdeutung - versucht, das Bild intellektuell aufzulösen und auf einen verborgenen Wunsch zurückzuführen. »Der Analytiker erklärt die Blume aus dem Dünger«, hält Bachelard dem entgegen; seiner Auffassung nach ist das poetische Bild etwas absolut Ursprüngliches, die Einbildungskraft daher eines der tiefsten menschlichen Vermögen. Um diese These zu untermauern, untersucht Bachelard einfache, zumeist positiv besetzte Bilder des Raumes, die in den Dichtungen aller Sprachen häufig wiederkehren. Zunächst Bilder intimer Räumlichkeit: das Haus, der Schlupfwinkel, die Höhle; sodann die »Häuser der Dinge«: Schubladen, Truhen, Nester und Muscheln; schließlich der Gegensatz von Drinnen und Draußen und das Bild der Rundheit. In unakademischer, selbst wiederum bildhafter Sprache begründet damit Bachelard ein Verfahren vergleichender Literaturwissenschaft, das prinzipiell von jedem Leser nachvollziehbar ist: eine Theorie des »Widerhalls« von Literatur im Geiste des Lesers.

 

In Bezug auf die Räume eines Hauses wies Bachelard darauf hin, dass „das Hausbild zur Topographie unseres intimen Wesens geworden zu sein scheint“. Darüber hinaus ist ein äußerer Raum ein Spiegelbild einer inneren Welt. Gaston Bachelard weist darauf hin, dass Häuser Schutz bieten. Die Räume eines Hauses sind gelebte Räume. Sie haben daher wenig mit Geometrie oder Architektur zu tun. Jeder Ort und jedes Objekt hat Erinnerungen und Bedeutungen aufgrund der Dinge, die sie gesehen haben.

 

 

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INTERMEZZO 1

 

SUSAN SONTAG. LETTER TO BORGES

"Lieber Borges

...Sie haben gesagt, daß wir der Literatur fast alles schulden, was wir sind und was wir gewesen sind. Wenn Bücher verschwinden, wird die Geschichte verschwinden, und die Menschen werden ebenfalls verschwinden. Ich bin sicher, daß Sie recht haben. Bücher sind nicht nur die beliebige Summe unserer Träume und unser Gedächtnis. Sie bieten uns auch das Vorbild für Selbsttranszendenz. Manche Leute halten Lesen bloß für eine Art von Flucht: eine Flucht aus der »wirklichen« Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.
Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß Bücher jetzt als eine gefährdete Gattung gelten .Mit Büchern meine ich auch die Bedingungen des Lesens, die Literatur und ihre Wirkung auf die Seele ermöglichen. Bald, so sagt man uns, werden wir uns jeden »Text« auf einen »Bücherschirm« abrufen, und wir werden in der Lage sein, sein Erscheinungsbild zu verändern, Fragen an ihn zu stellen, mit ihm in »Interaktion« zu treten. Wenn Bücher zu »Texten« werden, mit denen wir gemäß Nützlichkeitskriterien in »Interaktion« treten, wird das geschriebene Wort schlicht zu einem weiteren Aspekt unserer von der Werbung gesteuerten televisuellen Realität. Das ist die glorreiche Zukunft, die geschaffen wird und uns verheißen wird als etwas »Demokratischeres«. Es bedeutet natürlich nichts Geringeres als den Tod der Innerlichkeit – und des Buches. Dann wird es nicht mehr nötig sein, eine große Feuersbrunst zu entfachen. Die Barbaren brauchen die Bücher nicht zu verbrennen. Der Tiger ist in der Bibliothek.

Lieber Borges, bitte verstehen Sie, daß es mir keine Befriedigung bereitet zu klagen. Doch an wen wären solche Klagen über das Geschick von Büchern – des Lesens selbst – zu richten, wenn nicht an Sie? (Borges, es ist schon zehn Jahre her!) Ich will ja bloß sagen, daß Sie uns fehlen. Mir fehlen Sie. Sie sind immer noch von großer Bedeutung. Die Epoche, in die wir jetzt eintreten, dieses einundzwanzigste Jahrhundert, wird die Seele in ganz neuer Weise auf die Probe stellen. Doch Sie dürfen versichert sein, daß einige von uns die Große Bibliothek nicht im Stich lassen werden. Und Sie werden weiterhin unser Patron und unser Held sein."
Susan

 

Susan Sontag. Worauf es ankommt. Essays

Fischer Taschenbuch 12.- €

 

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11. Lieblingsbuch: Angesichts der ökologischen Katastrophe, in die wir schlittern, hatte er aufgehört zu schreiben, für mich ist er einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur:

 

Wolfgang Hildesheimer. Tynset

suhrkamp taschenbuch 1968, Taschenbuch, 269 Seiten
ISBN: 978-3-518-38468-8

 

Wolfgang Hildesheimer, 1916 in Hamburg geboren, ging 1933 über England nach Palästina. Er war zunächst Maler und Graphiker, bevor er Schriftsteller wurde. Während des Zweiten Weltkriegs war Hildesheimer englischer Informationsoffizier in Palästina. Bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg arbeitete er als Simultandolmetscher. Ab 1950 lebte und arbeitete Hildesheimer als freier Schriftsteller in Poschiavo/Graubünden, wo er 1991 starb. Hildesheimer war Mitglied der Gruppe 47 und Büchnerpreisträger.

 

"Die sichtbare Wirklichkeit bedeutet mir nichts."

 

Tynset" - das ist der magische Pol eines exzessiven Monologs, in dem ein Ich-Erzähler in einer langen schlaflosen Nacht das Inventar seines Lebens und seines Bewußtseins ausbreitet. Wortreiche Bekenntnisse, akribische Selbstbeobachtung, quälende Erinnerungen und auswuchernde Halluzinationen ordnen sich zueinander in einer kunstvollen Komposition. Walter Jens empfiehlt Tynset als ein Buch, "das wir getrost den nach uns Kommenden vorzeigen können, weil es mehr als andere Bücher von unserem Bewußtsein und unserer Einsamkeit, von unseren Zwiesprachen mit der Geschichte, unserer Hoffnung und unserer Todesangst sagt.

 

„Wer Nazi ist, bestimme ich. Diese Maxime, die ich mir und für mich vor dreiunddreißig Jahren, nach meiner Rückkehr nach Deutschland als Besatzungsangehöriger gesetzt habe, die sich mir, mit und trotz ihrer irrationalen Komponente, aufgedrängt hat, mag manchem überheblich, falsch oder sogar verwerflich erscheinen. Für mich hat sie sich als richtig erwiesen, ich habe sie niemals überprüfen oder revidieren müssen.“ — Wolfgang Hildesheimer DIE ZEIT, Nr. 46, 9. November 1979.

Bild könnte enthalten: Baum, Pflanze, im Freien und Natur

 

 

 

Lieblingsbuch Nr. 12: ein nachgelassener Roman, der mir viel bedeutet

 

Albert Camus. Der erste Mensch

 

Albert Camus wurde am 7. 11. 1913 bei Annaba (Algerien) als zweiter Sohn einer europäischen Einwandererfamilie geboren. Der Vater, ein Franzose, fiel 1914 im Krieg, die spanischstämmige Mutter musste die Kinder als Putzfrau ernähren und der dominanten Großmutter zur Erziehung überlassen. Camus wuchs in einem armen Stadtviertel Algiers auf. Dort besuchte er die Ecole primaire; 1924 konnte er als Stipendiat in das Lycée von Algier eintreten. 1930 Erkrankung an Lungentuberkulose. Nach dem Abitur Aufnahme eines Philosophiestudiums, das Camus durch Gelegenheitsarbeiten finanziert. Gleichzeitig erste schriftstellerische und künstlerische Versuche. 1934 erste Ehe, die 1940 geschieden wurde. 1938-1940 Arbeit als Journalist bei der progressiven Zeitung «Alger républicain» (später «Soir républicain»). Camus` Artikelfolge über das Elend der algerischen Landbevölkerung und das Verbot der Zeitung machten ihm eine weitere berufliche Betätigung in Algerien unmöglich. Daher 1940 Übersiedlung nach Frankreich. Mit seiner zweiten Frau, Francine Faure, kehrte er 1941 nach Algerien zurück, wo beide als Lehrer arbeiteten. 1942 Kuraufenthalt im französischen Bergland. Eine Anstellung als Lektor bei Gallimard und die Zugehörigkeit als Résistance - Camus übernahm 1944/45 die Leitung der Widerstandszeitung «Combat» - banden ihn zunehmend an Paris. Freundschaftliche Beziehungen zu Sartre und dessen existenzialistischem Kreis. 1946-1952 Reisen in die USA, nach Südamerika und mehrmals nach Algerien. An der mit Härte und Leidenschaft geführten Debatte um «Der Mensch in der Revolte» (1951) scheiterte die freundschaftliche Beziehung zu Sartre. 1958 begann er mit der Arbeit an dem erst 1994 postum veröffentlichten Roman «Der erste Mensch». Am 4. Januar 1960 verunglückte Camus bei einem Autounfall tödlich.

 

 

 

"Der erste Mensch" ist eine Autobiographie, der Roman einer Kindheit wie "Die Wörter" von Sartre, wie "Kindheit" von Nathalie Sarraute, wie "Mannesalter" von Michel Leiris (übrigens alles auch sehr lesenswerte Bücher, mindestens genauso lesenswert wie die bescheidene Auswahl an 100 Büchern, die hier getroffen wurde)– und doch ganz anders. Denn nicht vom Abschied von der Kindheit, vom Erwachsenwerden, vom Ausgang aus der Unmündigkeit ist die Rede, sondern von Ankunft, von Rückkehr. Rückkehr in die Hitze Algeriens, Rückkehr in die Armut, die Unschuld, die Entmündigung, die Einfachheit – im Tagebuch der letzten Lebensjahre spricht Camus von der "natürlichen Schönheit", die der industriellen Revolution geopfert wurde. Der Roman soll vom Unbehagen an der Kultur erzählen. Er soll seinen Helden in das Mutterland der Vorzivilisation, in den Garten Eden der Armen, der Passiven, der Duldsamen zurückführen. Er soll seinen Autor erlösen. Sein ursprünglicher Titel war "Adam".

"Oh ja, so war es, das Leben dieses Kindes war so gewesen, das Leben auf der armen Insel des Viertels war so gewesen, zusammengehalten durch die blanke Not in einer behinderten und unwissenden Familie, mit seinem brausenden jungen Blut, einem unersättlichen Lebenshunger, der ungestümen, gierigen Intelligenz, und während der ganzen Zeit ein Freudenrausch, der nur unterbrochen war von plötzlichen Schlägen, die eine unbekannte Welt ihm versetzte und die ihn in Ratlosigkeit stürzten, von denen er sich aber schnell erholte, danach trachtend, diese Welt, die er nicht kannte, zu verstehen, kennenzulernen, sich anzueignen, und die er sich tatsächlich aneignete, weil er sie gierig in Angriff nahm, ohne zu versuchen, sich in sie einzuschleichen, gutwillig, aber nicht unterwürfig und ohne dass es ihm letztlich je an einer ruhigen Gewissheit fehlte, einer Sicherheit, ja, denn sie stellte sicher, dass er alles, was er wollte, erreichen würde, und dass nichts, was von dieser Welt ist und nur von dieser Welt, ihm jemals unmöglich sein würde, sich darauf vorbereitend (und auch durch die Kargheit seiner Kindheit darauf vorbereitet), sich überall zu Hause zu fühlen, weil er sich kein Zuhause wünschte, sondern nur Freude, freie Menschen, Kraft und alles, was das Leben an Gutem, Geheimnisvollem und dem hat, was man nicht kaufen kann und nie wird kaufen können."

 

«Inszeniert wie ein Roman, enthält ‹Der erste Mensch› eine bewegende Autobiographie der algerischen Kindheit Albert Camus´: das intimste Selbstzeugnis, dass der diskrete und scheue Autor hinterlassen hat.» (Der Spiegel) Gespiegelt in der Figur Jacques Comery erzählt Camus von seiner Kindheit, die er mit seiner fast tauben, analphabetischen Mutter und einer dominanten Großmutter im Armenviertel Algiers verbringt. Auf der Suche nach einer Vaterfigur beginnt er, über die eigene Herkunft zu reflektieren.
[Das handgeschriebene Manuskript wurde bei dem tödlichen Autounfall Camus’ in seiner Mappe gefunden. Es erscheint hier, ohne dass an dem unkorrigierten Fragment Änderungen vorgenommen wurden.]

 

„Schon die Erinnerung der Armen wird weniger genährt als die der Reichen, sie hat weniger Anhaltspunkte im Raum, denn sie verlassen selten den Ort, an dem sie leben, auch weniger Anhaltspunkte in der Zeit eines eintönigen grauen Lebens. Gewiß, es gibt die Erinnerung des Herzens, von der es heißt, sie sei die sicherste, aber das Herz nutzt sich in Not und Arbeit ab, es vergißt unter der Last der Anstrengungen schneller. Die verlorene Zeit wird nur bei den Reichen wiedergefunden. Für die Armen markiert sie nur die undeutlichen Spuren des Weges zum Tode.“

 

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13. "Umwege erhöhen die Ortskenntnis" (Doderer)

 

 

Urs Jaeggi. Versuch über den Verrat

 

Luchterhand 1984, leider nur noch antiquarisch

 

In diesem Buch ereignet sich Ungewöhnliches: ein bekannter Autor und Wissenschaftler verlässt die gesicherten Konventionen und begibt sich zwischen die Grenzen von Literatur und Gesellschaftstheorie. Er spricht von sich, seinen Leseerfahrungen (Habermas, Leiris, Rousseau, Anders...), von seinen privatesten Erfahrungen, vom Handeln überhaupt. Wo kommen wir her? Wie richten wir uns ein? Wo und warum scheitern wir und was gelingt?

 

 

 

Sein autobiographischer Roman „Brandeis“ von 1978 muss neben Bernward Vespers Roman „Die Reise“ und Uwe Timms „Heißer Sommer“ (alle drei: unbedingt lesen!) als einer der wichtigsten literarischen Schlüsseltexte der Apo-Revolte gelesen werden. Der Essayist, Maler, Bildhauer und Jazzer Jaeggi (bald 90 Jahre alt) blieb immer ein künstlerischer Freigeist, ein Querdenker, der allen Systemen, Ideologien und Dogmen misstraute. Der Schweizer, der 20 Jahre lang einen Lehrstuhl für Soziologie an der FU Berlin innehatte, schrieb in den 60er Jahren das bis heute lesenswerte Standardwerk „Macht und Herrschaft in der BRD“ Jaeggi gehörte zu den wenigen akademischen Lehrern, die sich selbstkritisch mit der eigenen Position in der universitären Hierarchie auseinandersetzten.

 

Der Schriftsteller ist für ihn ein doppelter «Verräter», weil er sich schreibend verwandelt und sich beim Verraten verrät, also kenntlich macht: «Ich weiss, dass es Aufrichtigkeit beim Schreiben so schwer gibt wie im Leben; anderseits ist jede Zeile überflüssig, wenn dies fehlt», hat er 1981 die Ambiguität des Künstlers formuliert. «Jeden Tag ein Wort weniger», heisst es in einer frühen Erzählung. Auf der Suche nach der eigenen Sprache gilt es, zuerst die zu verlernen, die man spricht.

 

«Ganz bei sich sein. Lebendig, mit jeder Faser, da und versteinert. Steine werfen und der Stein sein, den man wirft.»

 

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14. Lieblingsbuch: Gleich vorweg: Lesen Sie alles von diesem Autor, unbedingt...

 

Yasunari Kawabata. Schönheit und Trauer

dtv, 192 S., 978-3423132169

 

Kyoto, die alte japanische Kaiserstadt, ist mit ihren vielen Tempeln und Palästen ein einziges Weltkulturerbe. Man kann sich vorstellen, wie es da aussieht, die Eigenlogik des Kulturtourismus macht alle Orte ähnlich. Auch in Yasunari Kawabatas Roman „Schönheit und Trauer“ fährt der Held nach Kyoto, um das berühmte Neujahrsglockenläuten zu hören, ein Kulturtourist, wenn man so will, auch er.

Aber zugleich reist er, von einer merkwürdig selbstzerstörerischen Kraft getrieben, um die Frau wiederzusehen, die er vor zwei Jahrzehnten verführte und danach hart am Rande des Wahnsinns zurückließ; inzwischen ist sie als Malerin berühmt geworden und lebt mit einer jungen Schülerin zusammen.

 

Kawabata (1899 - 1972) entstammte einer Arztfamilie aus der Handelsmetropole Osaka. Dort kam er 1899 auf die Welt, in einer Zeit des radikalen gesellschaftlichen Umbruchs in Japan. Kawabata wurde schon bald nach seiner Geburt zum Vollwaisen. Nach mehreren Stationen bei immer entfernteren Verwandten landete er 1909 schließlich in einem Internat: Ein scheuer, hoch begabter Einzelgänger, der schon früh Tagebücher schrieb. Kawabata Yasunari erhält 1968 den Nobelpreis für Literatur.

Kawabata studierte englische und japanische Literatur. 1926 wurde er mit seiner längsten Erzählung "Die Tänzerin von Izu" über die Grenzen Japans hinaus bekannt. 1968 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von 1948 bis 1965 war Yasunari Kawabata Präsident des Japanischen PEN-Zentrums. Er hatte maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der japanischen Literaturszene nach dem Zweiten Weltkrieg. Im April 1972 nahm er sich in seiner Wohnung in der Nähe von Kamakura das Leben.

 

Bei seinen bekanntesten drei Buchtiteln "Schneeland" - auf Deutsch 1957 erschienen - "Tausend Kraniche" und "Ein Kirschbaum im Winter" wird jeweils die Farbe "Weiß" heraufbeschworen. Weiß, wie der Schnee, wie die Federn des Kranichs, weiß auch wie die Blüten des Kirschbaums, die allerdings schon ins Rosa spielen. Im Japanischen, in einem buddhistischen Kontext, deutet "Weiß" auf Trauer, auf Verzicht und Vergänglichkeit, auf Tod - und damit aber auch auf die Möglichkeit des Überwindens hin.

 

Kawabata geht es darum, die Verwicklungen, die Widersprüche, die Knoten, die er in seinen Geschichten knüpft, nicht zu lösen, er belässt sie in ihrer bedrohlichen Rätselhaftigkeit. Der Verzicht auf das deutlich Ausgesprochene wird bei ihm zum Stilmittel. Das Ende ist offen, es liegt in der Fantasie der Leser.

 

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15. Lieblingsbuch: Wir fangen noch einmal an, wir geben nicht auf

 

LARS GUSTAFSSON. Risse in der Mauer

960 Seiten Verlag: FISCHER Taschenbuch; ISBN-13: 978-3596172177, 26,99 €

 

In der Romanpentalogie "Risse in der Mauer" sind versammelt: "Herr Gustafsson persönlich", "Wollsachen", "Das Familientreffen", "Sigismund. aus dem Leben eines polnischen Barockfürsten" und "Der Tod eines Bienenzüchters". Eine Zeitreise durch die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

 

Lars Gustafsson (1936-2016) war einer der bedeutendsten Autoren Schwedens. Der Romancier, Lyriker und Philosoph lebte und lehrte lange Zeit im Ausland, u.a. an der University of Texas in Austin. Hinzu kamen mehrere Forschungsaufenthalte in Berlin, Bielefeld und Tübingen. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, 2009 erhielt er die Goethe-Medaille, 2015 wurde ihm der Thomas-Mann-Preis verliehen. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Dekan (Roman, 2004), Risse in der Mauer (Fünf Romane, 2006), Die Sonntage des amerikanischen Mädchens (Eine Verserzählung, 2008), Frau Sorgedahls schöne weiße Arme (Roman, 2009), Alles, was man braucht. Ein Handbuch für das Leben (mit Agneta Blomqvist, 2010), Das Lächeln der Mittsommernacht. Bilder aus Schweden (mit Agneta Blomqvist, 2013), Der Mann auf dem blauen Fahrrad (Roman, 2013), der Gedichtband Das Feuer und die Töchter (2014), Doktor Wassers Rezept (Roman, 2016) und Etüden für eine alte Schreibmaschine (Gedichte, 2019). Gerade im März dieses Jahres ist sein zusammen mit Agneta Blomqvist verfasstes Kindheitsbuch DOPPELLEBEN erschienen, sehr lesenswert, wie fast alles von diesem liebenswerten Menschen.

 

"Die Welt ist etwas Unerschöpfliches, sie überwältigt uns, wir stehen gelähmt angesichts ihrer Ungleichheit mit uns, ihrer Integrität. du brauchst nicht die physikalische Formel anzusehen, die der Lehrer auf die Tafel schreibt, es reicht, wenn du das Kreidestück in seiner Hand betrachtest, dessen eigentümliche Würde. Dieser kleine Gegenstand kann zu unerschöpflichen Beschreibungen Anlass geben und wie lange du ihn auch beschreibst, bleibt er doch etwas Fremdes, etwas Unerreichbares...

 

Der Roman gibt Einsicht in das Innere, in mögliche Arten, die Welt zu sehen, in eine innere Landschaft, aber nicht deshalb, weil er (durch die Charaktere) einen inneren Verlauf schildert, sondern weil die Erzählung ein innerer Verlauf IST. Ein Roman ist eine innere Landschaft, sichtbar gemacht."

"Warum zum Teufel wird unentwegt von mir verlangt, dass ich mich ändern soll? Warum geschieht nie etwas, das mich verändert?"

 

 

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Lieblingsbuch No. 16: Musen, laßt uns etwas Größeres singen!

 

VERGIL. BUCOLICA

 

Bucolica/Hirtengedichte
Studienausgabe, Latein/dt, Reclams Universal-Bibliothek 18133

9783150181331, 8,80 €

 

 

"Tityrus, du ruhst dich unter dem Blätterdach der weitausladenden Buche aus und improvisierst ein Lied, das zum Wald passt, auf der kleinen Hirtenflöte. Wir verlassen das Gebiet der Heimat und seine lieblichen Äcker. Wir fliehen aus der Heimat – du, Tityrus, lehrst die Wälder, das Lied von der schönen Amaryllis im Echo zurückzuwerfen, müßig im Schatten liegend."

 

Landlust kannte auch schon die Antike, und Rom war Großstadt genug, um gerade auch bei seinen kultivierten Bewohnern die Sehnsucht nach einer einfachen und naturnahen Daseinsform zu wecken. Vergil hat das Landleben zu seinem Thema gemacht. In seinen zehn Hirtengedichten ("Bucolica") besingt er die rustikalen Reize.

Publius Vergilius Maro, deutsch gewöhnlich Vergil, spätantik und mittellateinisch Virgilius und später im Deutschen auch Virgil (* 15. Oktober 70 v. Chr. bei Mantua; † 21. September 19 v. Chr. in Brindisi) war ein römischer Dichter und Epiker, der während der Zeit der Römischen Bürgerkriege und des Prinzipats des Octavian (ab 27 v. Chr. Augustus) lebte.
Er stammte aus bäuerlichen Verhältnissen, erhielt aber eine gründliche Ausbildung in Literatur, Rhetorik und Philosophie. In Rom gelangte er in den Kreis des Maecenas und Oktavians, des späteren Kaiser Augustus. Später lebte er zurückgezogen in Neapel und Nola. Er starb auf der Rückkehr von einer Reise nach Griechenland 19 v. Chr. in Brundisium (Brindisi).
Seine Werke, die "Bucolica" (Eklogen), die "Georgica" und die "Aeneis" und deren Gedanken revolutionierten die lateinische Dichtung und sind kurz nach seinem Tode immer wieder abgeschrieben, herausgegeben, kommentiert und intertextuell verarbeitet worden.
Das Epos "Aeneis" liefert den Gründungsmythos, bzw. die Vorgeschichte zur Gründung der Stadt Rom unter Verarbeitung der mythologischen Stoffe aus den homerischen Epen "Ilias" und "Odyssee".

 

"Du hast Glück gehabt, alter Mann, hier zwischen den bekannten Flüssen und den heiligen Quellen wirst du im Schatten die Ruhe finden. Hier wird dich wie gewohnt von der benachbarten Grenze die Hecke, deren Weidengebüsch von den hybläischen Bienen geweidet wird, mit sanftem Gesumme einschlafen lassen; hier wird der Baumscherer am Fuß des hohen Felsens sein Lied in die Lüfte erklingen lassen, und dennoch werden währenddessen weder die dumpf gurrenden Ringeltauben, die du so liebst, noch die Turteltaube von der luftigen Ulme zu gurren aufhören."

 

Solche Sätze, die uns ältere Menschen ja doch sehr erfreuen, stehen da drin. Und weiter:

 

"Hier kannst du dennoch diese Nacht ausruhen auf dem grünen Laubbett. Wir haben mildes Obst, weiche Kastanien und gepresste Milch zur Genüge, und schon rauchen in der Ferne die Dächer der Landhäuser, und die größeren Schatten fallen von den hohen Bergen."

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17. Lieblingsbuch: Marchons, citoyens! ein wirklich umfangreiches Buch, das einzige, das ich 1979 direkt nach Erscheinen atemlos, ohne zwischendurch zu verweilen,  über Nacht und Tag und Nacht durchgelesen habe. Da sagen die vom Coronaauschuss, dass Bücher keine Lebensmittel seien...

 

Jules Vallès: "Jacques Vingtras – Das Kind – Die Bildung – Die Revolte"; März Verlag, bei Zweitausendeins, Frankfurt, 1979; 946 S., nur noch antiquarisch

 

"Ich packe Fetzen meines Lebens und nähe sie mit dem Anderer zusammen. Wenn ich Lust habe, so lache ich, wenn demütige Erinnerungen mir durch Mark und Bein fahren, so knirsche ich mit den Zähnen."

 

Vallès hielt sich selbst für einen Sozialisten. Marx war ihm offensichtlich unbekannt, Proudhon hatte er flüchtig gelesen, Blanqui war er einige Male begegnet. Was er Sozialismus nennt, ist ein arkadischer Traum von der alles heilenden Revolution. Nach Guillotinierung der Bösewichte und der Abschaffung des Staates bricht das Paradies auf Erden an. Ohne sich darüber im klaren zu sein, war Vallès politisch gesehen ein anarchistischer Träumer. Als "Sozialist" begreift er sich als Wortführer des "Volkes", der "Arbeiter".

 

Er beschreibt z: B.Ducasse, ein Junge mit Mohrrübenhaaren und safrangelbem Bartanflug, rollt die Augen, runzelt die Stirn und predigt die Guillotine. "Dünn wie hundert Nägel, Arme wie Streichhölzer, spindeldürre Waden, Gelenke aus Draht, grimassiert und klappert er wie ein Bündel Hampelmänner an einer Ladentür. Zum Totlachen, wenn er den wilden Kasper spielt."

 

Vallès konnte nicht ahnen, daß dieser gefährliche Popanz ein Dichter war, den die Surrealisten der Vergessenheit entreißen und keineswegs zu Unrecht zum größten Dichter seiner Epoche erklären sollten. Dieser Ducasse ist nämlich, wenn nicht alles trügt, niemand anderer als der "Comte de Lautreamont", der eben seinen Ersten Gesang der "Chants de Maldoror" veröffentlicht hatte. Kurz darauf stirbt er vierundzwanzigjährig völlig unbekannt in Paris. Valles überliefert uns also, sieht man von den zeitgenössischen Polizeiberichten über "Ducasse" ab, das einzige authentische Porträt Lautréamonts.

 

Jules Vallès widmete das erste Buch des ›Jacques Vingtras‹ mit dem Titel ›Das Kind‹: »Allen, die in der Schule vor Langeweile umkamen oder zu Haus weinten, die in der Kindheit von ihren Lehrern tyrannisiert oder von ihren Eltern verprügelt wurden.«
Der zweite Teil, ›Die Bildung‹, trägt folgende Widmung: »Denen, die mit Griechisch und Latein genährt, Hungers gestorben sind, widme ich dieses Buch.«
Den dritten Teil, ›Die Revolte‹, widmete Jules Vallès: »Den Toten von 1871. Allen, die als Opfer der sozialen Ungerechtigkeit gegen eine schlecht eingerichtete Welt zu den Waffen griffen und unter der Fahne der Kommune die große Förderation der Schmerzen bildeten, widme ich dieses Buch.«

 

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18. Lieblingsbuch: Es entfalte „eine bezwingende Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe“ sagt Maike Albath, die Kennerin der italienischen Literatur, die im vorigen Jahr in der Buchhandlung zu Gast war:Natalia GINZBURG. Die kleinen Tugenden 160 Seiten, Verlag: Wagenbach(12. März 2020), ISBN: 978-3803113504, 19.- €                                         Diese Texte über ihre prägenden Lebenserfahrungen gehören zum Persönlichsten, das Natalia Ginzburg je geschrieben hat. Sie erzählt von der Verbannung ihrer Familie in ein abruzzisches Bergdorf, die mit der Ermordung ihres Mannes Leone durch die Nazis in Rom endet; von der verzweifelten Zeit nach der Befreiung, in der Natalia nicht weiß, was mit dem Leben anzufangen sei; von ihrer Freundschaft mit Cesare Pavese, ihrer Beziehung zu dem Anglistikprofessor Gabriele Baldini und der gemeinsamen Zeit mit ihm in England, das ihr das traurigste Land der ganzen Welt zu sein scheint. Ob sie über ihren Beruf, das Schweigen, die menschlichen Beziehungen oder die großen und kleinen Tugenden schreibt, Natalia Ginzburg gelingt es stets, Lebensstoff so zu gestalten, dass große Literatur entsteht.                                                                                   Natalia Ginzburg, geborene Levi, war eine der bedeutendsten italienischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ginzburg schrieb zeitweise unter dem Pseudonym Alessandra Tornimparte. Sie entstammte einer jüdischen Familie aus Triest, wo Ginzburg auch ihre Kindheit verbrachte. Ihr Vater und ihre drei Brüder wurden wegen ihres Widerstandes gegen den Faschismus zeitweise inhaftiert. Natalia Ginzburg starb im Alter von 75 Jahren im Oktober 1991 in Rom und ist auf dem Campo di Verano beerdigt.

 

Lesen Sie nach Möglichkeit auch die anderen Bücher: DAS FAMILIENLEXIKON oder SO IST ES GEWESEN
oder DIE STADT UND DAS HAUS oder DIE STIMMEN DES ABENDS oder...

 

„Ich stellte mir immer eine Menge Dinge vor, wenn ich in der Pension auf meinem Bett lag, und dachte, wie schön es wäre, wenn ich heiratete und meine eigene Wohnung hätte. Ich stellte mir vor, wie ich meine Wohnung mit tausend eleganten Kleinigkeiten und Grünpflanzen einrichten wollte, und wie ich dann in einem großen Sessel liegend Taschentücher sticken würde.

Den Mann, den ich heiraten würde, hatte einmal dieses Gesicht, einmal jenes, aber die Stimme war immer dieselbe, und innerlich hörte ich diese Stimme immer dieselben ironischen und zärtlichen Worte wiederholen. Es war eine finstere Pension mit dunklen Tapeten an den Wänden, und im Zimmer neben meinem wohnte die Witwe eines Oberst, die jedes Mal, wenn ich einen Stuhl verrückte oder das Fenster öffnete, mit einer Bürste an die Wand klopfte. Morgens musste ich früh aufstehen, um zu der Schule zu eilen, an der ich unterrichtete. Während ich mich rasch anzog, aß ich ein Brötchen und kochte mir auf dem Spirituskocher ein Ei. Wütend klopfte die Witwe des Oberst mit ihrer Bürste an die Wand, wenn ich im Zimmer herumlief und meine Kleider zusammensuchte, und die Tochter der Pensionseigentümerin, die hysterisch war, kreischte im Badezimmer wie ein Pfau, weil man ihr heiße Duschen verordnet hatte, die sie angeblich beruhigen sollten.

Ich stürzte auf die Straße, und während ich in der eisigen Morgenluft einsam und allein auf die Trambahn wartete, unterhielt ich mich damit, eine Menge seltsamer Geschichten zu erfinden, die mich wärmten; daher kam ich manchmal mit einem so geistesabwesenden und entrückten Gesicht in die Schule, dass es bestimmt recht komisch aussah.“

"Mein Beruf ist das Schreiben, und ich verstehe mich gut und seit langer Zeit darauf. ... Wenn ich Geschichten schreibe, bin ich wie einer, der in seiner Heimat ist, auf den Straßen, die er von klein auf kennt, zwischen den Mauern und den Bäumen, die ihm gehören. Mein Beruf ist es, Geschichten zu schreiben, erfundene Dinge oder Dinge aus meinem Leben, an die ich mich erinnere, aber jedenfalls Geschichten. Dinge, bei denen nicht die Bildung, sondern nur Gedächtnis und Phantasie eine Rolle spielen. Das ist mein Beruf, und ich werde ihn bis zu meinem Tod ausüben."(Natalia Ginzburg, 1964)

Noch einmal zurück zu Maike Albath. Sie hat mehrere Jahre in Italien verbracht und ist eine der profiliertesten Kennerinnen der italienischen Gegenwartskultur. Für ihre Arbeit als Literaturkritikerin erhielt sie 2003 den Alfred-Kerr-Preis.

BISHER ERSCHIENEN IM BERENBERG-VERLAG:

Der Geist von Turin (über Ginzburg, Pavese...)
192 Seiten · Abbildungen · Halbleinen · fadengeheftet
Frühjahr 2010
ISBN 978-3-937834-37-5
EUR 19,00

Rom, Träume (über Pasolini, Moravia, Fellini...)
304 Seiten · Abbildungen · Halbleinen · fadengeheftet
Herbst 2013
ISBN 978-3-937834-65-8
EUR 25,00

Trauer und Licht (über Lampedusa, Sciacia...)
352 Seiten · Abbildungen · Halbleinen · fadengeheftet
Frühjahr 2019
ISBN 978-3-946334-50-7
EUR 25,00

Alle Bücher sind sehr lesenswert und aufwendig gestaltet. Lesen Sie nicht nur Ginzburg, lesen Sie unbedingt auch Maike Albath

 

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19. Lieblingsbuch: Dieser Schriftsteller hat die Bewohner seines Heimatorts Berg in seinen Romanen nicht geschont.

 

Oskar Maria Graf. Das Leben meiner Mutter

 

Ullstein, gebunden 978-3-548-28874-1, 992 S. 14.- €

 

Geboren 1857, gestorben 1934. Ludwig II., Bismarck, Hitler, der Krieg 1870/71 und der 1. Weltkrieg, die industrielle Revolution und die Weimarer Republik - Resl Heimrath verbrachte ihr Leben in einer Zeit voller Umbrüche. Von Kindheit an war ihr Alltag harte Arbeit und Mühe. Das änderte sich nicht, als sie den Bauernhof ihrer Familie verließ und den Bäckermeister Max Graf heiratete. Sie bekam elf Kinder, von denen acht erwachsen wurden, und blieb trotz aller Ängste, die sie in Kriegs- und Gefahrenzeiten ausstand, der ruhende Pol des Bäckerhauses am Starnberger See. Oskar Maria Graf hat mit diesem Porträt seiner Mutter nicht nur eine Chronik dörflichen Lebens in Oberbayern geschaffen, sondern auch einen sozial- und zeitkritischen Roman von großer poetischer Kraft.

 

Oskar Maria Graf wurde 1894 in Berg am Starnberger See geboren. Von 1911 an lebte er als Schriftsteller in München, war aktiver Teilnehmer an der "Räterepublik". Von Wien aus, seiner ersten Exilstation, protestierte er 1933 mit seinem berühmten »Verbrennt mich!«-Aufruf gegen die Bücherverbrennung. Ab 1938 lebte er in New York, wo er am 28. Juni 1967 starb.

 

Was von Graf in Erinnerung bleibt, war sein kämpferischer Pazifismus, der ihm in der nachfolgenden Zeit immer wieder Freiheitsstrafen einbrachte. Im Ersten Weltkrieg war er als Eisenbahner an der Ostgrenze. 1916 kam er wegen Befehlsverweigerung vor Gericht, wurde in die Irrenanstalt eingewiesen, wo er in Hungerstreik trat und schließlich aus dem Militär entlassen wurde. Vom Kriegsdienst befreit, schrieb er Pamphlete, beteiligte sich am Streik der Münchner Munitionsarbeiter und unterstützte die Räterepublik, wofür er mehrfach ins Gefängnis kam.

 

“Wir zwei Jüngsten spielten nicht mehr, redeten kaum einmal ein Wort, sahen nur hin und wieder auf und suchten bang ihren Blick. Einmal, als es niemand sah, streichelte sie zart, zitternd und wie beschämt über unser dünnes Haar. Eine große Wärme durchrieselte uns dabei."

(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter)

 

Diese große Wärme zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Unbedingst empfehlenswert, ebenso sein Lebensbericht aus dem Exil: WIR SIND GEFANGENE, ebenso wie seine großartigen Gedichte:

 

HEIMAT ÜBERALL

 

So grün hab' ich das Gras noch nie gesehen,
noch nie den See so blau.
Ich muss verwundert stehen bleiben
Und frage mich: "Was ist geschehen?"
Ich kenne doch die Gegend so genau
und könnte blind das kleinste Ding beschreiben.
Ich denke nicht ans Weitergehen
und schaue nur in dieses Grün und Blau ...

Mir ist, als stünde ich wie in den Kindertagen
erstaunt und dennoch tief bekannt
vor diesem fremden Wasser und den Wiesenstreifen
und ich vermag es nicht zu sagen,
wie mich dieses Wiedersehen übermannt
mit diesem Gras, mit jedem Wellenschlagen,
als würde meine Heimat eine Welt umgreifen,
als wär' ich nicht mehr fremd in diesem Land ...

 

In: Manchmal kommt es, dass wir Mörder sein müssen … Gesammelte Gedichte. Berlin, Matthes & Seitz, 2007

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20. Lieblingsbuch: Swetlana Geier, "die Frau mit den fünf Elefanten" hat eine ganz neue Dostojewski-Welt eröffnet, eine die ich sprachlich so vollendet vorher nicht kannte:

 

Fjodor Dostojewskij. Der Idiot. Roman

 

ISBN: 978-3-596-13510-3, 916 S. in der Übersetzung von Swetlana Geier, fischer taschenbuch 16.- €

 

 

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) war ursprünglich Leutnant in St. Petersburg. Er quittierte seinen Dienst 1844, um freier Schriftsteller zu werden. Seine Romane ›Verbrechen und Strafe‹, ›Der Spieler‹, ›Der Idiot‹, ›Böse Geister‹, ›Ein grüner Junge‹, ›Die Brüder Karamasow‹ sowie ›Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‹ liegen im Fischer Verlag in der herausragenden Übersetzung von Swetlana Geier vor

 

»Die gesamte Bewegung des Buches gleicht einem ungeheuren Kratereinsturz«, schrieb Walter Benjamin über den Roman Der Idiot, der 1868 als zweiter der großen »Romantragödien« Dostojewskijs erschien. Im Mittelpunkt steht Fürst Myschkin, ein tragischer Don Quijote, der als »wahrhaft guter Mensch« über die dünne Kruste wandelt, unter der die Themen der Zeit widerhallen: Rußland und Europa, östliche Mystik und Religiosität gegen Industrialisierung, Eisenbahnen und Nihilismus. Myschkin kehrt von einem langen Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz nach Petersburg zurück. Schon im Zug lernt er Rogoschin kennen, der von seiner Leidenschaft zu Nastassja Filippowna erzählt, einer »gefallenen Frau«. Rogoschin zieht ihn in ein Dreieck; aus den sich auf ihn zustürzenden Figuren kann sich Fürst Myschkin nicht mehr befreien, noch kann er Rogoschin von seinem Mord zurückhalten. Am Ende ist Myschkin wie vor dem Sanatoriumsaufhalt ein »Idiot«, ein heiliger Narr, der dem 19. Jahrhundert und uns, seinen Erben, einen schwarzen Spiegel vorhält.

»Dostojewskijs Stimmen sprechen jetzt«, urteilte die Kritik über Swetlana Geiers Neuübersetzung von Verbrechen und Strafe. Dostojewskij charakterisiert seine Figuren nicht durch lange Beschreibungen, sondern durch ihre Sprechweisen. Mit einem genauen Ohr und großem sprachlichen Einfühlungsvermögen gelingt es Swetlana Geier für diese Idiome deutsche Entsprechungen zu finden: die innere künstlerische Statur der Epochenromane wird zum ersten Mal auf deutsch hörbar.

 

Swetlana Geier im Gespräch: "Dostojewski ist eben sehr modern. Er stellt alle wichtigen Fragen: nach der möglichen Freiheit des Menschen, nach Erkenntnis, nach dem Leben, dem Tod, dem Wesen des Schönen, der Möglichkeit des Glaubens. Er schreibt eigentlich immer über das gleiche: den Menschen in seiner Not, der sich selbst sucht und nicht weiß, wer er ist. Wann kann der Mensch schon sagen, wer er ist? Dostojewski kommt zu dem Schluß: fast nie . . .

Der Übersetzer hat es sehr schwer, einen Autor, den er schätzt, nicht zu verbessern. Aber ich empfinde mich nicht als Künstlerin, sondern als Handwerkerin. Ich würde nie Dostojewski untreu werden, um mir oder anderen einen Gefallen zu tun. Ich gehe den Weg, den der Künstler gebahnt hat. Puschkin hat gesagt, Übersetzer sind die Postpferde der Literatur.

Der Anfang ist immer wahnsinnig schwer. Ich lese, lese immer wieder, das Buch selbst und seinen Umkreis in einem weiten Radius. Bei den "Bösen Geistern" zum Beispiel reicht dieser Radius bis zu dem Anarchisten Bakunin. Dabei entdecke ich Strukturen und Zusammenhänge und lerne so das Buch annähernd auswendig. Ich muß mich vom Text lösen können. Ich muß das Ganze erfassen, den Puls hören.

Meine Anmerkungen sind rein sachlich. Zum Beispiel wenn einer sagt: "Selten habe ich so schlecht in meinem Teller gesessen", dann denkt der Leser, die Russen sitzen in Tellern herum. Es bedeutet aber etwa: "Ich fühle mich nicht wohl." Man muß erklären, daß das eine Verballhornung aus dem Französischen ist. Mehr tue ich nicht. Offen gestanden: Ich übersetze für mich selbst. Für wen klettert ein Alpinist? Für sich selbst..."

Foto: Swetlana Geier gemeinsam mit ihrer Enkelin Anna Götte in „Die Frau mit den fünf Elefanten“

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Intermezzo 2

 

JORGE LUIS BORGES

LÍMITES

Hay una línea de Verlaine que no volveré a recordar.
Hay una calle próxima que está vedada a mis pasos,
hay un espejo que me ha visto por última vez,
hay una puerta que he cerrado hasta el fin del mundo.
Entre los libros de mi biblioteca (estoy viéndolos)
hay alguno que ya nunca abriré.
Este verano cumpliré cincuenta años;
La muerte me desgasta, incesante.

 

De Inscripciones, de JULIO PLATERO HAEDO
(Montevideo, 1923)

Jorge Luis Borges, 1960

******
Grenzen

Es gibt eine Zeile von Verlaine, an die ich mich nicht erinnern werde,
es gibt eine Straße in der Nähe, die meinen Schritten verboten ist,
es gibt einen Spiegel, der mich zum letzten Mal gesehen hat,
es gibt eine Tür, die ich bis zum Ende der Welt geschlossen habe.
Unter den Büchern meiner Bibliothek (ich schaue sie an)
gibt es eines, das ich nie öffnen werde.
Diesen Sommer werde ich fünfzig;
der Tod nutzt mich ab, unaufhörlich.

Üb.: Johannes Beilharz

„ Die Bibliothek von Babel “ (  La Biblioteca de Babel ) ist eine kurze Geschichte des argentinischen Autors und Bibliothekars Jorge Luis Borges (1899-1986). 

Die Menschen leben als Bibliothekare in einer riesigen Bibliothek. Sie besteht aus einer ungeheuer großen, wenn nicht unendlichen Zahl von sechseckigen Galerien. An vier Wänden jedes Sechsecks befinden sich Bücherregale, und zwar jeweils fünf Gestelle, von denen jedes 32 Bücher enthält. Jedes dieser seltsamen Bücher umfasst 110 Seiten mit je 3.200 Buchstaben.

Eine der freien Seiten der Sechsecke öffnet sich auf einen schmalen Gang, der in das nächste Sechseck führt. An diesem Gang liegen zwei winzige Kabinette: In dem einen schlafen die in der Bibliothek lebenden Menschen, die Bibliothekare, im Stehen, im anderen eine Toilette. Außerdem befindet sich dort eine Wendeltreppe, die zu den oberen und unteren Geschossen führt....

„Die Bibliothek von Babel“
Die Bibliothek von Babel - bookcover.jpg

Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt, sagte er.

*

21. Lieblingsbuch: Ein etwas anderes Buch über Architektur:

 

Peter Zumthor. Atmosphären. Architektonische Umgebungen - Die Dinge um mich herum.
2006, 75 S., 33 illus., 19 in Farbe, Gebunden in Leinen 34,95€

 

Was «eine architektonische Atmosphäre wirklich ausmacht», sagt Peter Zumthor, ist «diese einmalige Dichte und Stimmung, dieses Gefühl von Gegenwart, Wohlbefinden, Stimmigkeit, Schönheit, ... in deren Bann ich etwas erlebe und erfahre, was ich in dieser Qualität sonst nicht erleben würde.» Seine Leidenschaft gilt der Erschaffung von Gebäuden mit solchen Wirkungsqualitäten, doch wie lassen sich diese eigentlich erzielen?

In neun kurzen, illustrierten Kapiteln erzählt Peter Zumthor - gleichsam in Form einer Selbstbeobachtung- was ihn umtreibt, wenn er die Atmosphäre seiner Häuser zu erschaffen versucht. Dabei sind Bilder von Räumen und Bauten, die ihn berühren, ebenso wichtig wie bestimmte Musikstücke oder Bücher, die ihn inspirieren. Von der Komposition und Präsenz der Materialien über den Umgang mit Proportionen bis hin zur Wirkung des Lichts macht diese Architekturpoesie nachvollziehbar, worauf es beim Entwurf von Häusern ankommt.

Jede Doppelseite enthält eine Illustration, die die Gedanken des Architekten veranschaulichen!

Er benennt neun „Werkzeuge und Instrumente“ seiner Arbeit, mit denen er
die Atmosphäre seiner Häuser generiert.
1.Materielle Präsenz
2. Zusammenklang der Materialien
3. Klang des Raumes
4. Temperatur des Raumes
5.Die Dinge um mich herum
6.Gelassenheit und Verführung
7. Spannung zwischen Innen und Außen
8. Stufen der Intimität
9.Das Licht auf die Dinge

"Meine Entwürfe hängen immer von der Aufgabenstellung ab. Wenn ich ein Gebäude baue, das an einer leeren Stelle an einem norwegischen Strand daran erinnern soll, dass dort vor 300 Jahren Menschen als Hexen verbrannt wurden, hat das eine gewisse Wucht und Kraft. Das ist keine harmlose Hütte, und das weiß man auch sofort. Aber das Äußere ist nicht das Innere. Die äußere Erscheinung meiner Bauten kann zwar zum Teil fast abweisend sein, aber im Inneren haben sie einen warmen und emotionalen Kern. Es ist mir gegeben, dass ich Räume erschaffen kann, die Stimmung und Atmosphäre haben und in denen man gerne ist."

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"Wir leben in einem Zeitalter, das sein Selbstverständnis verliert. Wir nähern uns einer Gesellschaft, die Freiräume zur Entwicklung intellektueller und sonstiger Fähigkeiten in Hülle und Fülle bereit hält, der aber jede Idee, jede Vorstellung von Freiheit abhanden gekommen ist." sagt der Autor des
22. Lieblingsbuchs:

 

Hartmut Lange. Gesammelte Novellen in zwei Bänden in Kassette

 

Hardcover Leinen, Diogenes-Verlag
1152 Seiten
erschienen am 28. März 2002

978-3-257-06293-9
€ (D) 34.90

 

Hartmut Lange zählt zu den Meistern der deutschen Erzählkunst. Seine Novellen thematisieren den schmalen Grat zwischen der Normalität des Alltags und dem Einbruch des Irrationalen, dem metaphysischen Abgrund, der sich dahinter auftut. Sie zeigen Menschen, die ihre scheinbare existentielle Sicherheit verlieren und die pötzlich die Sehnsucht überkommt, jene Grenze zu überschreiten.

Hartmut Lange, geboren 1937 in Berlin-Spandau, studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie. Für seine Dramen, Essays und Prosa wurde er vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin.

In seiner intellektuellen Autobiographie "Irrtum als Erkenntnis. Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller", schreibt Hartmut Lange: »Mit neun Jahren begann ich, Gespenstergeschichten zu erzählen. Das war 1946. Meine Mutter verlor damals ihre Lebensmittelkarte, und da es keinen Ersatz gab, bot ich meinen Mitschülern an, sie zu unterhalten, das heißt, es gelang mir, sie in wenigen Minuten zu fesseln, indem ich etwas Spannendes erzählte. Dafür bekam ich belegte Brote, die ich mit nach Hause nahm.« Ende der siebziger Jahre, Hartmut Lange ist inzwischen ein bekannter Dramatiker, entdeckt er für sich wieder das Geschichtenschreiben, genauer: die Novellenform.

Die Auflagen sind klein, die Resonanz anfänglich gering. »Danke, dass Sie mich in Ihrem Verlag überwintern lassen«, sagt Lange einmal zu seinem Verleger. Le Figaro in Paris schreibt: »Dieser Autor verdient es, dass man ihn mit ganz besonderer Aufmerksamkeit liest.« Der Kreis der Leser ist heute noch überschaubar, doch für die Kritik gehört Hartmut Lange längst zu den Meistern der deutschen Erzählkunst.
Aus einem Interview: "Ja, es ist die Konsequenz der Selbstentdeckung. Ich habe an mir entdeckt, dass ich absolutes Subjekt bin. Ich bin ganz alleine. Alle anderen können eigentlich nur beweisen, dass ich alleine bin, weil sie immer Andere sind. Ich habe sozusagen meine totale Vereinzelung erfahren, und das führt eben dazu, dass man den anderen dann auch einzeln sieht. Früher haben wir das sozial definiert, wir haben nicht den einzelnen gesehen, sondern seine Klassenzugehörigkeit. Wenn man das streicht, sieht man den einzelnen ganz nackt. Aber das ist eine Selbsterfahrung. Wenn ich also Einzelschicksale schildere, meine ich immer meine eigene Erfahrung. Das ist auch wieder eine Prämisse aus der Existenzphilosophie, was ich aber erst nachträglich erfahren habe. Erst die Vereinzelung im Bewusstsein führt zur Wahrheit... Ich habe vor zwei Sachen Angst: Dass wir in einer Welt ohne Geheimnisse leben und dass es hinter der Schattenlinie wirklich nichts gibt. Darum treibt mich eine Sehnsucht, diesen Zustand aufzuheben. Das heißt, ich will der Welt das Geheimnis beimischen und ich will, dass hinter der Schattenlinie doch mehr ist als das sprichwörtliche Nichts. Das mischt sich eben auch immer in diese Figuren hinein."

Viele dieser Novellen sind auch bei Diogenes als Einzelausgaben erhältlich. Das ist rausgeworfenes Geld. Man kommt nicht mehr los von diesen Geschichten.

Rätselhaft und unheimlich ging es bisher stets in Langes Werken zu: ob beim Buchhändler Völlenklee (›Die Wattwanderung‹, 1990), der ohne vordergründig erkennbares Motiv in der Nordsee verschwand; beim Verleger Eichbaum (›Die Stechpalme‹, 1993) oder beim Flaneur Jänicke (›Der Herr im Café‹, 1996), dem von einem Fremden eine mysteriöse Partitur übergeben wurde – immer waren es vermeintliche Nichtigkeiten, die den novellistischen Strom ins Fließen brachten und nach streng rationalen Kriterien kaum zu erklärende Handlungen anstießen.

Man gerät zusehends in den Sog dieser Sprache. Nichts bleibt nach der Lektüre wie es war.

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23. Lieblingsbuch: „Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen.”
Das Hohe Lied 8,5

Guy de Maupassant. Stark wie der Tod
Lieferbar als Ausgabe der Edition Büchergilde 9783864060298, 24,95 €
"Fort comme la mort" erschien 1889, die deutsche Ausgabe erstmals 1918.

 

Maupassant hat einen der berührendsten Künstlerromane der Weltliteratur geschrieben: Das Altersschicksal eines begehrten Porträtmalers der Pariser Oberschicht liest sich als psychologische Studie ebenso ergreifend wie als Meditation über die Vergänglichkeit von Jugend, Schönheit und Sinnlichkeit.

Was einst als Affäre zwischen dem bürgerlichen Maler und einer verheirateten Abgeordnetengattin begonnen hatte, ist im Laufe der Jahre zu einer soliden illegalen Liebesbeziehung geworden: Olivier Bertin findet in der Verbindung mit der bildschönen Madame de Guilleroy jenen animierenden Eros, den er für sein kreatives Schaffen benötigt, jene Geborgenheit, nach der er sich als alternder Junggeselle mehr und mehr sehnt, und die wohltuende Anerkennung seines künstlerischen Ranges. Kurzum, er darf sich für einen glücklichen Mann halten. Da soll eines Tages die Tochter seiner Freundin in die Gesellschaft eingeführt werden. Annette ist so bezaubernd schön, wie es ihre Mutter einst war. Die eigene Vergänglichkeit vor Augen, den quälenden Schmerz endlicher Liebe empfindend, scheint für Bertin mit einem Mal alles bedeutungslos zu werden, was er im Leben und in der Kunst erreicht hat.

Maupassant, ein Meister einer nuancenreichen Liebespsychologie (und als solcher ein Vorläufer Prousts), siedelt im Luxus der Fin-de-siecle-Gesellschaft eine schonungslos betriebene Verfallsstudie des Alterns an, bei der auch die äußerlichsten Parallelen zur heutigen Spaß- und Wellness-Gesellschaft frappant sind: Diätpläne, Fitnessprogramme, Zerstreuungen, all das erscheint als albern verlorene Liebesmüh.

 

(…) eines Abends, nach einer ausgedehnten Plauderei über die Geliebten berühmter Maler, passierte es: sie ließ sich in seine Arme gleiten. Und diesmal blieb sie dort und versuchte nicht zu fliehen und erwiderte seine Küsse.

Von nun an hatte sie keine Gewissensbisse mehr, nur noch das schwache Gefühl eines Verlusts, und den Vorwürfen ihres Verstands begegnete sie mit dem Glauben an eine Schicksalsfügung. Ihr Herz, das die Liebe nicht gekannt hatte, und ihre Seele, die sich langweilte, fühlten sich zu ihm hingezogen, und ihr Körper wurde durch die sanfte Macht der Liebkosungen besiegt; so wurde sie allmählich immer anhänglicher, wie zärtliche Frauen, die zum ersten Mal lieben."

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24. Lieblingsbuch: „ Mich haben immer die Menschen interessiert, doch nie haben sie mir gefallen", sagt Henry James

Henry James. Was Maisie wusste

9783423146395

352 S., 11,90 €
Erscheinungsdatum:
22.06.2018

 

Meisterhaft neu übersetzt: einer der bedeutendsten Romane des Jahrhundertautors

Lady Ida Farange ist eine überdrehte Dame von Welt auf der Suche nach einem Mann mit Geld; ihr Ex-Mann Beale ist nach der Scheidungsschlacht ebenfalls knapp bei Kasse und außerdem ein notorischer Schürzenjäger. Zwischen den beiden Egoisten hin-und hergerissen wird Tochter Maisie: ein halbes Jahr bei der Mutter, ein halbes beim Vater – so lautet der Richterspruch. Die Eltern missbrauchen sie als Instrument ihres gegenseitigen Hasses. Aber Maisie erkennt, wozu sie benutzt wird. Sie stellt sich dumm und beginnt ihrerseits zu taktieren. Wie sich herausstellen wird, ist sie ihren Eltern haushoch überlegen.

 

Die Lieblosigkeit der Erwachsenen erschreckt. Auch ansonsten ist der Begriff des „Kindeswohls“ im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht allzu geläufig. Gerade erst Darwins Theorien angenommen, sieht die Gesellschaft Kinder in etwa auf Stufe von Affen. Wir Leser begleiten Maisie in einem Alter von sechs bis etwa 13 Jahren. In dieser Zeit wird sie wie ein Spielball zwischen Eltern, Stiefeltern, Liebhabern und Gouvernanten hin und her geschubst. Maisie ist nicht nur auf existenzieller Ebene an die Erwachsenenwelt gebunden. Sie besucht keine Schule, hat keinen Kontakt zu Gleichaltrigen. Somit liegt der emotionale und geistige Reifeprozess des Mädchens ebenfalls ganz in den unzuverlässigen Händen ihrer Familie. Maisie muss schnell lernen, deren Spielregeln zu beherrschen. Dabei wird sie mit Fragen wie „Unmoral“ konfrontiert, die sie noch gar nicht verstehen kann. Doch das Mädchen beweist einen starken Charakter. Er ist ganz stark im Schildern seiner Kinderfiguren, lesen Sie auch DIE DREHUNG DER SCHRAUBE, sicher könnten auch PORTRAIT EINER DAME oder DIE ASPERN SCHRIFTEN Gefallen finden. Sie brauchen ein halbes Leben um alle die wunderbaren Bücher dieses Autors zu lesen. Aber was soll's: Sie haben ja noch die andere Hälfte...

 

 

Henry James, geboren am 15. April 1843 in New York City, war der Sohn eines Intellektuellen irischer Abstammung und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. In Amerika und Europa zum Weltbürger erzogen, schrieb er seit 1863 Kritiken und Kurzgeschichten für verschiedene Zeitschriften. Bereits 1871 erschien ›Watch and Ward‹ als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift ›The Atlantic Monthly‹. Jedoch erst den 1875 erschienenen Roman ›Roderick Hudson‹ ließ er als sein Romandebüt gelten. Zahlreiche weitere Werke folgten, darunter ›Daisy Miller‹ (1878), ›Washington Square‹ (1880), ›The Portrait of a Lady‹ (1881) und ›The Turn of the Screw‹ (1898). Henry James lebte ab 1869 überwiegend in Europa. 1877 ließ er sich in London nieder und wurde 1915 britischer Staatsbürger. Mehrfach war er Kandidat für den Literaturnobelpreis, zuletzt im Jahr seines Todes. Er starb am 28. Februar 1916 in seinem Haus im Londoner Stadtteil Chelsea. Bis heute gilt er als Meister des psychologischen Romans.

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Die Lieblingsbuch-Nummern 25, 50 und 75 werden zu literarischen Themen umgewandelt.

 

 

25. Czernowitz-die Stadt der toten Dichter

 

 

 

Hier geht es um das alte habsburgische Kulturland der BUKOWINA. Seit Hitlers Armee 1939 Polen überfallen hat, fühlt sich in der Bukowina, dem Buchenland, wo die Dichter Paul Celan und Rose Ausländer geboren sind, niemand mehr sicher. Jahrhundertelang haben hier Ukrainer und Rumänen, Russen und Juden, Deutsche und Österreicher zusammengelebt. Nun ist alles aus, heute gehört das geteilte Gebiet den Russen, morgen den Rumänen – und die SS wütet mit ihrem Mordkommando. Eines ihrer Opfer wird die junge Autorin, Selma Meerbaum-Eisinger. In einem KZ in der Ukraine stirbt sie am 16. Dezember 1942 an Flecktyphus.

 

Selma Meerbaum-Eisinger. Blütenlese

Gedichte, Reclams Universal-Bibliothek 19059
Verlag/Hersteller: Reclam, Philipp, jun. GmbH Verlag
ISBN/EAN: 9783150190593 - 4.-€

 

1924 wurde Selma Meerbaum-Eisinger in Czernowitz geboren. Die Familie wurde in ein Arbeitslager nach Transnistrien geschafft. Gedichte für ihren geliebten Freund Lejser Fichman schrieb Selma, das junge Mädchen in Czernowitz, heimlich unter der Schulbank. Lejser Fichman übergab die Gedichte einer Freundin, die sie im Rucksack nach Israel rettete. Lejser, der Freund Selmas, ertrank auf dem Weg nach Palästina und Selma Meerbaum-Eisinger starb 1942 mit achtzehn Jahren im Arbeitslager. Die wunderbaren Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund Ich bin in Sehnsucht eingehüllt sind in einem kleinen Büchlein gedruckt. Ein Gedicht ist anrührender als das andere.

 

 

Welke Blätter

 

Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,

sondern rauschet, leise, leise,

wie die tränenvolle Weise, die ich sing’, von Sehnsucht schwer.

Unter meinen müden Beinen,

die ich habe wie im Traum,

liegen tot und voll vom Weinen

Blätter von dem großen Baum.

 

24.9.1939

 

******

 

Paul Celan, 1920 in Czernowitz geboren, gilt als einer der größten Lyriker, der je in deutscher Sprache gedichtet hat. Er hat den Holcaust schwer traumatisiert überlebt. Verwunden hat er ihn nie. 1970 nahm er sich in Paris das Leben.

 

Paul Celan. Die Gedichte. Kommentierte Ausgabe

suhrkamp taschenbuch 3665, Taschenbuch, 1000 Seiten
ISBN: 978-3-518-45665-1

 

Ich kann Dich noch sehn: ein Echo,
ertastbar mit Fühl-
wörtern, am Abschieds-
grat.

Dein Gesicht scheut leise,
wenn es auf einmal
lampenhaft hell wird
in mir, an der Stelle,
wo man am schmerzlichsten Nie sagt.

 

*****

 

Rose Ausländer. Gedichte
Fischer Klassik

:9783596904938
328 S., 15.- €

* 11.05.1901, Czernowitz
† 03.01.1988, Düsseldorf

Rose Ausländer, (geb. Rosalie Scherzer), wird am 11. Mai 1901 als Kind einer jüdischen Familie in Czernowitz geboren.

Die Jahre zwischen 1941 und 1944 muß Ausländer gemeinsam mit ihrer Mutter und dem Bruder im Czernowitzer Ghetto verbringen, wo sie in einem Kellerversteck überlebt. Im Ghetto lernt sie auch Paul Celan kennen, den sie 1957 in Paris wieder trifft und der sie zu einer radikalen Veränderung ihres lyrischen Stils bewegte. Der von Hölderlin und Trakl geprägte, klassisch-getragene Duktus weicht nun einer schnörkellosen, dabei immer musikalisch-rhythmischen Klarheit.

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

 

 

 

Um in die versunkene Welt von Czernowitz, von der so oft die Rede ist, einzutauchen, muss man wohl zurückkehren in die eigene Bibliothek – und Paul Celan lesen, Selma Meerbaum-Eisinger oder Rose Ausländer.

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26. Lieblingsbuch: „Comala (…) liegt auf glühender Erde, geradewegs am Eingang zur Hölle.“

Juan Rulfo. Pedro Paramo. Roman
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN 9783446230668
Gebunden, 175 Seiten, 17,90 EUR
Übersetzung von Dagmar Ploetz

Juan Rulfo wurde am 16. Mai 1917 in Apulco im Distrikt Sayula geboren. Wenig später zog die Familie nach San Gabriel um, wo er seine Kindheit verbrachte. Die Ermordung seines Vaters 1923 und der mexikanische Bürgerkrieg, die Guerra Cristera (1926–1929), waren einschneidende Ereignisse für den Jungen. Die Familie verarmte. 1927 starb seine Mutter. Rulfo lebte kurze Zeit bei seiner Großmutter, kam dann ins Waisenhaus und wurde Schüler des Kollegs von Guadalajara, wo er 1932 das Abitur (bachillerato) ablegte. Ende 1935 zog er nach Mexiko-Stadt.

1953 erschien seine Kurzgeschichtensammlung El Llano en llamas, die ihm ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung einbrachte. 1955 erschien der Kurzroman Pedro Páramo. 1956 zog die Familie nach Veracruz um, wo Rulfo in einem Bewässerungsprojekt mitarbeitete. 1957 kehrte er nach Mexiko-Stadt zurück und begann, Drehbücher zu schreiben. . Nebenbei war er ein exzellenter Fotograf, der die soziale Realität und die Landschaften Mexikos einfing. . Am 7. Januar 1986 starb er in Mexiko-Stadt

Comala ist ein wüster Steinhaufen inmitten einer sonnenverbrannten Einöde Mexikos. Die einen arbeiten sich zu Tode, um überleben zu können, die anderen beuten das Volk aus, betrügen, unterdrücken und morden. Pedro Paramo, Großgrundbesitzer und Dorftyrann, hat in dem heruntergekommenen Dorf "Ordnung" geschaffen. Doch die Toten geben keine Ruhe und reden in ihren Gräbern weiter von seinen Untaten.

"Sind Sie überhaupt lebendig, Damiana? Damiana! Sagen Sie es mir!"
Und plötzlich war ich allein in diesen leeren Straßen."

Der mexikanische Autor, der nur ein knappes Werk geschaffen hat, das in den 50er Jahren entstanden ist, wurde von Autoren wie Borges, Onetti und Garcia Marquez verehrt und gilt als Vorreiter des "Magischen Realismus" Er erzählt vom Herren- und Unmenschen Pedro Paramo, vor allem aber erfindet er, als Ort, an dem Paramo lebt, das Dörfchen Comala. Hier durchdringen sich Gegenwart und Vergangenheit, die Toten sprechen und handeln und fühlen wie wir. Eine scheinbar schlichte, hoch verdichtete, klassische Sprach-Weise begleitet die Protagonisten. In Juan Rulfos epochalem Roman führen Lebende Gespräche mit Toten, Stumme reden und die Seele eines Pferdes, Pedro Páramo ist für mich eines der besten und einflussreichsten Bücher des vergangenen Jahrhunderts.

Erst zum Ende des Buches wird Pedro Páramo menschlicher. Als seine große Liebe – ja, sie existiert – die Welt der Lebenden verlässt, trauert das ganze Dorf, die Glocken läuten. Doch wieder einmal verschwimmen die Grenzen, aus der Trauer wird Frevel, denn Schausteller werden vom Lärm der Glocken angelockt und verwandeln das Dorf in einen Schauplatz der Freude und Sorglosigkeit.

"Und an der Tür lehnte eine Frau und unterdrückte das Weinen. Eine Mutter, die er schon vergessen, immer wieder vergessen hatte und die zu ihm sagte: "Sie haben deinen Vater umgebracht!"

Man muss erst tot sein, um barmherzig zu werden.

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27. Lieblingsbuch: "Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann ohne sie selbst zu glauben"

Theodor W. Adorno. Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Bibliothek Suhrkamp 236, Gebunden, 333 Seiten
ISBN: 978-3-518-01236-9, 20 €

 

"Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren." - Minima Moralia, Aphorismus 122. Gesammelte Schriften 4, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1. Auflage 1997, S. 218

 

Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und starb am 06. August 1969 während eines Ferienaufenthalts in Visp/Wallis an den Folgen eines Herzinfarkts. Von 1921 bis 1923 studierte er in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft und promovierte 1924 über Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänomenologie. Bereits während seiner Schulzeit schloss er Freundschaft mit Siegfried Kracauer und während seines Studiums mit Max Horkheimer und Walter Benjamin. Mit ihnen zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der »Frankfurter Schule«, die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging. Sämtliche Werke Adornos sind im Suhrkamp Verlag erschienen.

 

"Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen." - Minima Moralia. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 22. Auflage 1994, S. 57

 

Der Anlass der Neuauflage des philosophischen Klassikers ist, so Martin Seel, das fünfzigjährige Jubiläum des Buches. Beruhigend für den Leser ist der Hinweis Seels, dass man die "Minima moralia", die in den vierziger Jahren im amerikanischen Exil Adornos entstanden sind, weder als Fortsetzung der "Dialektik der Aufklärung" noch als Vorbereitung zur "Negativen Dialektik" lesen muss. Es handelt sich doch um ein eigenständiges Werk, um ein "Feuerwerk hellsichtiger Gedanken". Geschrieben unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Terrors, seien die "Minima moralia" eine "Diagnose einer global organisierten Unmündigkeit". Der Reiz der Aphorismen sei das Nicht-Systematische, die Aufforderung, durch die Paradoxa zum eigenen Denken animiert zu werden, denn nichts sei so, wie es sich auf den ersten Blick liest. Seel legt dann einzelne Gedankenblitze Adornos aus, vor allem den berühmten Satz "Es gibt kein richtiges Leben im falschen"; generalisierend fasst er schließlich die Maxime von Adornos Denken wie folgt zusammen: Nur vom Unmöglichen her können wir unsere Möglichkeiten verstehen.

 

"In einem philosophischen Text sollten alle Sätze
gleich nahe zum Mittelpunkt stehen."

 

Wer Lust hat auf mehr: "Dem Kind ist selbstverständlich, daß, was es an seinem Lieblingsstädtchen entzückt, nur dort, ganz allein und nirgends sonst zu finden sei; es irrt, aber sein Irrtum stiftet das Modell der Erfahrung, eines Begriffs, welcher endlich der der Sache selbst wäre, nicht das Armselige von den Sachen Abgezogene."
Negative Dialektik (Meditationen zur Metaphysik) oder (auch unbedingt empfehlenswert:)

 

In jedem Blick der Neugier eines Tieres dämmert eine neue Gestalt des Lebendigen, die aus der geprägten Art, der das individuelle Wesen angehört, hervorgehen könnte. (…) Solcher erste tastende Blick ist immer leicht zu brechen, hinter ihm steht der gute Wille, die fragile Hoffnung, aber keine konstante Energie. Das Tier wird in der Richtung, aus der es endgültig verscheucht ist, scheu und dumm. Dummheit ist ein Wundmal. Sie kann sich auf eine Leistung unter vielen oder auf alle, praktische und geistige, beziehen. Jede partielle Dummheit eines Menschen bezeichnet eine Stelle, wo das Spiel der Muskeln beim Erwachen gehemmt statt gefördert wurde. Mit der Hemmung setzte ursprünglich die vergebliche Wiederholung der unorganisierten und täppischen Versuche ein. Die endlosen Fragen des Kindes sind je schon Zeichen eines geheimen Schmerzes, einer ersten Frage, auf die es keine Antwort fand und die es nicht in rechter Form zu stellen weiß. (…) Sind die Wiederholungen beim Kind erlahmt, oder war die Hemmung zu brutal, so kann die Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung gehen, das Kind ist an Erfahrung reicher, wie es heißt, doch leicht bleibt an der Stelle, an der die Lust getroffen wurde, eine unmerkliche Narbe zurück, eine kleine Verhärtung, an der die Oberfläche stumpf ist. Solche Narben bilden Deformationen. Sie können
Charaktere machen, hart und tüchtig, sie können dumm machen – im Sinn der Ausfallserscheinung, der Blindheit und Ohnmacht, wenn sie bloß stagnieren, im Sinn der Bosheit, des Trotzes und Fanatismus, wenn sie nach innen den Krebs erzeugen. Der gute Wille wird zum bösen durch erlittene Gewalt. Und nicht bloß die verbotene Frage, auch die verpönte Nachahmung, das verbotene Weinen, das verbotene waghalsige Spiel, können zu solchen Narben führen. Wie die Arten der Tierreihe, so bezeichnen die geistigen Stufen innerhalb der Menschengattung, ja die blinden Stellen in demselben Individuum Stationen, auf denen die Hoffnung zum Stillstand kam, und die in ihrer Versteinerung bezeugen, daß alles Lebendige unter einem Bann steht.
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno:
Dialektik der Aufklärung (Zur Genese der Dummheit)

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28. Lieblingsbuch: "Eine Erzählung ohne Frau ist eine Maschine ohne Dampf." - in einem Brief an Iwan Leontjew, 22. Januar 1888

 

 

Anton Cechov. Meistererzählungen
Ausgewählt von Franz Sutter. Aus dem Russischen von Ada Knipper, Hertha von Schulz und Gerhard Dick. Mit einem Nachwort von W. Somerset Maugham
Nach welchen Kriterien kann man bei einem Autor dieser Statur und Qualität die besten Erzählungen aussuchen? Am besten, indem man diese Anthologie weniger als eine Auswahl der besten Erzählungen von Anton Cechov versteht – ein wohl unmögliches Unterfangen –, als vielmehr eine Einführung in das Werk des absoluten Meisters der Erzählung.

 

Diogenes Taschenbuch, 272 Seiten, erschienen am 01. Juli 2004,
978-3-257-21702-5, € (D) 12.00

 

Anton Pavlovič Čechov (1860 – 1904): Cechov wurde 1860 in Taganrog (Südrussland) geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und studierte dank eines Stipendiums in Moskau Medizin. Den Arztberuf übte Čechov nur kurze Zeit aus. Der Erfolg seiner Theaterstücke und Erzählungen machte ihn finanziell unabhängig. Seine Lungentuberkulose jedoch erzwang immer häufigere Aufenthalte in südlichem Klima, so dass Čechov auf die Krim übersiedelte. 1901 heiratete er die Schauspielerin Olga Knipper. Er starb 1904 in Badenweiler.

 

Cechov ist ein Mensch der Moderne, der, obwohl streng orthodox-religiös erzogen, nicht mehr glauben kann, der als agnostischer Naturwissenschaftler und Arzt allen geschlossenen ideologischen Gedankengebäuden mißtraut, der – im Gegensatz zu seinen zeitgenössischen Schriftstellerkollegen – nicht den Anspruch erhebt, die ewigen Fragen nach dem Sinn des Lebens beantworten zu können und sich von allen politischen Richtungskämpfen fern hält.

"Angst habe ich vor denen, die zwischen den Zeilen eine Tendenz suchen und die mich unbedingt als einen Liberalen oder Konservativen sehen wollen. Ich bin kein Liberaler, kein Konservativer, kein Reformanhänger, kein Mönch, kein Indifferenter. Ich möchte ein freier Künstler sein und nichts weiter (...) Ich hasse Lüge und Gewalt in all ihren Erscheinungsformen... Firma und Etikett halte ich für ein Vorurteil. Mein Allerheiligstes sind – der menschliche Körper, Gesundheit, Geist, Talent, Begeisterung, Liebe und absolute Freiheit, Freiheit von Lüge und Gewalt, worin sich die beiden letzteren auch äußern mögen."

Cechov ist uns nah in seiner illusionslosen Einsicht in die Unverständlichkeit und Bruchstückhaftigkeit der Welt, in seinem schmerzlich erlebten, aber offensiv verteidigten Verzicht auf eine feste „Weltanschauung“. Vor allem aber ist er uns nah in seinem – trotz dieser nüchternen Erkenntnis – nie aufgegebenen Streben nach Transzendenz.

 

Jede Erzählung ist ein Meisterwerk, z. B: DIE DAME MIT DEM HÜNDCHEN

 

Der alternde Bankier Gurow, der seiner Ehe überdrüssig ist, trifft während eines Kuraufenthalts auf die junge, abenteuerlustige Anna, die dem langweiligen Provinzalltag entfliehen will. In der dekadenten Sommerstimmung Jaltas beginnt Gurow mit ihr eine Affäre – nur eine unter vielen, wie er glaubt. Doch zurück in Moskau kann er Anna nicht mehr vergessen, und sie treffen sich wieder. Was als harmloser Urlaubsflirt begonnen hat, entwickelt sich zu einer ernsten Liebesbeziehung. In seiner 1899 erschienenen Erzählung zeigt sich Cechov auf der Höhe seines Könnens: Knapp, lakonisch und mit fast naturwissenschaftlicher Nüchternheit skizziert er das Verhältnis zweier ganz gewöhnlicher Menschen mit all ihren Schwächen. Er zeigt, wie sie durch die Erfahrung wirklicher Liebe verwandelt und der Banalität ihres Daseins enthoben werden. Dass der notorische Junggeselle und Frauenheld Cechov am Ende seines Lebens mit der Schauspielerin Olga Knipper selbst die große Liebe erlebte, muss man gar nicht wissen, um die tiefe Wahrheit dieser Erzählung zu verstehen. In ihrer schlichten, zeitlosen Modernität spricht sie für sich selbst. Die Erzählung regte Nikita Michalkow 1987 zu seinem Film Schwarze Augen an.

 

Vladimir Nabokov hielt 'Die Dame mit dem Hündchen' für eine der größten Geschichten, die je geschrieben wurden. Hat er recht, der Mann.

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29. Lieblingsbuch:

 

Willa Cather. Lucy Gayheart.

A. d. Engl. v. Elisabeth Schnack. Manesse. 346 S., 19,90 Euro.

 

Mit großem Einfühlungsvermögen und zarter Poesie erzählt Willa Cather die Geschichte einer Selbstfindung. „Lucy Gayheart“ ist das liebevolle Porträt einer jungen Frau, die zu neuen Ufern aufbricht: das erste eigene Zimmer, die erste große Liebe und die ewige Frage, warum man nie den Mann will, den man haben könnte. Jeder im amerikanischen Städtchen Haverford sagt Lucy Gayheart eine glänzende Zukunft voraus: Sie ist jung, hübsch und eine ausgezeichnete Klavierspielerin. Doch Lucy wünscht sich mehr als das langweilige Kleinstadtleben und den wohlhabenden, doch allzu bodenständigen Harry, der sich im geheimen schon als ihr Ehemann sieht. Sie zieht zum Musikstudium nach Chicago, wo sie das Großstadtleben und ihre neugewonnene Unabhängigkeit fern der Heimat genießt.

 

"Es gibt nur zwei oder drei Menschengeschichten, aber die wiederholen sich immer, so heftig, als wären sie nie zuvor geschehen."

 

Willa Cather wurde 1873 bei Winchester, Virginia geboren. Als Achtjährige übersiedelte sie mit ihren Eltern von Virginia nach Nebraska, wo sie mit der Prärie, aber auch mit den dortigen Einwanderern aus der Alten Welt Bekanntschaft schloss. Diese Erfahrungen eines Neben- und Miteinander verschiedener Ethnien, Religionen und Kulturen prägten sie tief. Obwohl sie als Lehrerin, Redakteurin und später als erfolgreiche Schriftstellerin vor allem in New York lebte, spielen ihre Werke meist in der Weite der Prärie des amerikanischen Westens und Südwestens. 1923 wurde Willa Cather mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sie starb 1947 in New York.

1942, es ist Winter in New York, steht Willa Cather unterm schützenden Vordach der New York Public Library. Es herrscht Schneegestöber. Neben ihr ein hübscher, elfenhafter blutjunger Mann. Sie kommen ins Gespräch. Sie gehen in ein Café. Sie reden. Für den jungen Mann wird es eine der "großen Erschütterungen" seines Lebens. Denn er ist ein mindestens so begeisterter Catherianer wie Sinclair Lewis (der ihr gerne seinen Nobelpreis überlassen hätte). "Sie hatte ein wunderbar offenes, außergewöhnliches Gesicht", schreibt er. "Ihr Haar war zu einem Knoten zurückgekämmt. Ihre Kleider fielen weich, waren aber ganz schmucklos - sehr vornehm - und ihre Augen... waren verblüffend blass, blassblau. Als schwebten Teile des Himmels in ihrem Gesicht." Der junge Mann ist gerade mal 18, arbeitet beim "New Yorker", schreibt Geschichten, und er schickt sich gerade an, die Literaturwelt wenigstens in New York aus den Angeln zu heben. Sein Name ist Truman Capote.

“Und in dieser einfachen, manchmal fast linkisch wirkenden Sprache leuchten sie dann auf. Die Sinnlichkeit der Dinge, die Beziehung zwischen den Menschen, ihr Gefühl des Aufgehens in einer höheren Ordnung, in der Natur. Und Frauen wie Antonia und Lucy Gayheart. Sie verzaubern ihre Umwelt (und ihre Leser), tänzeln aber auf einem dünnen Seil über dem Riss zwischen Prärie- und Stadtleben, stürzen ab oder kommen in und mit der Prärie ganz zu sich.“

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30. Lieblingsbuch: Als er am 30. November 1935 im Alter von nur 47 Jahren in Lissabon stirbt, ist er nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt. Heute gilt er als der bedeutendste portugiesische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und als eine der Schlüsselfiguren der literarischen Moderne. Tagsüber als Handelskorrespondent in der Lissabonner Unterstadt tätig, schrieb Pessoa abends für seine legendäre „Truhe“, in der die meisten seiner unveröffentlichten Manuskripte gelandet sind.

Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Lissabon ist die weiße Stadt am Meer, in der sich Traum und Sehnsucht treffen. Keiner konnte ihre Melancholie und Einsamkeit besser ermessen als Fernando Pessoa. Hinter immer neuen Masken schlüpft er durch die engen Gassen, um mit jedem Blick eine neue Szene des kleinen Welttheaters zu erhaschen.
Preis: € (D) 13,00 - Umfang: 640 Seiten als Taschenbuch ISBN: 978-3-596-90309-2

Fernando Pessoa (1888-1935), der bedeutendste moderne Dichter Portugals, ist auch bei uns mit dem »Buch der Unruhe« bekannt geworden. Einen Großteil seiner Jugend vebrachte er in Durban, Südafrika, bevor er 1905 nach Lissabon zurückkehrte, wo er als Handelskorrespondent arbeitete und sich nebenher dem Schreiben widmete. 1912 begann seine Tätigkeit als Literaturkritiker und Essayist. Er schuf nicht nur Gedichte und poetische Prosatexte verschiedenster, ja widersprüchlichster Art, sondern Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens: seine Heteronyme, darunter Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos – und er schrieb eben auch als Pessoa, das im Portugiesischen so viel wie »Person, jemand« bedeutet.

"Unsere größte Angst als einen Zwischenfall ohne Bedeutung ansehen, nicht nur im Leben des Weltalls, sondern in dem unserer eigenen Seele, das ist der Anfang der Weisheit. Sie mitten in der Angst so ansehen ist die vollkommene Weisheit. In dem Augenblick, in dem wir leiden, scheint der menschliche Schmerz unendlich zu sein. Doch weder ist der menschliche Schmerz unendlich, noch ist unser Schmerz mehr wert als eben ein Schmerz, den wir ertragen müssen." - Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Auszug aus einem Fragment vom 5. April 1933

Sie werden, wenn Sie erst einmal angefangen haben, von diesem Dichter nicht mehr wegkommen. Also am besten fangen Sie gar nicht erst mit ihm an. "Mein lieber Freund, Ich habe einige Jahre damit zugebracht, Arten des Fühlens zu sammeln. Es ist dies eine ganze Literatur, die ich geschaffen und erlebt habe, die aufrichtig ist, weil sie gefühlt ist. Unaufrichtig nenne ich Dinge, durch die nicht, wenn auch nur wie ein Windhauch, eine Ahnung von Ernst und Geheimnis des Lebens hindurchgeht. Darum ist alles ernst, was ich unter den Namen Caeiros, Reis‘, Álvaro de Campos‘ geschrieben habe. In jedem von ihnen habe ich eine tiefe Auffassung des Lebens gelegt, unterschiedlich in allen dreien, aber in allen ernstlich aufmerksam für die geheimnisvolle Bedeutung des Existierens.“

Fernando Pessoa: „Ich war ein Dichter, der von der Philosophie angeregt wurde, nicht ein Philosoph mit dichterischen Fähigkeiten. Ich liebte es, die Schönheit der Dinge zu bewundern und im Unmerklichen durch das winzig Kleine hindurch der dichterischen Seele des Weltalls nachzuspüren. Denn Dichtung ist Erstaunen, Bewunderung, wie die eines Wesens, das vom Himmel gefallen ist in vollem Bewusstsein von seinem Sturz und sich verwundert über die Dinge.“

Fernando Pessoa: „19. November. Meine Geistesverfassung zwingt mich derzeit, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte, häufig am Buch der Unruhe zu arbeiten. Aber alles nur Fragmente, Fragmente, Fragmente.“

Unruhig verläuft auch sein sonstiges Leben. Zwischen 1914 und 1920 ändert Pessoa allein zehnmal seine Adresse. Zieht quer durch die ganze Stadt von einem möblierten Zimmer ins nächste und wechselt zwischen ebenso vielen Handelsfirmen, wo er sein Geld verdient. 1920 kehren seine Mutter, seine Brüder und seine Schwester endgültig aus Südafrika nach Lissabon zurück. Der 32-Jährige zieht mit ihnen zusammen in ein Haus in der Rua Coelho da Rocha Nr. 16. Dort wird er bis zu seinem Tod wohnen bleiben. Das Haus in der Rua Coelho da Rocha Nr. 16 beherbergt heute die ‚Casa Fernando Pessoa‘.

Durch ihn habe ich diese schöne Stadt ganz anders sehen gelernt: “Für den Reisenden, der sich auf dem Seeweg nähert, erhebt sich Lissabon, selbst von weither, wie ein schönes Traumgesicht. Gestochen scharf steht es vor einem strahlend blauen Himmel, den die Sonne mit ihrem Gold erheitert. Wie das Schiff weitergeleitet, verengt sich der Fluss, um bald wieder breiter zu werden. Dann scharen sich zur linken Seite über den Hügeln hell die Häuser. Das ist Lissabon."

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Intermezzo 3

Wolfgang Koeppen. Mein Tag ist mein großer Roman

Der geborene Leser, für den ich mich halte, hatte das Glück, schon bevor er lesen lernte und die Kraft erwarb, nie ganz verloren zu sein, Bücher geschenkt oder geliehen zu bekommen, sie in der Hand zu wiegen, sie rundherum zu stapeln, eine Burg nicht aus Sand, und eine literarische Welt, das unermessliche Reich der Gedanken, der Phantasie und der energischen Gefühle neben oder über der Erde der vernünftigen Leute zu ahnen.

Den Unterricht schwänzend, seine Nützlichkeit verachtend, die Schultage im Bett liegend, mit Büchern eingedeckt, war ich mit fünfzehn Jahren überzeugt, zur Republik der Literatur zu gehören und heftete an meine Tür ein Schild: W.K., Literat. Mit anderen Worten: Ich ging freiwillig in die Sklaverei. Wie oft habe ich den bewussten oder unbewussten Schritt, der mich immer noch freut, bereut.

Ich fühlte mich im „Dritten Reich“ als Schriftsteller unterdrückt. Nun war das „Dritte Reich“ weg. Nun konnte ich wieder schreiben. Nun hatte ich wieder Verleger für das, was ich schreiben wollte. Da brach viel hinaus, dass ich dieses was ich als Unterdrückung empfunden hatte nun darstellen wollte. Dass das eine Unterdrückung gewesen sei, und ich strebte nach einer Freiheit des Worts, die ich mir erlaubt habe, ziemlich weitgehend.

Nein, ich war nicht dabei! Ich besitze keine Kamera und kein Scherenfernrohr, ich muß die Herrschaften enttäuschen und leider auch erschrecken: der Vorgang ist viel einfacher und viel, viel unheimlicher. Der Skribent sitzt zu Hause am Tisch, er saugt sich´s aus den Fingern, er richtet seinen Blick ins Leere oder ins Schwarze oder Helle, und sein Blick durchdringt die Türen, die Mauern, die geschlossenen Jalousien, er dringt durch die Kleidung, er dringt ins Herz, und er sieht im Herzen der Menschen die Wahrheit, die Süße und die Bitternis des Lebens, sein Geheimnis, seine Angst, seinen Schmerz, seinen Mut.

Ja, es ist mein Leben, ob ich nun schreibe oder nicht schreibe, es ist mein Leben … Ich lebe literarisch, darüber kann man sich amüsieren, nur ich nicht. Und dann lebe ich auch etwas wie eine Romanfigur. Ich könnte es mir ja einfach machen, wenn ich andauernd mein Leben erzählen würde und aus meinem Leben Bücher entstehen ließe; bis zu einem gewissen Grade tut das ja jeder Schriftsteller, seine Werke sind eine Art fortlaufender Biographie. Aber bei mir ist es so, dass wahrscheinlich mehr als bei anderen der normale Kontakt zum Leben, zur bürgerlichen Existenz, geschwächt ist.

Je mehr ich mich mit der Rede, die ich halten wollte, beschäftigte, je mehr Bücher ich aufschlug, je gelehrter ich wurde, desto unfähiger fühlte ich mich, meine Rede zu vollenden und sie Ihnen gar vorzutragen. Es wuchsen und steigerten sich unüberwindliche Hemmungen in mir und ließen mich langsam zweifeln. Ich bin, glaube ich nun, nicht zuletzt deshalb Schriftsteller geworden, weil ich kein Handelnder sein mag.

in Wolfgang Koeppen: Die elenden Skribenten. 

 

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31. Lieblingsbuch. Wenn wir schon mal hier sind, bleiben wir noch eine Weile in dieser wunderbaren Stadt: Legen wir die Melancholie beiseite und gelangen schließlich zum eher handfesten Thema der Emigration, der Flucht vor den Nazis.

Erich Maria Remarque. Die Nacht von Lissabon

Der Erzähler ist ein deutscher Emigrant, der sich 1942 im Hafen von Lissabon befindet und ein Schiff betrachtet, das am nächsten Tag nach den USA ablegen wird. Soeben hat er sein letztes Geld im Kasino verspielt, in der Hoffnung, ausreichend Geld für eine Schiffspassage in die USA für sich und seine Frau zu erspielen – ein sinnloses Unterfangen letztlich, da beide keine Visa haben. Er trifft einen zweiten Emigranten, der sich ihm als Josef Schwarz vorstellt und ihm anbietet, ihm zwei Pässe mit Visa für die USA sowie zwei Schiffsfahrkarten zu überlassen, sofern der Erzähler ihm, Schwarz, diese eine Nacht Gehör schenke, so dass er ihm seine Lebensgeschichte erzählen könne. Der Erzähler willigt ein und er und Schwarz ziehen in dieser Nacht von einer Lissaboner Bar zur nächsten, durch Bordelle und Cafés, während Schwarz ununterbrochen die letzten Jahre seines Lebens Revue passieren lässt.

Das Buch zeigt auf bedrückende und beeindruckende Weise, wie Menschen ohne Schuld in ausweglose Lebenssituationen gedrängt wurden, sich in diesen bis zur Unkenntlichkeit angepasst haben und wie letztlich doch das Schicksal alle Hoffnung zu beenden vermag. Es zeigt letztlich auch, wie sich Remarque selbst mehr als 20 Jahre nach seiner eigenen Emigration nicht von diesen Themen lösen konnte und wie die Naziherrschaft ihre schreckliche Macht auch lange nach Ende des Krieges weiter auf jene Opfer ausübte, die ihr lebend entkommen waren.

In den ersten Wochen und Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren es vor allem ihre politischen Gegner, die Deutschland aus Angst vor Repressalien und Verfolgung verließen. Erste Zufluchtsländer für viele der insgesamt rund 30.000 bis 40.000 politischen Emigranten waren Frankreich und die Tschechoslowakei. Paris und Prag wurden zunächst die wichtigsten Zentren des politischen Exils. Unter den Exilanten waren viele Künstler und Literaten, denen die Nationalsozialisten jede Grundlage des Schaffens in Deutschland entzogen hatten. Exil, das bedeutete Ausbürgerung, Entrechtung, Heimatlosigkeit - wie es Bertolt Brecht in seinem Gedicht "Über die Bezeichnung Emigranten" eindringlich auszudrücken vermochte. Exil bedeutete für jeden Emigranten gleichermaßen auch Orientierungslosigkeit, Existenzbedrohung, Geldmangel, Sprachprobleme und politische Unmündigkeit, verbunden mit Heimweh und der Sorge um das Wohlergehen daheimgebliebener Verwandter und Freunde.

Bertolt Brecht:

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Das heißt doch Auswandrer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da
aufnahm

Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde täuscht uns nicht! Wir hören die
Schreie

Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.

Erich Maria Remarque, 1898 in Osnabrück geboren, besuchte das katholische Lehrerseminar. 1916 als Soldat eingezogen, wurde er nach dem Krieg zunächst Aushilfslehrer, später Gelegenheitsarbeiter, schließlich Redakteur in Hannover und Berlin. 1932 verließ Remarque Deutschland und lebte zunächst im Tessin/Schweiz. Seine Bücher Im Westen nichts Neues und Der Weg zurück wurden 1933 von den Na­zis verbrannt, er selber wurde 1938 ausgebürgert. Ab 1939 lebte Re­marque in den USA und erlangte 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1970 starb er in seiner Wahlheimat Tessin.

"Ich starrte auf das Schiff. Es lag ein Stück vom Quai ent­fernt, grell beleuchtet, im Tejo. Obschon ich seit einer Woche in Lissabon war, hatte ich mich noch immer nicht an das sorglose Licht dieser Stadt gewöhnt. In den Ländern, aus denen ich kam, lagen die Städte nachts schwarz da wie Kohlengruben, und eine Laterne in der Dunkelheit war gefährlicher als die Pest im Mittelalter. Ich kam aus dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts..."

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32. Lieblingsbuch: so viel hängt ab
von einer roten Schubkarre
glänzend von Regenwasser
bei den weißen Hühnern

William Carlos Williams. Die Worte, die Worte, die Worte
Gedichte, Bibliothek Suhrkamp 76, kartoniert 11,95 €

"Für den Dichter gibt es Ideen nur in Dingen." William Carlos Williams

Neben T.S. Eliot, Ezra Pound und Wallace Stevens zählt William Carlos Williams (1883-1963) heute zu den bedeutendsten Dichtern der modernen amerikanischen Literatur, dessen umfangreiches Werk nicht nur über 600 Gedichte, sondern auch Short Stories, Essays, Theaterstücke, mehrere Romane und ein Opernlibretto umfasst. Williams hat nicht nur für die amerikanische Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts entscheidende Impulse geliefert, bis heute haben seine Gedichte mehrere Generationen von Dichtern beeinflusst, zu seinen Bewunderern zählen unter anderen Allan Ginsberg und John Ashbery. Doch auch in Europa ist der unprätentiöse Poet, der Zeit seines Lebens in Rutherford, New Jersey, als Kinderarzt arbeitete, spätestens seit den 60er-Jahren zu einem wichtigen Orientierungspunkt für die Entwicklungen in der neueren Lyrik geworden. Die ersten deutschen Übersetzungen seiner Gedichte von Hans Magnus Enzensberger, die 1962 erschienen, sind inzwischen legendär.

 

Die vorliegende Sammlung ausgewählter Gedichte (zum Teil zweisprachig) umfasst die frühen, eher experimentellen und scheinbar spontanen Impressionen ebenso wie die Dinggedichte aus den 20er- und 30er-Jahren, in denen Williams das Gedicht als konkretes Objekt der Erfahrung zur Meisterschaft entwickelte. Williams lebenslange Liebe zur bildenden Kunst wird durch zahlreiche "picture-poems" bezeugt, in denen sich der Dichter von Bildern, wie zum Beispiel denen von Breughel inspirieren ließ. Zugleich lässt sich die sorgsame Entwicklung längerer, mehr episch angelegter Gedichte beobachten, die schließlich in dem unvollendet gebliebenen Langgedicht "Paterson" ihren fulminanten Höhepunkt fand.

 

William Carlos Williams: „Ich wollte nur sagen“ / „This Is Just To Say“

 

Ich habe

die Pflaumen

im Eisschrank

gegessen

 

die du sicher

aufheben

wolltest

fürs Frühstück

 

Vergib mir

sie waren köstlich

so süß

und so kalt

Aus dem Amerikanischen übertragen von Heinrich Detering.

***

I have eaten

the plums

that were in

the icebox

 

and which

you were probably

saving

for breakfast

 

Forgive me

they were delicious

so sweet

and so cold

 

Es ist eigentlich nur ein Zettel auf dem Küchentisch. Doch je länger man sich auf seine einfache Botschaft einlässt, desto weitläufiger werden die Zusammenhänge. Und am Ende sieht man eine fast perfekte Ehe vor sich.

 

Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf einen ganz leisen Film. Er ist von Jim Jarmush und heißt "Paterson". Paterson lebt und arbeitet als Busfahrer in der Kleinstadt Paterson im US-Bundesstaat New Jersey. Jeden Tag geht er exakt derselben Routine nach: Er fährt mit seinem Bus immer dieselbe Route, beobachtet die Welt um ihn herum und hört Gesprächsfetzen seiner Passagiere. Danach isst er mit seiner Frau Laura zu Abend, geht mit seinem Hund spazieren und trinkt genau ein Bier in seiner Stammkneipe. Doch in jeder freien Minute schreibt Paterson Gedichte, die von seinen Erlebnissen inspiriert werden. Die Stadt, durch die er chauffiert, Paterson in New Jersey, wirkt heruntergekommen, hat aber ihren Platz auf der literarischen Landkarte der USA: Der Lyriker William Carlos Williams ist hier geboren und hat in den Fünfzigern einen großen Gedichtzyklus über sie verfasst, in einem wilden, aber zuweilen reportagehaft beobachtenden Stil.

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33. Lieblingsbuch:

Man muss schreiben, nicht für den Ruhm, sondern um
das aus dem Gehirn zu vertreiben, was es behindert.

sagt er,

 

Eugène Fromentin in "Dominique". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Ferdinand Hardekopf. Manesse Verlag, Zürich 1967. 414 S., leider nur noch antiquarisch

 

 

Eugène Fromentin (* 24. Oktober 1820 in La Rochelle; † 27. August 1876 in St. Maurice bei La Rochelle) war ein französischer Schriftsteller, Kunstkritiker und Maler. Sein Ansehen als Schriftsteller erlangte er mit dem psychologischen Roman Dominique (1862). Als Maler strebte er besonders danach, die Phänomene des Lichts und der Luft, welche sich im Wüstenklima zeigen, mit größter Feinheit der Pinselführung wiederzugeben, zugleich aber der Staffage eine charakteristische Bedeutung zu verleihen. Seine Spezialität war die Abstufung der Töne in Grau und Violett.

 

Fromentin läßt sein Buch (es ist sein einziger Roman) in der weichen melancholischen Landschaft seiner Heimat spielen, die Erzählung ist indirekt: Der Ich-Erzähler des Buchs hört sich die Liebes- und Lebensgeschichte seines Freundes Dominique an, der sich einst, noch unbewußt, in die schöne Kusine eines Freundes verliebt hat. Als er sie wiedersieht und weiß, daß er sie liebt, ist sie verheiratet; sie ist nicht glücklich; er geht in ihre Nähe; und sie nun, mitfühlend mit seiner Liebe, deren Ursache sie ist, beginnt, erst unbewußt auch, ihn zu lieben.

 

Balzac, bei einem ähnlichen Thema, in der "Lilie im Tal", schreibt nur einen Roman, Fromentin, ein Dilettant gegen ihn (ein Liebhaber eben, ein wahrer Liebhaber), das Buch seines Innern. So sehn Lieblingsbücher aus, die einer haben könnte.

 

Im wahren Leben hieß die Angebetete Anne Louise Germaine Necker, fast ausschließlich bekannt als Madame de Staël und war selbst eine deutsch-schweizerisch-französische Schriftstellerin und politisch hoch engagierte Frau in unruhigen Zeiten und zudem eine der bekanntesten Frauen ihrer Epoche.

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34. Lieblingsbuch: Vier außergewöhnliche Dichter stehen im Mittelpunkt der vier Novellen: Jakob Michael Reinhold Lenz, Giacomo Casanova, Honoré de Balzac und Robert Walser.

 

Gert Hofmann. Gespräch über Balzacs Pferd. (Die Rückkehr des verlorenen Jakob Michael Lenz nach Riga, Casanova und die Figurantin, Gespräch über Balzacs Pferd, Der Austritt des Dichters Robert Walser aus dem Literarischen Verein)

 

Gert Hofmann wurde 1931 in Limbach / Sachsen geboren. Nach dem Studium in Leipzig und Freiburg lehrte er an mehreren Universitäten im Ausland Literaturwissenschaft, bis er sich als freier Autor in Erding bei München niederließ. Sein Werk wurde unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und zuletzt mit dem Literaturpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet. Vier Wochen nach Abgabe des Manuskripts für seinen letzten Roman Die kleine Stechardin starb Gert Hofmann 1993 in Erding.

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"Einmal sagte der Großvater: Die meisten Filme, die es gibt, habe ich nun gesehen. Ich erinnere mich an alle. Das war eigentlich das schönste in meinem Leben. Jetzt kann nicht mehr viel kommen."
Gert Hofmann: "Der Kinoerzähler" (1990), Hanser Verlag
Gert Hofmanns Roman ist vieles: ein schöner Führer durch die Stummfilmgeschichte, ein Provinz-Roman, ein Buch über einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Geschichte und nicht zuletzt das liebevolle Porträt eines schwierigen, aber unbedingt sympathischen Charakters.

Lenz, Casanova, Balzac und Robert Walser - nicht irgendwelche Schriftsteller sind es, die Gert Hofmann sich als Protagonisten dieses wunderbaren Novellenbandes ausgesucht hat. vielmehr sind es solche, die - so verschieden sie auch voneinander sind - zu den Umgetriebenen, den ständig Gefährdeten zählen, ganz gleich, ob ihr Lebenslauf auch nach außen hin offensichtlich bewegt war (wie bei Casanova) oder nicht (wie bei Walser). Die Spuren eines Dichters sind seine Bücher, die doch nicht zu trennen sind von dem Leben, das er geführt hat und aus dem sie erwuchsen. Nicht Neugier, sondern Anteilnahme und Wahlverwandtschaft haben Hofmann bewogen, mit hilfe seiner Phantasie eine summe aus seinen Erfahrungen mit den Genannten und sich selbst zu ziehen. Diese Novellen beziehen ihre Spannung aus der UNERHÖRTEN BEGEBENHEIT ebenso wie aus dem KONFLIKT DES GESETZLICHEN UND DES UNGEBÄNDIGTEN. sie schildern Kulminations- und Wendepunkte außergewöhnlicher Existenzen, in denen das historisch Denkbare als das gegenwärtig Wahrhafige erscheint. Wo der Geschichtsschreiber sagt: So war es, da sagt der Schriftsteller: So könnte es gewesen sein und meint damit: So ist es.

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35. Lieblingsbuch: "Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem Hintern."

 

Michel de Montaigne. Essais. Übersetzt von Hans Stilett

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten, Verlag: Die Andere Bibliothek; ISBN-10: 3847700014, 79.- €
»Daß ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden«, schrieb Friedrich Nietzsche über den französischen Philosophen Michel de Montaigne. Montaignes berühmte Essais liegen hier, übersetzt von Hans Stilett, vollständig vor.

Ob Stilett oder nicht Stilett, daran scheiden sich die Geister. Für mich persönlich sind die alten zerfledderten Diogenes Ausgaben mindestens genausoviel wert wie die Pracht-und Luxusausgaben, die man nur mit spitzen Fingern angreifen kann. Auch an den Übersetzungen der verschiedenen Auswahlen, die ich besitze, konnte ich bisher nichts Schlimmes finden. Stolpern gehört zum Handwerk und führt einem manchmal auf Pfade, von denen der Autor nicht das Geringste geahnt hat.

Michel de Montaigne wurde am 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne im Périgord geboren. Er stammte aus einer reichen Kaufmannsfamilie und genoss eine humanistische Erziehung. Nach dem Studium der Rechte fungierte er von 1557-1570 als Parlamentsrat, zog sich aber nach dem Tod seines Freundes La Boétie in das Turmzimmer seines Schlosses zurück, um zu schreiben. Er war ein großerer Wanderer. Die Entdeckung der Gedanken beim Gehen. Es folgten Reisen durch Italien, die Schweiz und Deutschland. Von 1582-1585 war er Bürgermeister von Bordeaux. Der große Gelehrte, der sich bewusst von der Schulphilosophie fernhielt, starb am 13. September 1592.

 

„Das Besondre unseres Menschseins besteht darin, dass wir zugleich des Lachens fähige und lächerliche Wesen sind“, fand Michel de Montaigne. Und Hans Stilett, einer seiner Übersetzer, fährt fort: „Montaigne ist kein Humorist – er hat Humor. Man kann ihn sich schwer als Zünder von Lachsalven vorstellen, doch ebensowenig als alles gutheißenden Menschheitsbeschmunzler. Sein ganz eigener Witz liegt in dem trocknen, einen Sachverhalt pointierenden Vorbringen, ob durch die Blume oder unverblümt.“

1998 erschien das Hauptwerk eines vorher ziemlich unbekannten Journalisten, eine großformatige Übersetzung sämtlicher Essays des französischen Philosophen und Politikers Michel de Montaigne. Es war die erste vollständige Gesamtübersetzung seit über 200 Jahren.

 

Zum Beispiel über seine Körpererfahrungen, seine Krankheiten, seine Genüsse, seine Freundschaften und körperliche Freuden: „Ich liebe das Leben und hege und pflege es so, wie Gott es uns zu geben gefallen hat“, heißt es einmal. Dabei war Montaigne auch Bürgermeister von Bordeaux und Freund des aufgeklärten Königs Henri IV., bewegte sich viel, nicht nur gedanklich: „Mein Geist rührt sich nicht, wenn die Beine ihn nicht bewegen“, schrieb er. Sein Geist rührte sich derart, dass er in den Essays, eine Gattung, die er überhaupt erst erfunden hat, gern auch einmal springt, bis er auf den Punkt kommt.

Und auch Stilett gelingt es, gekonnt von Punkt zu Punkt zu springen, und damit die Art von Montaignes Denken nachvollziehbar zu machen, die nicht immer geradlinig war, sondern auch assoziativ – und damit viel gedankenvoller und lebendiger. In einer gelungenen Mischung aus Biografie und Essay, zusammen mit Betrachtungen über Montaignes Stil und Anmerkungen über die Kunst, zu übersetzen, ist das Buch eine gelungene Einführung in das Werk eines der größten Denker und gleichzeitig eines der größten Stilisten aller Zeiten. „Kein Gegenstand ist so geringfügig, dass er nicht mit Fug und Recht in diese bunte Folge aufgenommen würde“, schreibt Montaigne, und Stilett macht klar, dass das ein großartiges Understatement ist, denn von diesen „geringfügigen“ Gegenständen kommt Montaigne auf den größten: die Kunst, zu leben.

Bild: Saint Michel de Montaigne, Pays de Bergerac

Bild könnte enthalten: Gras, Baum, Himmel, Pflanze, im Freien und Natur
 
 

36. Lieblingsbuch: And now, ladies and gentlemen: DER ZAUBERER

 

Thomas Mann. Der Zauberberg

Roman, Reprint der Ausgabe Berlin 1924 - 9783103481280, 1008 S. - 22.- €

 

Thomas Manns Ehefrau Katia verbrachte 1912 mehrere Monate in einem Lungensanatorium in Davos. Die Eindrücke, die Mann bei seinen Besuchen sammelte, hat er im »Zauberberg« verarbeitet. Bereits 1913 begann er mit der Arbeit an dem Roman, der 1924 veröffentlicht wurde. Die weltliterarische Bedeutung des Romans, den Mann als große symphonische Wort-Musik komponiert und als „Lebensbuch“ konzipiert hat, wurde schon bei seinem Erscheinen im November 1924 erkannt.

 

 

Ein junger Mensch, Hans Castorp, fährt im Sommer 1907 von seiner Heimatstadt Hamburg auf Erholungsreise in die Schweizer Alpen. Im Sanatorium Berghof in Davos besucht er seinen lungenkranken Vetter Joachim Ziemßen, der die Offizierslaufbahn einschlagen will. Ein kurzer Familienbesuch, weiter nichts. Aber dann zieht die Welt des Sanatoriums Hans Castorp in Bann, die verführerische Atmosphäre des Zauberbergs, die Aura von Krankheit und Frivolität, die "dort oben", im Luxusmilieu der Lungenkranken, alles durchdringt. Hans Castorp erlebt moralische, geistige und sinnliche Abenteuer, zu denen er nicht ohne Weiteres vorbestimmt schien. Und dann entdeckt Hofrat Behrens, der Chefarzt des Sanatoriums, auch noch eine feuchte Stelle in seiner Lunge. Jetzt beginnt er: der Totentanz des Abendlands.

 

„'Zum Leben‘, sagt einmal Hans Castorp zu Madame Chauchat, ‚zum Leben gibt es zwei Wege: der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg.‘“

 

Hans Castorp wird als Siebenschläfer bezeichnet, und man kann nicht umhin, dabei an das Buch des australischen Historikers Christopher Clark über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zu denken, das den Titel "Die Schlafwandler" trägt. Thomas Mann hat diese Metapher schon vor neunzig Jahren verwendet, denn auch er selbst war ein Schlafwandler gewesen. Sein Held Hans Castorp, der "philosophischen Taugenichts", wie er einmal genannt wird, ist eine sehr deutsche Figur. Durch seine Perspektive wird alles - oder fast alles - erzählt, er bestimmt, beherrscht, "trägt" das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Aber was sich aus seiner Geschichte lernen lässt, bleibt dem Leser überlassen. Sein Krankheitsbild ist das vieler Zeitgenossen; er selbst nennt es "Sympathie mit dem Tode", und er weiß in seinen besten Augenblicken, dass er diese Sympathie bekämpfen und überwinden muss. Aber zuletzt muss er in den Krieg, und ob er davonkommt, bleibt im Ungewissen... mit Schuberts "Am Brunnen vor dem Tore" auf den Lippen: "Lebewohl Hans Castorp ... Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel."

 

Ich habe immer wieder versucht, literarische Orte aufzusuchen - Romane, die mir gefallen haben (und dieser Roman ist sicher einer , den man nie vergisst, mit all diesen schillernden Figuren, der Sprache, die einem nicht loslässt, dem Stolz, diesen ungeheuren literarischen Berg bewältigt zu haben, aus dem man sich nicht zwischendurch abgeseilt hat - nach Davos wollte ich nie. Ich hätte auch diesen Autor nicht kennenlernen wollen, seine Bücher werden mir aber unvergesslich bleiben.

 

Auch "Doktor Faustus"... "denn es war nur ein Schmetterling und eine bunte Butterfliege, Hetaera Esmeralda, die hatt es mir angetan durch Berührung, die Milchhexe, und folgte ihr nach in den dämmernden Laubschatten, den ihre durchsichtige Nacktheit liebt, und wo ich sie haschte, die im Flug einem windgeführten Blütenblatt gleicht, haschte sie und koste mit ihr, ihrer Warnung zum Trotz, so war es geschehen. (Thomas Mann: Doktor Faustus, Stockholm 1947, S. 755), aber lassen wir das.

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37. Lieblingsbuch: Seit dieser Zeit (seit ich Zazie das erste mal gelesen habe) weiß ich, was ein onomatopoetischer Charakter ist, nämlich der Versuch lautmalerisch das Gemeinte nachzuahmen... Immerhin.

 

Raymond Queneau. Zazie in der Metro

Suhrkamp 2019, 240 Seiten, 22 Euro.

 

Zazie in der Metro (Zazie dans le métro) ist ein Roman des französischen Schriftstellers Raymond Queneau. Er wurde erstmals 1959 bei Éditions Gallimard veröffentlicht. Die erste deutsche Übersetzung von Eugen Helmlé erschien 1960 bei Suhrkamp 2019 brachte der Verlag eine Neuübersetzung von Frank Heibert heraus.

 

Die kleine Göre Zazie aus der französischen Provinz trifft am Gare d'Austerlitz in Paris ein. Ihre Mutter will am Wochenende ein ungestörtes Liebesabenteuer verleben und vertraut ihre altkluge Tochter der Obhut ihres Onkels Gabriel an. Zazies sehnlichster Wunsch ist eine Fahrt mit der Pariser Metro; umso größer ist die Enttäuschung, als diese wegen eines Streiks außer Betrieb ist. So lernt Zazie erst einmal ihre neue Umgebung kennen: den tuntigen Onkel Gabriel, der angeblich als Nachtwächter arbeitet, dessen sanfte Frau Marceline, den Kneipier Turandot, seine Kellnerin Mado Ptits-pieds, der vom Taxifahrer Charles der Hof gemacht wird, den Schuster Gridoux sowie Turandots Papagei Laverdure, der alles und jeden mit dem Satz „Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst“ kommentiert. Der Lieblingssausspruch der begeistert fluchenden Zazie ist dagegen „am Arsch“.

Gabriel und Charles wollen Zazie Paris zeigen und führen sie auf den Eiffelturm. Dort tanzt Gabriel vor aller Augen als „Gabrielle“ den sterbenden Schwan. Die Touristen sind begeistert und brechen sogleich nach Gibraltar auf, ihrer nächsten Reiseetappe. Die verbliebene Gruppe begibt sich zum Place Pigalle, um den Abend mit einem Teller Zwiebelsuppe ausklingen zu lassen. Bald ist der Streik beendet, die Metro fährt wieder, doch Zazie verschläft die Fahrt wie schon den Großteil des vergangenen Abends. Als ihre Mutter sie am Bahnhof abholt, weiß Zazie als Antwort auf die Frage, was sie das Wochenende über getan habe, nur zu sagen: „Ich bin älter geworden.“ Mit diesem Buch werden Sie sich keine Sekunde langweilen.

 

Die Verfilmung von Louis Malle aus dem Jahr 1960 kam in Deutschland unter dem Titel Zazie in die Kinos.

Das habe ich mir einmal mit ein paar Kumpels in der Buchhandlung angesehen. Den anderen hat's gefallen.

 

Der Übersetzer Frank Heibert sagt: Wir haben einen Stadtroman, wir haben eine Art von Roadmovie durch Paris mit genau all dem, was ein Roadmovie auszeichnet mit irgendwie absurden Begegnungen und Überraschungen und wo der Plot gelegentlich auch mal vergessen wird, und dann kommt was anderes, und irgendwann geht es dann wieder dahin zurück. Das ist das eine, die Paris-Atmosphäre. Dann natürlich diese originellen Figuren, die in jeder Großstadt vorkommen, aber nicht in jedem Roman darüber. Und dann natürlich der Humor, der in der Sprache liegt, also auch der Genuss, mit dem Queneau selbst zwischen einer ironischen Erzählerinstanz und den sehr direkt und manchmal auch ironischen, umständlich sprechenden Figuren wechselt. Das macht einfach Spaß für jeden, der an Sprache ein bisschen Spaß hat. Und diese Respektlosigkeit ist das, was das alles zusammenhält. Also Autoritäten überzeugen uns nur, wenn sie uns überzeugen. Wenn nicht, tritt man ihnen vor das Schienbein.

 

„Man fährt eine bestimmte Anzahl von Zeichen ein, die frei von jeder Bedeutung oder, wenn man es lieber will, frei von jeder Interpretation sind, und Regeln, die festlegen, welche (endlichen) Folgen dieser Zeichen als wahr in Betracht kommen.“

 

Das ist Queneau, der Humorist, der durch „Zazie in der Metro“ populär geworden ist, zuvor mit der in den Kellern von St. Germain des Prés von Juliette Greco gesungenen Ballade „Si tu t’imagines“. Queneau, der träumerische Poet, der Verfasser vieler Drehbücher, der jahrelang zu den Surrealisten gehörte und bis heute zur erlauchten Gesellschaft der „Pataphysiker“, die im Namen Alfred Jarrys, des Schöpfers von „Vater Ubu“, die „Wissenschaft der Ausnahmen pflegt, deren Mitglied auch Ionesco ist, den Queneaus „Stilübungen“ entscheidend beeinflußt haben. Sind nun diese Zitate etwa Beispiele der Parodie wissenschaftlicher Ausdrucksweisen durch einen Humoristen?

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38. Lieblingsbuch: Bleiben wir am besten in dieser Stadt: „Die wichtigste Gabe eines guten Autors ist ein eingebauter, stoßfester Mistdetektor. Das ist der Radar des Autors, und alle großen Schriftsteller haben ihn besessen.“ sagt

 

Ernest Hemingway. Paris. Ein Fest fürs Leben

Rowohlt Taschenbuch 11.- €

A Moveable Feast - Die Urfassung

Als Hemingway 1956 nach Paris zurückkehrte, ließ er sich aus dem Keller des Hotels Ritz seine alten Koffer bringen. Sie enthielten Tagebücher und Aufzeichnungen aus den Zwanzigern, seiner Zeit als Auslandskorrespondent.
Hemingway nahm sich diese frühen Notizen vor und formte daraus den Roman seiner Pariser Jahre. Für ihn war es eine glückliche, prägende Zeit, als er an der Seine angelte, bescheidene Gewinne beim Pferderennen in Champagner umsetzte, mit Gertrude Stein, James Joyce, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald zusammentraf.

 

Ein Mädchen kam ins Café und setzte sich allein an einen Tisch beim Fenster. Sie war sehr hübsch, ihr Gesicht so frisch wie eine neu geprägte Münze, falls man Münzen in weiches Fleisch auf von Regen erfrischte Haut prägt, und ihr Haar war schwarz wie ein Krähenflügel und an der Wange entlang schräg geschnitten.
Ich sah sie an, sie brachte mich durcheinander und machte mich ganz aufgeregt. Ich wünschte, ich könnte sie in der Geschichte unterbringen, oder sonst irgendwo, aber sie hatte sich so gesetzt, dass sie die Straße und den Eingang beobachten konnte, und ich wusste, sie wartete auf jemanden. Also schrieb ich weiter.
Die Geschichte schrieb sich selbst, und ich hatte große Schwierigkeiten, mit ihr mitzuhalten. Ich bestellte noch einen Rum St. James und beobachtete das Mädchen, wenn ich einmal aufblickte oder wenn ich den Bleistift mit dem Spitzer anspitzte und die aufgerollten Späne in den Unterteller unter meinem Glas rieselten.
Ich habe dich gesehen, Schöne, und jetzt gehörst Du mir, auf wen auch immer du wartest, selbst wenn ich dich niemals wiedersehe, dachte ich. Du gehörst mir, und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.

Hemingways letztes Buch führt zu seinen Anfängen zurück: Es ist eine Feier des Lebens und des Schreibens, ein Erinnerungsbuch voll jugendlicher Kraft und melancholischem Humor, das nun, neu übersetzt, erstmals in der vom Autor hinterlassenen Fassung vorliegt.

 

(...) Paris war eine sehr alte Stadt, und wir waren jung, und nichts war dort einfach, nicht einmal die Armut, nicht einmal unverhofftes Geld oder das Mondlicht oder Recht oder Unrecht oder das Atmen eines Menschen, der neben dir im Mondlicht lag.

 

Es war wunderbar die vielen Treppen in dem Bewusstsein hinunterzusteigen, dass ich mit der Arbeit gut vorangekommen war. Ich arbeitete immer, bis ich etwas geschafft hatte, und hörte immer auf, wenn ich wusste, wie es weitergehen würde. Auf diese Weise konnte ich sicher sein, am nächsten Tag weiterzukommen. Aber manchmal, wenn ich eine neue Geschichte anfing und nicht in Schwung kam, saß ich vor dem Kamin und quetschte die Schalen der kleinen Orangen über der Flamme aus und sah ihrem blauen Funkenstieben zu. Oder ich stand auf und schaute über die Dächer von Paris und dachte: ‚Keine Sorge. Du hast immer geschrieben und wirst auch jetzt schreiben. Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.‘
Damals war es einfach, denn es gab immer einen wahren Satz, den du kanntest oder gelesen oder von jemandem gehört hattest.

Hemingway mit Sylvia Beach vor SHAKESPEARE & COMPANY

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39. Lieblingsbuch: "Selten habt ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich euch, Nur wenn wir im Kot uns fanden, So verstanden wir uns gleich."

 

 

Heinrich Heine. Das Buch der Lieder (Erstausgabe 1827)

Hoffmann & Campe 978-3455404968

 

Heinrich Heine, geboren am 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, Herzogtum Berg; gestorben am 17. Februar 1856 auf seiner Matratzengruft in seinem Pariser Exil. Und ich steh jedes Jahr einmal an seinem Grab auf dem Friedhof von Montmartre. Das „Buch der Lieder“ ist seinem Charakter nach ein Buch der Liebe, genauer: der unglücklichen Liebe, die Heine in hundertfacher Variation besungen hat.

 

 

 

Abenddämmerung.

 

Am blassen Meeresstrande
Saß ich gedankenbekümmert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer, und warf
Glührothe Streifen auf das Wasser,

Und die weißen, weiten Wellen,

Von der Fluth gedrängt,
Schäumten und rauschten näher und näher –
Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,

Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen –

Mir war als hört’ ich verscholl’ne Sagen,
Uralte, liebliche Mährchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,

Wenn wir am Sommerabend,

Auf den Treppensteinen der Hausthür,
Zum stillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen, horchenden Herzen

Und neugierklugen Augen; –

Während die großen Mädchen,

Neben duftenden Blumentöpfen,
Gegenüber am Fenster saßen,
Rosengesichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.

 

(Aus dem wunderbaren Zyklus: Die Nordsee. 1825–1826.)

 

„Einige Freunde dringen drauf, daß ich eine auserlesene Gedichtesammlung, chronologisch geordnet und streng gewählt, herausgeben soll, und glauben, daß sie eben so populär wie dieBürgersche Göthesche, Ulandsche u. s. w. werden wird. Varnhagen giebt mir in dieser Hinsicht manche Regeln. Ich würde einen Theil meiner ersten Gedichte aufnehmen […] ich wollte für dieses Buch keinen Schilling verlangen, die Wohlfeilheit und die andern Erfordernisse des Popularwerdens wären meine einzigen Rücksichten, es wär' meine Freude, Maurern und Dümmlern zu zeigen, daß ich mir doch zu helfen weiß, und dieses Buch würde mein Hauptbuch seyn und ein psychologisches Bild von mir geben, – die trüb-ernsten Jugendgedichte, das „Intermezzo“ mit der „Heimkehr“ verbunden, reine blühende Gedichte, z. B. die aus der Harzreise, und einige neue, und zum Schluß die sämmtlichen colossalen Epigramme."

( In einem Brief vom 16. November 1826 an Friedrich Merckel)

 

Heine hatte zeitlebens – auch schon mit dem Buch der Lieder – Probleme mit der Zensur. Hier jedoch ausnahmsweise noch weniger aus politischen Motiven als aufgrund der Verwendung von Wörtern und Formulierungen, die als obszön angesehen wurden. So wurde beispielsweise aus einem Gedichtanfang, der in der ersten Auflage noch

Auf deinen schneeweißen Busen
Hab’ ich mein Haupt gelegt

hieß, später

An deine schneeweiße Schulter
Hab’ ich mein Haupt gelehnt

Ebenso wurden die Gedichte wegen zu vulgärer Sprache kritisiert.

 

„Die Aufnahme der Körperlichkeit ins lyrische Inventar löste in Deutschland eine Flut von Schmähungen aus, die bezeichnenderweise stets vom Modell des Erlebnisgedichts her argumentieren und die Texte als biographische Dokumente auffassten. Dabei ist ihr starker politischer Akzent nicht zu übersehen: Die Liebe stand im reaktionären Deutschland wie die Politik im Zeichen von Entsagung und Unterdrückung.“ (Bernd Kortländer, Kindlers Literaturlexikon, 2009).

 

„Das Buch der Lieder ist ein harter Brocken“, gestand Robert Gernhardt, der erst spät zum Heine-Anhänger wurde. Weil, was den einen zum Vorwurf gereichte – Heine habe der Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass jeder Kommis an ihren Brüsten herumfingern könne (Karl Kraus), das erschien den anderen als längst überfällig. „Wir von der Neuen Frankfurter Schule haben ihr dann auch noch das Höschen geweitet. Man muß sie schon ein bißchen frei machen, damit man mit ihr spielen kann“, so Gernhardt im Interview.

 

In Paris (1843 bis 1844) traf Heine auch auf den jungen Karl Marx und dessen Kreis bzw. dessen engste Anhängerschaft. Der Begegnung mit Marx hatte der Schriftsteller einiges an Kraft und Stärke seiner politischen Dichtkunst zu verdanken. Marx und seine Freunde mussten Paris im Jahr 1944 verlassen. Es war für Heine nur eine recht kurze, aber durchaus entscheidende Begegnung.

 

Heine lohnt sich. Lesen Sie unbedingt auch seine REISEBILDER und DEUTSCHLAND EIN WINTERMÄRCHEN und die FRANZÖSISCHEN ZUSTÄNDE.

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40. Lieblingsbuch: Sicher eines der schönsten Bücher der letzten Jahre. Schmeißt alle Neuerscheinungen aufs Buchtransportvernichtungsband von Herrn Denis Scheck und lest:

 

Kaouther Adimi. Was uns kostbar ist

Roman

Aus dem Französischen von Hilde Fieguth

Hardcover, mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85787-485-7
Seiten 224, 2018
€ 22.00

 

Kaouther Adimi, geboren 1986 in Algier, lebt und arbeitet seit 2009 in Paris. Sie veröffentlichte bisher vier Bücher, die zahlreiche Preise erhielten. Nach Des ballerines de papicha und Des pierres dans ma poche (dt. Steine in meiner Hand, Lenos 2017) war ihr dritter Roman Nos richesses (dt. Was uns kostbar ist, Lenos 2018) für den Prix Goncourt 2017 nominiert und wurde mit dem Prix Renaudot des lycéens und dem Prix du Style ausgezeichnet.

 

Was der ahnungslose Student Ryad bei seinem Ferienjob in Algier vorfindet, ist ein geschichtsträchtiger, einzigartiger Ort: In der Buchhandlung, die er ausräumen soll, wirkte einst Edmond Charlot (1915–2004), der hier 1936 mit Les Vraies Richesses ein blühendes Zentrum der Bücher gründete, Bibliothek, Verlag und Treffpunkt in einem.
Charlot entdeckte Albert Camus, Jules Roy und weitere literarische Grössen des 20. Jahrhunderts. Während des Zweiten Weltkriegs galt er als »der Verleger des freien Frankreichs«, namhafte Autorinnen und Autoren gingen bei ihm ein und aus. Trotz politischem Druck, einer Inhaftierung unter dem Vichy-Regime und kriegsbedingtem Papiermangel engagierte er sich unermüdlich für die Literatur. Nach Kriegsende wirkte er in Paris, wo er bald in finanzielle Not geriet und seine Autoren an die grossen Verlage verlor. Doch den Buchladen in Algier gibt es bis heute.

Der jungen algerischen Autorin gelingt mit ihrem preisgekrönten Roman eine Hommage an die Literatur und einen herausragenden Förderer. Lebensnah und einfühlsam skizziert sie in einem fiktiven Tagebuch Edmond Charlots bewegtes Leben. Sie erzählt zudem von einem politisch und kulturell engverwobenen und gleichzeitig zerrissenen Mittelmeerraum in einer turbulenten Zeit. Und sie schlägt den Bogen in die Gegenwart, wo Charlots Welt der Literatur neu zu entdecken ist.

Adimi erzählt die Geschichte eines Verlegers, der sich politischen Opportunitäten, dem Zugriff der Zensur und den Zwängen der Marktwirtschaft konsequent entzog.

 

Unbedingt lesen, auch das Vorgängerbuch STEINE IN MEINER HAND, ebenso bei Lenos erschienen. Aufgewachsen in Algier, baut sich die junge Erzählerin in Paris ein eigenständiges Leben auf. Als anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester ein Besuch in der Heimat bevorsteht, wird sie von ihrer Vergangenheit, den Erwartungen der Familie und ihren eigenen Ängsten und Fragen an die Zukunft eingeholt. Klug und bisweilen schwankend zwischen Nostalgie und frechem Witz durchleuchtet sie ihre traditionelle Erziehung ebenso wie ihre Freuden und Leiden in der europäischen Großstadt. Vor allem aber macht ihr das halbfreiwillige Singledasein als Dreißigjährige zu schaffen. In ihrem zweiten Roman beobachtet Kaouther Adimi den Balanceakt einer jungen Frau, die ihre Identität zwischen unterschiedlichen Welten und Lebensentwürfen sucht.

 

Ihre großen Literatur-Vorbilder sind Virginia Woolf und Samuel Beckett. Wir werden noch von ihnen hören. Der Titel „Des pierres dans ma poche“ wurde in Anlehnung an Virginia Woolfs Vita gewählt; diese hatte sich mit Steinen in ihrer Manteltasche als Ballast im Fluss ertränkt. Parallelen auch im Kampf einer Frau, die sich in einer Männergesellschaft und aus deren ökonomischer Abhängigkeit befreien wollte.

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Intermezzo

 

Heinrich Böll. Über das Schreiben

 

...Ich suche mich selbst, zehnjährig, mit dem Fahrrad zur Schule unterwegs. Nicht meine Erinnerung, nicht, was andere zu erinnern glauben. Meine Frau suche ich, zehnjährig, meine Kinder, Freunde, Geschwister. Ich möchte die verfluchte Chronologie zerstören, die eine 1923, die andere 1935 oder 1917 sehen, auf dem Schulweg, auf der Straße spielend, in der Kirche, im Beichtstuhl.

Ich möchte die Beichten all dieser Zehnjährigen mithören; ich kann mir viel vorstellen, fast alles: den einen zehnjährig auf einem Trümmergrundstück 1957, den anderen zehnjährig 1958 auf dem Schulhof eines Gymnasiums, einen anderen 1960 zehnjährig in einem Park.

Es wird viel erzählt, viele erinnern sich an vieles, es gibt da Fotos, verschiedene Perspektiven, Interpretationen, Milieudetails, alles vorhanden, Schulzeugnisse, Wehrpässe, Gebetbücher, Kinderzeichnungen, Briefe, sogar Tagebuchblätter; es ließe sich alles verwenden, ergänzen, vorstellen mit ziemlicher, annähernder, mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Ich möchte mehr, ich möchte das Feuchte in ihren Augen sehen, ihnen die Hand vor den Mund halten, um ihren Atem zu spüren, das Brot sehen, in das die einen, den Apfel, in den die anderen beißen, 1930 oder 1935; den Ball in der Hand, die Kreidestriche auf dem Pflaster; die Musterung auf der Waschschüssel, in der Maria das Rübenkraut trug, und die Schuhe des wahrscheinlich rothaarigen zehnjährigen mageren, sommersprossigen Jungen, der Victor hieß.

Ich will nicht das Unvergängliche, das Gegenwärtige will ich, das vergangen ist. Nicht das Erzählte, nicht einmal das Wahre und schon gar nicht das Ewige. Ich will die Gegenwart des Vergangenen. Einsteigen und aussteigen, wo ich möchte.

Das Sprungseil vom Leipziger Platz und die Brote, die in der Machabäerstraße auf dem Schulhof gegessen wurden; Kreidestriche auf dem Trottoir der Teutoburger Straße, Sägemehl auf dem Hof des Hauses an der Schwanenkampstraße; das Bier, das auf dem Pflaster der Pletzergasse verschüttet wurde, im Krug geholt, damit der Alte einmal zu Hause blieb; die Klinker aus der Kreuzmacherstraße. Den Apfel, in den ein Mädchen 1940 biss, oder den anderen, den ein anderes Mädchen 1935 pflückte.

Nicht als Andenken, nicht als Anekdotenvehikel, nicht als Vitrinenfetisch, nein, weil es da war, nicht mehr ist und nie mehr sein wird. Ich will das Haar, das vom Haupt gefallen ist.

Auszug aus: Suchanzeigen – Novelle von Heinrich Böll

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41. Lieblingsbuch: …wie soll ich mich wiedererkennen, da ich mir nie begegnet bin … (aus Der Namenlose)

 

Samuel Beckett. Erzählungen und Texte um Nichts

978-3518010822 Bibliothek Suhrkamp

 

Erzählungen und Texte um Nichts (frz. Nouvelles et Textes pour rien) ist ein Sammelband mit Kurzgeschichten. Dieser umfasst 13 Kurzgeschichten, die meist nur in Fragmenten vorhanden sind und meist eine Länge von nur drei oder vier Seiten haben. Sie entstammen den Jahren 1947 bis 1952, einer der produktivsten Phasen Becketts, in der dieser Warten auf Godot, Molloy, Malone stirbt und Der Namenlose (alles natürlich unbedingt lesen, alles) veröffentlichte.

Gemeinsam führen sie ein in die typische Gestaltenwelt und die stetig sich wiederholende Problematik Samuel Becketts. Sie machen keine Zugeständnisse, aber sie sind leichter zugänglich als die großen epischen Dichtungen, zu denen sie sich verhalten wie ein Bruchstück zum Ganzen, ein Bruchstück, aus dem man das Ganze rekonstruieren könnte.

 

"Wohin ginge ich, wenn ich gehen könnte, was wäre ich, wenn ich sein könnte, was sagte ich, wenn ich eine Stimme hätte, wer spricht so und nennt sich ich? Einfach antworten, jemand möge einfach antworten. Es ist derselbe Unbekannte wie immer, der einzige, für den ich existiere, in der Höhle meiner Inexistenz, seiner, unserer, das ist eine einfache Antwort. Denkend wird er mich nicht finden, aber was kann er machen, lebendig und ratlos, ja, lebendig, was er auch sagen mag. Mich vergessen, mich ignorieren, ja, es wäre das Klügste, er kennt sich aus."

 

Eine breite Rezeption erfuhr das Werk allerdings durch ein Zitat, das am Anfang des dritten Textes vorkommt: Was liegt daran wer spricht, jemand hat gesagt, was liegt daran wer spricht., das von Michel Foucault an zentraler Stelle in seinem kanonischen Text WAS IST EIN AUTOR aufgegriffen wurde.

 

Samuel Beckett wurde am 13.04.1906 in Dublin geboren und starb am 22.12.1989 in Paris. Er schrieb in englischer und französischer Sprache. Er hat zahlreiche Romane, Erzählungen, Gedichte, Drehbücher und Theaterstücke verfasst, u.a. "Warten auf Godot" (1952) und "Endspiel" (1957). Charakteristisch sind sowohl der Rückzug der Protagonisten ins Innere, groteske Elemente und symbolische Verschlüsselung. 1969 erhielt Beckett den Nobelpreis für Literatur.

Das bekannteste Werk von Samuel Beckett ist „Warten auf Godot“. (Zwei Männer warten auf einen dritten, der niemals kommt, echt absurd). Es erlebte am 5. Januar 1953 seine Uraufführung in Paris. Im deutschsprachigen Raum wurde das Werk erstmals am 8. September 1953 im Schlossparktheater Berlin aufgeführt.

Bereits seit 1937 lebte Beckett in Frankreich. Nachdem er in den ersten Jahren britischer Staatsbürger war, wurde er mit der Unabhängigkeit von Irland im Jahr 1921 irischer Staatsbürger. Beckett verfasste seine ersten Werke in der englischen Sprache. In seiner fruchtbarsten Phase schrieb er seine Texte in Französisch. In den folgenden Jahren wechselte er zwischen beiden Sprachen. Häufig übernahm er auch die Übersetzung seiner Texte selbst.

 

ich bin dieser streifen aus sand der sich hinzieht
zwischen dem geröll und der düne
der sommerregen regnet auf mein leben
auf mich mein leben das mich flieht verfolgt
und enden wird am tag seines beginns

teurer moment ich seh dich
in diesem nebelschleier der zurückweicht
wo ich nicht mehr treten muß diese langen fließenden schwellen
und leben werde so lange wie eine tür
sich öffnet und wieder schließt

 

(Gedichte, übersetzt von Mirko Bonné)

 

"Beckett ist kein Hermetiker, nichts bei ihm ist dunkel, es findet sich bei ihm kein Symbol, die Metapher ist ihm undenkbar. Seine Welt ist so gegenständlich, wie sein prototypischer Held gegenwärtig ist, den er dem Leser zur Identifikation anbietet. Seine Sprache nennt auch dort, wo sie stammelt oder sich aufzulösen scheint, das Ding noch beim Namen, kein Wort steht für etwas anderes, als was es zu bezeichnen hat. Im Gegensatz zu Joyce bleibt Beckett deskriptiv. Was er in seinem Essay über Joyce schreibt -- "Hier ist die Form der Inhalt, der Inhalt ist die Form" und "Er schreibt nicht über etwas; sein Schreiben ist dieses Etwas selbst" -, gilt für ihn selbst nicht.Sein Thema ist das Erlöschen und Ersterben. Besessen von diesem Thema, behandelt er es in immer sparsamer werdender Variation." schrieb Wolfgang Hildesheimer.

 

Entscheidend ist, dass Beckett den Leser nicht vor eine vollendete Bewertung der Wirklichkeit stellt, sondern ihm die Entscheidung überlässt. Er zeigt ihm die Gefahren des Schwindens und Fallens in der entzauberten Welt; aber die kleinen Lichtblicke auf das Sein, die das Werk beinahe unmerklich bietet, und sei es das Bild des Kindes an der Hand des Vaters als Erinnerung an Becketts eigene Kindheit in „Aufs Schlimmste zu“, schränken die Universalität des Nichts als alleiniges Prinzip ein. Auch Beckett selbst hat nicht endgültig Stellung bezogen, das „Vielleicht“ fängt sein Werk immer vor dem völligen Abgleiten in die Absurdität auf.

 

gut gut es ist ein land
wo das vergessen dort lastet das vergessen
leicht auf den namenlosen welten
da schweigt man um den kopf herum der kopf ist stumm
und man weiß nein man weiß nichts
der gesang der toten münder stirbt
auf dem strand er war auf reisen
es gibt nichts zu beweinen

meine einsamkeit ich kenn sie geh ich kenn sie kaum
ich hab zeit das ist was ich mir sage ich hab zeit
doch was für zeit hungrige knochen die zeit des hunds
des unaufhörlich verblassenden himmels meines körnchens himmel
des strahls der zittrig schimmernd aufsteigt
der mikronen von finsteren jahren

sie wollen daß ich von A nach B gehe ich kann nicht
ich kann nicht weg ich bin in einem land ganz ohne spuren
ja ja das ist eine feine sache die sie da haben eine ganz feine sache
was ist das stellen sie mir keine fragen mehr
spirale staub von momenten was ist das dasselbe
die ruhe die liebe der haß die ruhe die ruhe

 

(übersetzt von Mirko Bonné)

 

 

Falls Sie noch eine Ausgabe seiner Gedichte erhalten, greifen Sie zu. Es ist die beste Einführung in sein Werk.

Was motiviert Samuel Beckett und Alberto Giacometti im Mai 1961 zu ihrer einzigartigen Zusammenarbeit am Büh-nenbild des Dramas Warten auf Godot? Wenngleich die beiden Künstler sich erst im Herbst 1937 begegnen und eine fast dreißig Jahre währende Freundschaft miteinander pflegen, teilen sie bereits ab 1930 in ihrem literarischen und skulpturalen Werk zwei große Themen: “Entzweiung” und “Prozeß”.
Unter dem Einfluß von Henri Bergson gelangen sie zur Überzeugung, es sei unmöglich, mit dem Schöpfungsobjekt eins zu werden. Eine literarische oder skulpturale Figur entzieht sich dem Künstler während des Darstellungsprozesses; sie löst sich in ihrem Raum-Zeit-Kontinuum auf. Lediglich eine Annäherung an das Objekt wird möglich, nicht die Identität mit ihm. Zum einzig darstellbaren Sujet im Werk beider Künstler wird ihre Unfähigkeit, das totale Objekt ihrer Begierde in seinem werdenden Vergehen zu erfassen. Dieses vollkommene Objekt wird durch eine Baum-Frau verkörpert. Die ästhetische Affinität von Beckett und Giacometti bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Eros und Erkenntnistrieb.

Foto: Giacometti und Beckett

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42. Lieblingsbuch: Ethels neuer Hund ist tot. Die Wahrheit ist, kein Hund kann die Anstrengung aushalten, mit Ethel zu leben.

 

Virginia Woolf. Die Wellen

S. Fischer Taschenbuch 12.- €

 

"Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur daß das Meer leicht gefältelt war wie ein zerknittertes Tuch. Allmählich, während der Himmel weiß wurde, erstreckte sich eine dunkle Linie am Horizont, die das Meer vom Himmel trennte und das graue Tuch wurde von dicken Streifen durchzogen, die sich, einer nach dem anderen, unter der Oberfläche bewegten, einander folgend, einander jagend, immerzu."

 

Die Wellen, Virginia Woolfs sechster Roman, wurde 1931 veröffentlicht. Es ist das originellste und tiefgründigste all ihrer Bücher, vielleicht ein Meisterwerk, ein »Klassiker« (E. M. Forster). »Die Wellen«, schrieb Stephen Spender, »das mir als größtes Werk Virginia Woolfs erscheint, ist einer dieser Romane unserer Zeit, der seit dem Tag, an dem er veröffentlicht wurde - vor beinahe zwanzig Jahren -, eine immer größere Wirkung entfaltet hat.«

In den ›Wellen‹ sind sechs Personen versammelt. Ihre Stimmen evozieren die Intensität der Kindheit, die Zuversicht und sinnliche Erfahrung der Jugend, das Losgelöstsein des mittleren Alters. Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Reflexionen kommen und gehen im Voranschreiten des Erzählstroms wie die Jahreszeiten, wie die Wellen, die Sonne.
Virginia Woolfs farbig instrumentierte Beschwörung der Entwicklung von Bernard, Louis, Neville, Rhoda, Jinny und Susan - sechs ganz unterschiedliche Stimmen -, ihre kunstvolle Darstellung der Ebbe und Flut ihrer sinnlichen und intellektuellen Erfahrungen stellt eines der radikalsten Experimente der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts dar. ›Die Wellen‹ ist die höchst eigenwillige Antwort der Moderne auf das traditionsreiche Genre des Bildungsromans.

 

 

Virginia Woolf wurde am 25. Januar 1882 als Tochter des Biographen und Literaten Sir Leslie Stephen in London geboren. Zusammen mit ihrem Mann, dem Kritiker Leonard Woolf, gründete sie 1917 den Verlag The Hogarth Press. Ihre Romane stellen sie als Schriftstellerin neben James Joyce und Marcel Proust.
Zugleich war sie eine der lebendigsten Essayistinnen ihrer Zeit und hinterließ ein umfangreiches Tagebuch- und Briefwerk. Virginia Woolf nahm sich am 28. März 1941 in dem Fluß Ouse bei Lewes (Sussex) das Leben.

 

"Sowie sie sich der Küste näherten, hob sich ein Streifen nach dem anderen, schob sich hoch, brach und wischte einen dünnen Schleier weißen Wassers über den Sand. Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewußt kommt und geht. Allmählich wurde
der dunkle Streif am Horizont klar, als hätte sich die Ablagerung in einer alten Weinflasche gesetzt und das Glas erschiene wieder grün. Dahinter klärte sich auch der Himmel, als hätte sich dort die weiße Ablagerung gesetzt, oder als höbe der Arm einer Frau, die hinterm Horizont ruhte, eine Lampe in die Höhe, und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers. Dann hob sie ihre Lampe höher, und die Luft schien auszufasern und sich von der grünen Oberfläche zu lösen, sie flackerte und flammte in roten und gelben Fasern wie rauchendes Feuer, das aus einem Freudenfeuer aufprasselt. Allmählich verschmolzen die Fasern des brennenden Freudenfeuers zu einem einzigen Dunst, einem weißen Glast, der das Gewicht des wollnen grauen Himmels emporhob und in eine Million hellblauer Atome verwandelte. Die Meeresoberfläche wurde langsam transparent und lag gekräuselt und glitzernd da, bis die dunklen Striche nahezu weggewischt waren. Langsam hob der Arm, der die Lampe hielt, sie höher und dann noch höher, bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden."

 

Gefangen in diesem Rhythmus, in den sich das Leben der Figuren unbehaust und hilflos gegenüber allen Erschütterungen einfügt, gibt es nur den einen Trost: Es gibt immer etwas, das man als nächstes tun muss. Dienstag folgt auf Montag; Mittwoch auf Dienstag, wie Bernard mehrmals in dem langen Monolog am Ende des Romans den Sinn seines Lebens umkreist. Es geht weiter, stellt er fest, aber warum? Die Sprache dieses Buches zu erleben, den stream of consciousness, Bewusstseinsstrom ist ein Ereignis. Dieser Chor der Stimmen ist der eigentliche Inhalt des Romans.

 

Ein unglaubliches Buch! Was für eine Schriftstellerin!

 

Neben ihren Tagebüchern und Briefen hat Virginia Woolf einige Memoiren hinterlassen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Den ersten dieser Texte schrieb sie mit 26 Jahren, lange bevor sie als Schriftstellerin hervortrat; an dem letzten arbeitete sie bis wenige Monate vor ihrem Tod. Mit fast analytischer Genauigkeit hält sie den Zauber, aber auch die Schrecken und Abgründe ihrer Kindheit fest. Sie berichtet von der allmählichen Befreiung aus der Enge ihres viktorianisch-prüden Elternhauses und von den Anfängen der legendären »Bloomsbury Group«. Nicht ohne Witz und Ironie schildert sie diesen unkonventionellen Freundeskreis aus Künstlern und Schriftstellern, der ihr Denken und Schreiben entscheidend mit beeinflusst hat.

 

Virginia Woolf. Augenblicke des Daseins

S. Fischer Verlag

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43. Lieblingsbuch: „M'illumino d'immenso“(Ich erleuchte mich durch Unermessliches)!

Giuseppe Ungaretti
Gedichte - Italienisch und deutsch
Übertragung und Nachwort von Ingeborg Bachmann

Bibliothek Suhrkamp 70, Gebunden, 163 Seiten
ISBN: 978-3-518-01070-9

(1888 in Alexandria, Ägypten geboren, 1970 in Mailand gestorben) ist der Archipoeta, der Erzvater der modernen italienischen Dichtung. Man hat ihn einen Hermetiker genannt; aber dieses Schlagwort, zur Erklärung seines Werkes erfunden, hat es eher verdunkelt. Uns Heutigen erscheint es in strahlender Deutlichkeit, als ein Rätsel, das keiner Lösung bedarf. Ungaretti ist von nichts befangen; diese Freiheit ist es, was sein Dichten zu einem „offenbaren Geheimnis“ macht: lapidar, unzweideutig, schön wie ein Kieselstein.

„Jetzt werde ich nur im Traum/die vertrauensvollen Hände küssen können ... Und ich streite mich herum, arbeite,/bin kaum verändert, fürchte, rauche ... Wie ist’s möglich, daß ich gegen soviel Nacht ankomme? ...“

Ingeborg Bachmann ist unter den deutschen Lyrikern eine der ersten, die den lapidaren Stil gemeistert haben. Ihr Romaufenthalt war eine gute Schule. Auch für die Kantilene, das plötzliche Blühen des Steins, hat sie Gehör: „Auf die Hügel bin ich wieder gegangen, zu den geliebten Pinien/Und der heimatliche Tonfall im Wohlklang der Luft,/Den ich nie wieder mit dir hören werde,/Zerreißt mich bei jedem Atemzug...“ Sie holt aus unserer härteren Sprache auch die zarten Nuancen.

Senza piú peso

Ohne Gewicht

a Ottone Rosai
Per un Iddio che rida come un bimbo,
Tanti gridi di passeri,
Tante danze nei rami,

Un'anima si fa senza piú peso,
I prati hanno una tale tenerezza,
Tale pudore negli occhi rivive,

Le mani come foglie
S'incantanto nell'aria...

Chi teme piú, chi giudica?

Für einen Gott, der wie ein Kind lacht,
Soviel Sperlingsschreie,
Soviel Tänze in den Zweigen,

Eine Seele wird sich leicht,
Die Wiesen haben eine solche Zärtlichkeit,
Solche Scham wird in den Augen wieder lebendig,

Die Hände wie Blätter
Verzaubern in der Luft...

Wer fürchtet noch, wer urteilt?
1934

Ebenso wie Bachmann selbst ist auch Ungaretti – eine Ausnahme innerhalb der italienischen Literatur, die stark im Lokalen wurzelt - ein Kosmopolit, ein weit gereister Mann, in dessen Gedichten unterschiedlichste kulturelle Horizonte verschmelzen.
Geboren und aufgewachsen als Kind italienischer Emigranten in Alexandrien, Ägypten, ging er als junger Mann zunächst nach Italien, dann nach Paris, wo er den Kontakt zu den maßgeblichen Künstlern seiner Zeit suchte. Später ließ er sich in Rom nieder, bis er 1936 auf einen Lehrstuhl an die Universität von Saõ Paolo in Brasilien berufen wurde. Zu Beginn der vierziger Jahre kehrte er nach Rom zurück und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung zeitgenössische italienische Literatur.

In seinem Gedicht Wanderer verknüpft Ungaretti die existentielle Heimatlosigkeit des Vagabunden mit der Utopie des unschuldigen Landes und fügt diese beiden Topoi zu einem Sinnbild des 20. Jahrhunderts zusammen. Über alle Gräben – und Gräber – hinweg ist und bleibt der Mensch ein Suchender. Jenes sagenhafte Land, das, um mit den Worten Ernst Blochs zu sprechen, jedem in die Kindheit schien, in dem aber noch niemals jemand war, wirkt als geheime Kraftquelle des Lebens und der Literatur ungebrochen fort.

Wanderer

An keinem
Ort
der Erde
kann ich
heimisch werden

In jeder
neuen
Gegend
sehn’ ich mich
fort,
denn
ich kannte
sie schon
von
früher

Und gehe stets
als Fremder

Geboren
zurückgekehrt aus abgelebten
Zeiten

Eine einzige
Minute ursprünglichen
Lebens nur spüren

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44. Lieblingsbuch: „Glaubt man der Frauenzeitschrift Elle, die jüngst auf einem Foto 70 Romanautorinnen versammelte, so gehören Schriftstellerinnen zu einer merkwürdigen zoologischen Gattung: Sie bekommen abwechselnd Romane und Kinder.“ (S. 71)

Roland Barthes . Mythen des Alltags

suhrkamp taschenbuch 4338, 325 Seiten
ISBN: 978-3-518-46338-3, 12,- €

Die Originalausgabe erschien 1957 unter dem Titel
Mythologies bei Éditions du Seuil, Paris.

Eifrig betastet es die Ränder der Fenster, es streicht mit der Hand über die Gummifugen, die das Heckfenster mit seiner verchromten Einfassung verbinden. Mit der DS beginnt eine neue Phänomenologie der exakten Passung (...) was natürlich die Vorstellung einer unbeschwerten Natur wecken soll.

Roland Barthes’ Mythen des Alltags sind längst selbst zum Mythos geworden. In seinen provokativ-spielerischen Gesellschaftsstudien entschlüsselt er Phänomene wie das Glücksversprechen der Waschmittelwerbung, das Sehnsuchtspotential von Pommes frites und die göttlichen Qualitäten des Citroën DS. Seine radikale Hinterfragung des Alltäglichen ist bis heute von bestechender Aktualität. Die Essays ermuntern dazu, dem scheinbar Selbstverständlichen kritisch gegenüberzutreten und den Blick für mögliche Veränderungen zu schärfen.
Die erste vollständige Übersetzung enthält 34 zusätzliche Essays und macht diesen Kultklassiker deutschsprachigen Lesern erstmals in seiner ganzen Bandbreite zugänglich. Mythen des Alltags bietet ein Instrumentarium zur Deutung unserer Alltagskultur und begründete Roland Barthes’ Ruf als brillanter Interpret der Welt der Zeichen.

„Wir wissen jetzt, was für das Kleinbürgertum Wirklichkeit ist: nicht einmal das Sichtbare, sondern nur das Zählbare.“ (S. 112)

Mythen des Alltags besteht aus zwei Teilen: Zunächst deckt Barthes in meist kurzen, feuilletonistischen Artikeln die Mythen hinter bekannten Alltagsphänomenen seiner Zeit auf – vom patriotischen Subtext der Nahrungsmittel Beefsteak, Pommes Frites, Wein und Milch über den bizarren Auftritt eines amerikanischen Predigers in Paris bis hin zur „afrikanischen Grammatik“, jenen Sprachkonventionen, die den Algerienkrieg rechtfertigen sollten. Der Autor vermittelt dabei den Eindruck eines Flaneurs, der eine Kulturlandschaft im Wandel durchstreift. Er pflückt mit leichter Hand die tollsten Stilblüten aus Illustrierten, demontiert Reklametafeln und verwüstet die akkuraten Vorgärten des französischen Kleinbürgertums. Im zweiten Teil des Buches liefert er das theoretische Grundgerüst für seine Arbeit, indem er die strukturalistische Zeichenlehre von Ferdinand de Saussure erklärt und auf die Phänomene der entstehenden Massenkultur anwendet. Dabei geht er auch darauf ein, dass der ironisch-distanzierte Blick des Mythologen teuer erkauft ist: „Die Tour de France oder den guten französischen Wein entziffern heißt sich von denen entfernen, die sich damit ablenken, die sich dafür begeistern.“ Für die Leser ist das ein Glück, denn selten war Enttäuschung ein derartiges Vergnügen wie bei Roland Barthes.

„Literatur beginnt (…) erst im Angesicht des Unnennbaren, der Wahrnehmung eines Anderswo, das der Sprache, die nach ihm sucht, fremd ist.“ (S. 207)

Roland Barthes wurde am 12. November 1915 in Cherbourg geboren und starb am 26. März 1980 in Paris an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er studierte klassische Literatur an der Sorbonne und war danach als Lehrer, Bibliothekar und Lektor in Ungarn, Rumänien und Ägypten tätig. Ab 1960 unterrichtete er an der École Pratique des Hautes Études in Paris. 1976 wurde er auf Vorschlag Michel Foucaults ans Collège de France auf den eigens geschaffenen Lehrstuhl »für literarische Zeichensysteme« berufen. In Essais critiques beschäftigt sich Barthes mit dem avantgardistischen Theater. Prägend für ihn waren unter anderem Brecht, Gide, Marx, de Saussure sowie Jacques Lacan. Zudem war Barthes ein musikbegeisterter Mensch, vor allem als Pianist und Komponist.

Aus „Fragmente einer Sprache der Liebe"

„Nun gibt es aber keine andere Abwesenheit als die des Anderen: der Andere macht sich davon, ich bleibe da. Der Andere ist im Zustand immerwährenden Aufbruchs, im Zustand der Reise; er ist, seiner Bestimmung nach, Wanderer, Flüchtiger; ich, der ich liebe, bin meiner umgekehrten Bestimmung nach sesshaft, unbeweglich, verfügbar, in Erwartung, an Ort und Stelle gebannt, nicht abgeholt wie ein Paket in einem verlassenen Bahnhofswinkel. Die Abwesenheit aussprechen heißt: „Ich werde weniger geliebt, als ich selbst liebe.“

Der Tod seiner Mutter im Alter von 84 Jahren ist das Ende einer symbiotischen Beziehung. Immer war sie der Dreh- und Angelpunkt von Roland Barthes‘ Alltag. Zuletzt hat er sie acht Monate lang selbst gepflegt. Sein Vater Louis ist eine Leerstelle. Er fiel im Ersten Weltkrieg an der Front, als Roland noch in den Windeln lag. Im „Tagebuch der Trauer“ ist aus dem affektiven „Maman“ ein „Mam“ mit anschließendem Punkt geworden: Zeichen der eigenen seelischen Verstümmelung. Der Trauernde macht sich im Schreibprozess selbst zum beobachteten Objekt.

Ich würde vorschlagen, Sie lesen einfach alles von diesem großartigen Wissenschaftler, es ist aber wieder ein ganzes Regalbrett voll mit Büchern und da sind noch die anderen, die sich wie Mythen um den Autor herumranken: der schräge Roman DIE SIEBTE SPRACHFUNKTION von LAURENT BINET (Paris, Frühjahr 1980: Roland Barthes wird von einem bulgarischen Wäschelieferanten überfahren. Barthes kommt von einem Essen mit dem Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten, François Mitterrand, und trägt ein Manuskript unter dem Arm. Ein Passant, Michel Foucault, wird Zeuge des Unfalls und behauptet, es war Mord.) oder den schönen Text von ORTHEIL (nicht so ganz mein Autor in den anderen Büchern)DIE PARISER ABENDE DES ROLAND BARTHES (Er folgt Roland Barthes auf dessen weiten und melancholischen Streifzügen durch 'Pariser Abende': auf der Suche nach dem Glück und der Schönheit der Nacht. Ergänzt durch Fotografien aus dem Jahr 2015 (und die deutsche Übersetzung der "Soirées de Paris" von Hans-Horst Henschen) ist dieses Buch ein einzigartiges Dokument einer Deutung des Pariser Stadtraums aus dem Blickwinkel zweier Autoren.)

Bild: Roland Barthes auf dem Arm seiner Mutter

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45. Lieblingsbuch

Markus Werner. Festland

Fischer Taschenbuch, 12.-€

 

Ein Kind der Liebe und eines geplatzten Kondoms: »Uns trennten Welten und doch nur fünfzehn Tramminuten.« Sie leben in Zürich, doch Vater und Tochter haben keinen Kontakt. Erst als sich beide in einer Krise befinden, gehen sie aufeinander zu: der »Bürobiedermann« Kaspar Steinbach und die unehelich geborene Julia, die soeben ihr Studium abgeschlossen hat. Was sie mit ihrem fremden Vater erlebt und von ihm zu hören bekommt unter anderem die Geschichte ihrer Entstehung , ist für die junge Frau so abenteuerlich und verwirrend, daß sie es aufschreiben muß . »Eine Lebensmelodie ohne einen falschen Ton.« (Lutz Hagestedt im "Rheinischen Merkur").

 

Im Gegensatz zu der Hauptfigur in Werners Erstlingswerk "Zündels Abgang" (1984), die an ihren dramatischen Ausbruchsversuchen zugrunde geht, ist Steinbach ein stoischer Rebell: Er hat erkannt, daß im Aufbegehren die abermalige Anpassung bereits enthalten ist. Er sei "nur auf Bewährung frei und stehe sozusagen nur auf Probe im Dienst der Ungeschäftigkeit"

 

Der Preis der SWR-Bestenliste 1997 ging an Markus Werner für sein Buch "Festland".

Wenn das Leben plötzlich ins Unmögliche umschlägt, dann beginnt das Erzählen des Schweizers Markus Werner. Die Romane, die der Autor bisher vorgelegt hatte, zeugen von einem scharfen Blick und einem Humor, dem weder Bissigkeit noch Mitgefühl fremd sind. Mit abgründiger Leichtigkeit und genauem Formbewußtsein beschreibt Werner in seinem letzten Roman "Festland" das Wechselspiel zwischen Krise und Erkenntnis, in dem sich für die Figuren - Vater und Tochter - ein neuer Lebenszusammenhang herstellt. Er schreibt eine Prosa, die frei ist von Schlacken und jeglichen Gemeinplätzen. In seinen Texten manifestiert sich ein humanes Temperament, das in der neuen deutschsprachigen Literatur nicht eben häufig anzutreffen ist.

 

"Eichhörnchen, Birken und freundliche Nächte sagen mir zu. Ich bestaune jeden, der sich knitterfrei kleidet. Ich bin Schweizer. Strammes vergelte ich mit Hühnerhaut. einst wollte ich Jäger werden, nun bin ich Lehrer, was sonst. Schön ist ein lautloses Frühstück. Ich rauche, schreibe stockend, wohne ländlich. Dem Weltgeschehen schenke ich Interesse und Wut aber ich glaube, es pfeift drauf. Gern wäre ich länger, runder und eine Spur beschwingter. Ich frage mich, was man sonst noch über mich wissen könnte."

 

Aus der Selbstvorstellung von Markus Werner bei der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Darmstadt 2002. Veröffentlicht in: ›Allein das Zögern ist human. Zum Werk von Markus Werner‹.

 

Markus Werner wurde 1944 in der Schweiz, in Eschlikon im Kanton Thurgau, geboren. Er studierte in Zürich Germanistik, arbeitete bis 1990 als Lehrer und dann als freier Schriftsteller. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Er veröffentlichte die Romane „Zündels Abgang“, „Froschnacht“, „Die kalte Schulter“, „Bis bald“, „Festland“, „Der ägyptische Heinrich“ und „Am Hang“. Zu seinem Werk erschien der von Martin Ebel herausgegebene Band „Allein das Zögern ist human“. Es gibt eine innere poetische Pflicht, diese Bücher zu lesen.

 

„Tassos Foto, es steht auf dem Bücherregal, erinnerte mich an seinen Füllfederhalter, den ich von Magdalena als Andenken bekommen hatte. Natürlich, dachte ich und holte ihn samt Tintenfässchen aus der untersten Schreibtischschublade hervor. Er roch ein wenig so, wie meine Grossmutter gelegentlich gerochen hatte, ich glaube, nach Kampfer. Ich reinigte die Innenseite und das Reservoir mit Wasser, und dann zog ich die alte, blaue Tinte auf. Als ich zu schreiben begann, nahm er sehr rasch die Temperatur meiner Hand an.“

Das Ende seines letzten Romans „Am Hang“
Markus Werner 1944 – 2016

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46. Lieblingsbuch: Jeder Mensch bereitet uns auf irgendeine Art Vergnügen: Der eine, wenn er ein Zimmer betritt, der andere, wenn er es verlässt. - sagt der Däne Herman Bang

 

Herman Bang. Tine

Aus dem Dänischen von Aldo Keel, Ingeborg Keel
Hardcover, Leinen mit Schutzumschlag, 320 Seiten,
ISBN: 978-3-7175-2240-9, 19,95 €

 

 

Tine, die Tochter des Küsters auf einer malerischen dänischen Ostseeinsel, ist bei dem jungen Ehepaar Berg ein gern und häufig gesehener Gast. Vor allem mit Frau Berg verbindet sie eine innige Freundschaft. Doch dann bricht jäh der Krieg in die Idylle ein: Tines friedliches Heimatdorf liegt plötzlich am Rand eines Schlachtfelds, Flüchtlinge und Verwundete werden einquartiert, während der Kanonendonner immer näher rückt. Inmitten der spannungsgeladenen Atmosphäre wird sich Tine ihrer lange verdrängten Gefühle für Berg bewusst …

Die Konzentration auf das Kleine ist es, was Bang, dessen Roman 1889 erschienen ist, den Ruf des Impressionisten eingetragen hat, bei ihm wird allerdings die "Bescheidenheit" zum "Stilprinzip"

Vor dem Hintergrund des deutsch-dänischen Krieges 1864 entfaltet sich eine leise, melancholische Liebesgeschichte, in verhaltenen Gesten und zaghaften Blicken zunächst nur angedeutet. Eindringlich und mit großer stilistischer Feinheit schildert Herman Bang die schmerzhafte Sehnsucht und stumme Verlorenheit seiner Protagonistin. In seinem Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „Tine“ strickt der Schriftsteller Herman Bang ein dichtes Gewebe aus Krieg, Liebe und Grauen, aus gelähmtem Verstand und wechselhaften Gefühlen.

 

Herman Bang (1857–1912), als Pfarrerssohn in der dänischen Provinz aufgewachsen, versuchte sich als Schauspieler, Regisseur und Feuilletonist, ehe er sich ganz der Literatur zuwandte. Reisen führten ihn durch ganz Europa. Bang gilt als Vollender der impressionistischen Erzählkunst, stilistisch wie thematisch gehört er zur künstlerischen Avantgarde seiner Zeit.

 

Sehr lesenswert sind auch seine anderen Bücher AM WEG, SOMMERFREUDEN, LUDVIGSHÖHE, alle bei Manesse erschienen. Der Höhepunkt impressionistischer Schriftstellerei.

 

„Fern im dänischen Norden ein Bruder“, hat Thomas Mann einmal über Hermann Bang gesagt und diesen großen Erzähler zu Recht bewundert. Der schreibt über stille, vergebliche Liebespein, über seelenleere Protzbürger und immer wieder über Menschen am Rande der Gesellschaft, denen das Glück nicht gelingen mag. Bangs Sympathie gilt den Beladenen, die in den Umständen oder auch im eigenen Gemüt gefangen sind. Bang ist ein meisterlicher Könner der angedeuteten Spannungen. Eine kleine Bewegung, eine ungewohnte Stimmlage – er beschreibt nicht das Gefühl, sondern seine verräterischen Anzeichen.

 

Als Claude Monet und Herman Bang sich 1895 in Kristiania begegneten, so erzählt es Keel, soll der Maler dem Dichter bescheinigt haben, dass „Tine als impressionistisches Kunstwerk mit zum Höchsten gehört“.

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47. Lieblingsbuch:

 

Fussel

Es ist Abend, und ich werde irgendwie von Gefühlen bedrängt, für die es kein Vokabular gibt und von Ereignissen, die man eher in Dimensionen von Fusseln als in Wörtern ausdrücken sollte.
Ich habe winzige Fetzchen meiner Kindheit untersucht. Es sind Bruchstücke aus einem fernen Leben, die keine Form oder Bedeutung haben. Es sind Dinge, die einfach zufällig vorgekommen sind, wie Fussel.

 

Der kleine Text stammt von Richard Brautigan. Übersetzer ist der Autor des folgenden Lieblingsbuchs:

 

Günter Ohnemus. Zähneputzen in Helsinki

Maro Verlag 1982

oder

Die letzten großen Ferien

Maro-Verlag 1993

oder

67 Ansichten einer Frau

Maro Verlag 1995

 

Günter Ohnemus, 1946 in Passau geboren, war Buchhändler, Lektor, Mitarbeiter am Collins Dictionary und Verleger. Heute lebt er als freier Autor und Übersetzer in Freising bei München. 1998 wurde er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt er für seinen Roman ›Der Tiger auf deiner Schulter‹ den Tukan-Preis der Stadt München. Schreiben ist, nach Tennis, sein Lieblingssport, sagt er.

 

Wo mag sie jetzt gerade sein? Was mag sie jetzt tun? "Ich habe sie seit vierzehn Jahren nicht gesehen, und das einzige, was ich weiß, ist, daß sie in einem Haus am Stadtrand von Helsinki wohnt." Ein Mann, der gut verdient? Zwei Kinder, die sicher sehr gut Finnisch sprechen? Und an was denkt sie den Tag über? Was sagt sie, was liest sie morgens in der Zeitung, was kauft sie ein? (Und denkt sie noch an mich?)

Nur eines weiß er sicher, "daß sie sich wenigstens dreimal am Tag die Zähne putzt. Sie hat das immer nach jeder Mahlzeit gemacht. Sie war stolz auf ihre Zähne... Ganz gleich, was sie gerade vorhatte, ihre Zähne kamen immer zuerst dran, und deshalb ist es jetzt so, daß sie sich immer, wenn ich an sie denke und mir überlege, was sie wohl gerade macht, daß sie sich dann immer gerade in Helsinki die Zähne putzt."

 

Ganz neu und unbekannt allerdings wird der Ton, der Rhythmus dieser Texte dem einen oder anderen Leser wahrscheinlich nicht sein. Ohnemus selbst zitiert die amerikanischen Vorbilder William Carlos Williams und Richard Brautigan (dessen Bücher er übersetzt und in einem Eigenverlag herausgebracht hat). (Benedikt Ehrenz in Die Zeit10/1986)

 

"Wahrscheinlich habt ihr noch gewunken, als ihr mich schon gar nicht mehr sehen konntet, so wie ich gewunken habe, bis der Zug hinter der Kurve verschwunden war. Ich bin dann zum Verlag gegangen und hab’ mir mein Honorar abgeholt." Neunzig Mark. Was soll man damit schon anfangen. Ich hab’ die neunzig Mark genommen und mir damit bei Karstadt fünf neue Unterhosen gekauft. Sie waren billig. Vier Mark fünfzig das Stück. Aber unpraktisch. Die Schlitze werden immer kleiner."

 

Er trödelt über die Straßen, eine blonde Frau fasziniert ihn für Augenblicke und er überlegt, "wie das ist, wenn man auf blonde Art lebt". Am Abend hockt er schließlich melancholisch mit der Katze neben dem Schallplattenspieler und hört zum zwanzigsten Mal Harry Belafontes "Midnight Special": "Lauter Lieder von Leuten, die auch nicht ins Bett wollen, und die anfangen, Ortsnamen neu zu buchstabieren und die kleine Schwestern haben, die ihnen dauernd Briefe schreiben; lauter Leute, die manchmal so glücklich über einen schönen Tag sind, daß sie einem Maultier ihre Initialen in den Hintern schnitzen könnten. Und morgens um sechs stehen sie an einem Bahngleis und schauen einem Güterzug zu, der an ihnen vorbeirollt."

Lakonische Alltagstexte, eher Melodien, alles geschieht so nebenbei. Und es ist großartig. Als entdeckte man gerade ein völlig neues Lebensgefühl. Oder eins, das man immer schon in sich trug und nicht rauslassen wollte.

Eine Kurzgeschichte daraus:

Ein kleiner hellblauer Bikini

Ich war fünfzehn, und sie war achtzehn. sie hatte schwarze Haare und sehr lange braune Beine. Sie wusste eine Menge Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte.
Plutarch, Xenophon, Caesar.
Kleist, Dostojewski und Sartre.
Das waren die Leute, die sie las. Sie hatte einen kleinen hellblauen Bikini an, der sehr gut zu ihren braunen Beinen passte, und ich lag mit ihr und ihrer Freundin auf einer Decke im Schwimmbad. sie waren beide so hübsch, dass ich am liebsten einfach bloß dagelegen wäre und sie angeschaut hätte.
Natürlich war sie ZU ALT für mich. Sie war achtzehn und ich war drei Jahre jünger. aber das störte mich nicht. Es genügte mir, dass ich neben ihr liegen konnte, und dass wir ab und zu miteinander ins Wasser gingen.
Sie hatten beide ihren Kamm vergessen und liehen sich meinen aus. Es war aufregend, dabei zuzuschauen, wie sich zwei sehr hübsche Mädchen nacheinander mit meinem Kamm ihre langen Haare kämmten.
Ich hatte einen Sonnenbrand, und als sie mit den langen Beinen und dem hellblauen Bikini ihre Haare gekämmt hatte, musste ich mich auf den Bauch legen, und sie legte sich so, dass ihr Haar meinen Sonnenbrand bedeckte. Sie las Xenophons Anabasis, die Geschichte vom Kampf gegen Ataxerxes und vom Rückzug der Zehntausend, während ihr Haar mehr als zweitausend Jahre später meine Schultern kühlte. sie roch nach Luft und Sonnenöl und nach etwas anderem, was ich noch nicht kannte. Es roch sehr angenehm.
Zwischendrin erzählte sie mir, dass Xenophon einmal einen reichen Meder gefangengenommen hatte und sich für den Mann ein großes Lösegeld auszahlen ließ, von dem er für den Rest seines Lebens existieren konnte. Ich erinnere mich, dass ich Xenophon sofort mochte.
Später, als sie mit ihrer Freundin nach Hause ging, zog sie einen parfümierten Taschenkalender aus ihrer Tasche und schenkte ihn mir. Der Kalender roch wie der Zaun um unseren Schulhof: nach altem Holz und nach Maikäfern.
BIS MORGEN sagte sie, und dann gingen sie los. Ich schaute den Kalender in meiner Hand an. Es war 1961, und die großen Ferien hatten gerade erst begonnen. Wir hatten noch eine Menge Zeit.
Ich packte meine Sachen zusammen, fuhr mit dem Fahrrad an den Fluss zum Bootshaus, holte mir ein Boot aus dem Schuppen und ruderte den Fluss hinauf. Das Wasser war grün, und die Luft war sehr warm. Es roch nach Fischen und Algen und vom Ufer her nach frisch gemähtem Gras, und ein leichter Wind strich übers Wasser, und jedesmal, wenn ich die Ruder durchzog und mich weit zurücklehnte, war es, als lehnte ich mich gegen die großen Ferien, gegen ein riesiges, weiches, sechs Wochen großes Kissen aus Luft und Zeit und Sonnenöl und etwas anderem, das ich noch nicht kannte.
Zwei Stunden später, als ich das Boot versorgt und mich umgezogen hatte, blieb ich noch im Umkleideraum sitzen. Aus den Spinden kam der Geruch von Turnschweiß und Gummi, und ich saß da auf einer Bank, blätterte den Taschenkalender durch und roch ab und zu daran. Ich fühlte mich sehr wohl. Ich hätte den Rest meines Lebens so dasitzen und den Kalender durchblättern können.
Als ich am nächsten Tag ins Schwimmbad ging, war sie nicht da und am übernächsten auch nicht. Sie kam überhaupt nicht mehr. Vielleicht musste sie mit ihren Eltern in die Ferien fahren oder sie ist in eine andere Stadt gezogen, oder es ist sonstwas passiert, jedenfalls habe ich sie nie wiedergesehen,
Sie muss jetzt ungefähr 34 sein, und sie verschenkt vielleicht immer noch Taschenkalender und liest eine Menge Bücher.
Plutarch, Xenophon, Caesar.
Kleist, Dostojewski und Sartre.
Ich kenne sie inzwischen alle. Und wir sind jetzt alle 16 Jahre älter, außer vielleicht ihr Bikini. Bikinis werden selten so alt. Sie verschwinden nach Regeln und Gesetzen, die nirgendwo aufgezeichnet sind und um die sich niemand Gedanken macht. Manchmal werden sie einfach weggeworfen, und machmal werden sie im Sommer wie Hunde oder Katzen an Flüssen oder an abgelegenen Stellen ausgesetzt. sie liegen dann da wie zusammengeschrumpelte Luftballons, und die Leute, die sie finden, fassen sie mit zwei Fingern an oder heben sie mit einem Stock hoch und werfen sie ins Gebüsch. Niemand will etwas mit Bikinis zu tun haben, die von anderen Leuten ausgesetzt worden sind.
Ich kann das gut verstehen. Wahrscheinlich ginge es mir genauso, außer natürlich mit dem kleinen hellblauen Bikini, den sie anhatte, als ihr Haar meine Schultern kühlte, und als wir zu dritt auf der Decke lagen, auf der wir immer noch liegen wie drei Leute in Pompeji, kurz bevor der Vesuv ausbrach und mit seiner Lava alles unter sich begrub.

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48. Lieblingsbuch: „Jedem sei seine eigene Interpretation gestattet, für mich aber ist es eine Geschichte über den Tod, ganz einfach. Ein Mann stirbt in Amsterdam und sieht sein ganzes Leben in wenigen Sekunden an sich vorüberziehen. Das ist der Grundgedanke.“ sagt Cees Nooteboom.

Cees Nooteboom. Die folgende Geschichte
Suhrkamp BasisBibliothek 139
978-3-518-18939-9, 9.- €

Cornelis Johannes Jacobus Maria (Cees) Nooteboom, geb. 1933 ist ein niederländischer Schriftsteller. Sein Werk umfasst Romane, Novellen, Reiseberichte und Gedichte; er war auch als Journalist und Literaturkritiker tätig. In den Niederlanden wurde bereits sein Debütroman Philip und die anderen von 1955 breit rezipiert und mit dem Anne-Frank-Preis ausgezeichnet (In "Philip und die anderen", Cees Nootebooms vor gut fünfzig Jahren geschriebener Erstling, erzählt der Autor die Geschichte eines jungen Mannes, der, einem traumhaften chinesischen Mädchen auf der Spur, quer durch Europa trampt, von Bekanntschaft zu Bekanntschaft eilt und in den Jugendherbergen und auf den Straßen seine "Schule des Lebens" besucht.); internationale Aufmerksamkeit erregte jedoch erst der Roman Rituale von 1980 (Das Amsterdam der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre erscheint hier in der Perspektive von Inni Wintrop. Dieser will Selbstmord begehen in seinem WC, »weil er in seinem Horoskop für ›Het Parool‹ prophezeit hatte, seine Frau werde mit einem anderen durchbrennen und er, der ja ein Löwe war, würde dann Selbstmord begehen.). In Deutschland erreicht der Autor seit der Veröffentlichung seiner Novelle Die folgende Geschichte 1991 ein breites Publikum. Lesen Sie bitte diese 3 Bücher von Nooteboom, jedes erschließt eine eigene Welt.

Der Anfang: "Meine eigene Person hat mich nie sonderlich interessiert, doch das hieß nicht, daß ich auf Wunsch einfach hätte aufhören können, über mich nachzudenken – leider nicht. Und an jenem Morgen hatte ich etwas zum Nachdenken, soviel ist sicher. Ein anderer würde es vielleicht als eine Sache von Leben und Tod bezeichnen, doch derlei große Worte kommen mir nicht über die Lippen, nicht einmal, wenn niemand zugegen ist, wie damals. Ich war mit dem lächerlichen Gefühl wach geworden, ich sei vielleicht tot, doch ob ich nun wirklich tot war oder tot gewesen war, oder nichts von alledem, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht feststellen. Der Tod, so hatte ich gelernt, war nichts, und wenn man tot war, auch das hatte ich gelernt, dann hörte jegliches Nachdenken auf. Das also traf nicht zu, denn sie waren noch da, Überlegungen, Gedanken, Erinnerungen. Und ich war noch da, wenig später sollte sich sogar herausstellen, daß ich gehen konnte, sehen, essen (den süßen Geschmack dieser aus Muttermilch und Honig zubereiteten Teigklöße , die die Portugiesen zum Frühstück essen, hatte ich noch Stunden danach im Mund). Ich konnte sogar mit richtigem Geld bezahlen."

Hermann Mussert wacht eines Morgens in einem Lissaboner Hotelzimmer auf, obwohl er überzeugt ist, am gestrigen Abend wie gewöhnlich in seiner Amsterdamer Wohnung zu Bett gegangen zu sein. In einem unklaren Zustand zwischen Realität, Traum oder Tod erinnert er sich an Geschehnisse, die ihn vor zwanzig Jahren schon einmal in dieses Zimmer geführt haben.

Damals war Mussert Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein, ein weltfremder und von den Schülern "Sokrates" getaufter Altphilologe, der sich an den Erzählungen von Phaetons Himmelsfahrt und Sokrates’ Tod berauschte. Nur ein einziges Mal drang die Liebe zu ihm und machte ihn gewöhnlich: Er begann ein Verhältnis mit seiner Kollegin Maria Zeinstra, die keinen Hehl daraus machte, dass sie mit dem Seitensprung ihren Ehemann, den Niederländischlehrer und Sporttrainer Arend Herfst, für seine Affaire mit Lisa d’India bestrafen wollte, einer hochbegabten Musterschülerin des Gymnasiums, in die das gesamte Lehrerkollektiv verliebt war. Nur sich selbst nimmt Mussert aus, obwohl er gestehen muss, dass sie die einzige Schülerin war, die die toten Sprachen und klassischen Mythen, die er unterrichtete, erst lebendig und wirklich erscheinen ließ.

Noch einmal wandelt Mussert in Portugal auf den Wegen, auf denen er einst Maria Zeinstra während eines Kongresses begleitete, und beschwört ihre gemeinsame Vergangenheit herauf. Als er in dem Lissabonner Hotelzimmer, in dem sie damals eine Nacht verbrachten, in den Schlaf fällt, sieht er sich selbst in seinem Amsterdamer Bett liegen und im Schlaf mit etwas ringen.

 

Das Buch wurde 1991 als Boekenweekgeschenk (dt. Bücherwochengeschenk) veröffentlicht. Dies ist eine jährliche Buchausgabe im Zusammenhang mit der niederländischen Bücherwoche. Das gewählte Buch wird von niederländischen Buchhändlern unentgeltlich an Kunden vergeben, die einen bestimmten Mindestbetrag ausgegeben haben. Meist handelt es sich um eine Novelle, die speziell für die Bücherwoche geschrieben wird.

"Die Welt ist ein einziger unaufhörlicher Querverweis." - Die folgende Geschichte. Frankfurt am Main, 1991

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49. Lieblingsbuch: "Durch die Stadt streifte der unbehauste Mond. Und ich ging mit ihm und wärmte unerfüllbare Träume in mir auf und misstönende Lieder“ (aus der Erzählung „Pan Apolek“)

 

Isaak Babel. Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben von Urs Heftrich und Bettina Kaibach. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban.

2014 · 864 Seiten · 39,90 Euro
978-3-446-24345-3

 

Isaak Babels Erzählungen sind ein Jahrhundertwerk […] Größtenteils neu übersetzt, sorgfältig editiert und kommentiert, liegen sie nun in einer gültigen deutschen Ausgabe vor. […] Der kürzlich im Hanser Verlag von Bettina Kaibach und Urs Heftrich herausgegebene Band »Mein Taubenschlag« enthält sämtliche Erzählungen Babels sowie einen umfangreichen Anhang, in dem die Texte detailliert mit politischen, kulturgeschichtlichen und historischen Realien kommentiert werden, sowie ein hervorragendes, äußerst aufschlussreiches Nachwort […]. Eine editorische Mammutaufgabe. […] Das Allerwichtigste ist aber sicherlich, dass Bettina Kaibach alle Erzählungen, an deren Übersetzung in der bisher vorliegenden deutschen Ausgabe 16 ganz unterschiedliche Übersetzer beteiligt waren, einheitlich neu übertragen hat. Nur die »Reiterarmee« wurde in der bewährten, Maßstäbe setzenden Übertragung von Peter Urban übernommen. Und eine adäquate Übersetzung von Babels beispielloser Sprache […] stellt eine enorme Herausforderung dar. Das Ergebnis der Arbeit, das all diese Nuancen zu berücksichtigen versucht, ist beeindruckend. […] Isaak Babels Prosa stellt ein Jahrhundertwerk dar und mit »Mein Taubenschlag« liegt nun die verlässliche, gültige deutsche Ausgabe seiner Erzählungen vor, eine eminent gewichtige editorische Leistung.

 

Isaak Babel wurde 1894 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Odessa geboren. Er lernte Hebräisch, studierte die Bibel und den Talmud. Über sein Schulfranzösisch fand er zu Guy de Maupassant und mit fünfzehn Jahren zu ersten literarischen Versuchen in französischer Sprache. Doch sein CEuvre blieb schmal, umfaßt außer den erwähnten Prosazyklen nur die Stücke „Sonnenuntergang“ (1928) und „Maria“ (1935), verstreute Erzählungen, Drehbücher und verschiedene Entwürfe. Im Mai
1939 wurde Babel verhaftet, vor ein Militärgericht gestellt und am 27.Januar 1940 erschossen. Seine Rehabilitierung verlief zögerlich. Selbst Antonina Piroshkowa, die Witwe des Autors, wurde mit der Floskel vom „Herzversagen am 17 März 1941“, die in alle Nachschlagewerke Einzug hielt, bis in die Zeit der Perestroika hinters Licht geführt.

 

Er habe auf Romane spekuliert, „was herauskam, waren Erzählungen, kürzer als ein Sperlingsschwanz“, schrieb Babel 1929 an den Chefredakteur der Zeitschrift „Nowy mir“ In seinen Notizen und Entwürfen ist immer wieder die Rede von der Absicht, „Gedichte in Prosa“ zu schaffen. Das bezog sich auf den Zyklus „Die Reiterarmee“, der 1926 in seiner endgültigen Gestalt vorlag, und auf die „Geschichten aus Odessa“, die in Arbeit waren und 1931 publiziert wurden.

1930 wertete Ilja Ehrenburg in seinen „Randbemerkungen zur heutigen russischen Literatur“ die Gedichte Pasternaks und die Prosa Babels als Beweis dafür, daß die russische Kunst in Europa vom Nachzügler zur Avantgarde geworden sei. Er hat recht behalten, auch wenn er zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte, wie schnell die von Stalin proklamierte „Rekonstruktionsperiode“ Babels Schreibintentionen brechen und das Ende der russischen Avantgarde herbeiführen würde.

„Es finden sich genug Menschen, die so erzogen sind, daß ihnen der Gedanke, sich auf Kosten anderer zu bereichern, keineswegs verbrecherisch erscheint, im Gegenteil, es ist ihr geheimer Lieblingstraum.“

Isaak Emmanuilowitsch Babel

Ein solches Buch bei sich zu haben, ist etwas ganz Besonderes: Isaak Babel in der frischesten Übersetzung, all seine Erzählungen ausgiebig kommentiert. Der Hanser Verlag hat das Seine getan. Werden wir aber, lesend, Isaak Babel genügen?

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„Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“

Groucho Marx

50. Lieblingsbuch, kein einzelnes, wieder ein Thema: Bücher über Bücher

 

"Gott steh' ihr bei - der Klerikei - die Laien lernen lesen." - Karl Julius Weber. Democritos

 

a. Sylvia Beach, „Shakespeare and Company“,

Es gibt eine Frau, die wesentlich zum Erfolg des „Ulysses“ beigetragen hat: Die Buchhändlerin Sylvia Beach. 1917 kommt die Amerikanerin, 1887 in Baltimore geboren, nach Paris – wie viele andere dieser Generation kommt sie, liebt sie, bleibt sie. Und verwirklicht ihren Traum, einen Buchladen zu gründen, eine amerikanische Buchhandlung mit Leihbücherei an der Seine. 1919 wird „Shakespeare and Company“ eröffnet und zu einem Treffpunkt der amerikanischen und französischen Literaturszene.

Sie wird zur Verlegerin des ULYSSES. Joyce wäre ohne sie verloren gewesen. Anekdote an Anekdote reiht sich in Sylvia Beachs 1956 erstmals erschienenen Erinnerungen „Shakespeare and Company“: Alles, was damals Rang und Namen hat, findet sich früher oder später in der Rue de l`Odéon ein oder wird zum Kunden: Ezra Pound, Sherwood Anderson, André Gide, Hemingway, Gertrude Stein, Scott F. Fitzgerald, Paul Valéry… Verwechseln Sie bitte nicht den Ramschladen SHAKESPEARE & COMPANY, den Sie heute in Paris vorfinden mit dieser innovativen Buchhandlung, die mit der deutschen Besatzung schließen musste. Direkt gegenüber existierte bereits ein Buchladen:

 

b. Adrienne Monnier. Aufzeichnungen aus der Rue l'Odeon.

 

Als 1919 Sylvia Beach ihren Buchladen "Shakespeare & Company" in der Rue de l'Odéon eröffnete, gab es dort bereits seit fünf Jahren einen literarischen Treffpunkt: das "Maison des Amis des Livres", dessen Besitzerin die Buchhändlerin, Verlegerin und Schriftstellerin Adrienne Monnier war. Mit den "Aufzeichnungen aus der Rue de l'Odéon nehmen wir teil an ihrer Reise durch die Welt der Literatur. Mit ihren Erinnerungen an Walter Benjamin, Sylvia Beach, Bryher, Colette, Hemingway, Saint-Exupéry, Gisèle Freund und anderen lernen wir sie als große Porträtistin kennen.

Was Beach für die englischsprachige Literatur wurde, war Monnier für die zeitgenössische französische. »Ihre Stimme klang laut – Adrienne stammte von Bergbewohnern ab, die wahrscheinlich gewöhnt waren, sich von Gipfel zu Gipfel zu begrüßen«, sagte Sylvia Beach über ihren ersten Besuch bei ihrer späteren Lebensgefährtin. 38 Jahre lang, bis zum Tod der Monnier, verband die beiden Frauen eine große Freundschaft und Liebe.

Sie selbst hat im Laufe ihres Lebens drei Literaturzeitschriften herausgegeben, hat mit und in diesen die wichtigsten französischen Autoren ihrer Zeit vorgestellt: Jules Romain, Jean Cocteau, André Breton, André Gide und Paul Valéry. Sie organisierte Lesungen in ihrer Buchhandlung, und eines ihrer größten verlegerischen Verdienste ist sicher die Publikation von James Joyce' Ulysses in französischer Sprache.

Sie publizierte auch eigenes: Ihre literarischen Porträts sind von hoher Qualität. Sie schrieb auch Gedichte und unter dem Pseudonym Sollier Prosatexte. Einige davon hat Walter Benjamin, der mit ihr befreundet war, übersetzt. Bis 1951 war ihr Buchladen Treffpunkt der literarischen Avantgarde. Die Lektüre dieses Buches ist eine große Bereicherung.

 

c. Alberto Manguel. Eine Geschichte des Lesens

 

 

»Ein Liebesbrief an das Lesen« schrieb der New Yorker zum Erscheinen von Alberto Manguels »Eine Geschichte des Lesens«, die sich bald zum Standardwerk entwickelte. Alberto Manguel erzählt Geschichten von Leserinnen und Lesern, die berühren und erstaunen. Wir begegnen Aristoteles, Mark Aurel und Thomas von Aquin ebenso wie Henry Miller, Oscar Wilde und Dorothy Parker. Wir erfahren von Büchernarren wie jenem persischen Großfürsten, der in einer Karawane alle seine Bücher bei sich führte und die Kamele alphabetisch ordnete, oder dem Grafen Libri, der sich eine kostbare Bibliothek zusammenstahl.

„Geh raus und lebe, sagte meine Mutter immer, wenn sie mich lesend fand, als hätte meine stille Beschäftigung ihrer Vorstellung vom Leben widersprochen.“

Damals war Alberto noch nicht belesen genug, um mit dem Satz des französischen Autors Gustave Flaubert zu kontern: „Lies, um zu leben!“ Diesen Konter liefert er jetzt nach, mit einigen Jahrzehnten Verspätung, dafür aber um so gründlicher und auf mehr als 400 Seiten. Sein Buch „Eine Geschichte des Lesens“ ist eine Liebeserklärung an das Lesen als Lebensform. Flauberts Satz steht als Motto vorne an, nebst anderen Motti anderer Lese-Enthusiasten, und im Innern seines Buches findet sich eine Fülle schwärmerischer Sätze über den Zauber, der von den schwarzen Zeichen ausgeht.

„Wir können gar nicht anders: Das Lesen ist wie das Atmen eine essentielle Lebensfunktion“

 

„Niemand würde nach mir rufen und irgend etwas von mir verlangen; mein Körper brauchte nichts, er lag unbeweglich unter der Decke. Alles was geschah, geschah im Buch, und der Erzähler der Geschichte war ich. Das Leben vollzog sich, weil ich die Seiten umblätterte. Ich kann mich wohl kaum an eine tiefere, allumfassendere Freude erinnern als den Augenblick, wenn ich kurz vor dem Ende des Buches angelangt war: Ich legte das Buch weg, um mir den Schluß für den nächsten Tag aufzuheben, ich schloß die Augen mit dem Gefühl, die Zeit angehalten zu haben.“

 

d. Rolf Vollmann. Die wunderbaren Falschmünzer

Sonderband der anderen Bibliothek, 2020

 

Eine Gartenparty der Weltliteratur, bei der jeder auf seine Kosten kommt. Eine fesselnde Chronik der Romanliteratur, mit über 300 biographischen Skizzen, unterbrochen von Warnhinweisen vor Langweilern und überschätzten Romanciers: Vergessen sie alles, was sie über Literaturwissenschaft, Nachschlagewerke und Deutschunterricht wissen. "Der Roman-Verführer" von Rolf Vollmann ist eine herrlich freche, frappierend kluge und ungemein unterhaltsame Widerrede gegen falsches Pathos, blinde Dichterverehrung und einfallsloses Gelehrtentum. Vollmann öffnet die Schatztruhe europäischer und amerikanischer Romane aus der Zeit von 1800 bis 1930. Tausende Romane hat er für uns gelesen. Und nun erzählt er von ihnen - überzeugt davon, daß große Romane bis heute von der Mund-zu-Mund-Propaganda ihrer Liebhaber leben.

Zu Beginn jedes Jahres berichtet der Verfasser über literarische Todesfälle bzw. bemerkt lapidar "Keine Toten dieses Jahr". Bei diesen "Grabschriften" (insgesamt 194) handelt es sich um pointierte Nachrufe. Einmal bekommt ein Verstorbener nur einen Satz, ein andermal eine Seite oder mehr. Im Anschluß daran widmet sich Vollmann den Romanen des Jahres. Auch dabei ist seine Vorgehensweise höchst abwechslungsreich. Man stößt bei der Lektüre auf sanftes Lob und milden Tadel, auf hemmungsloses Schwärmen und böse Verrisse, auf knappe Inhaltsangaben und persönliche Leseeindrücke, auf literarischen Klatsch und sarkastische Bemerkungen. Am Ende jedes Jahres folgen dann noch - analog den Todesmeldungen - Geburtsanzeigen bedeutender Romanciers. Angereichert wird das ganze noch durch eine große Anzahl wunderbarer Fußnoten zu allen möglichen Themen sowie regelmäßigen biographischen Exkursen über die wichtigsten Autoren. Daß dies alles brillant und fesselnd geschrieben ist, dürfte sich nach dem bisher Gesagten beinahe von selbst verstehen. So bedient sich der Verfasser eines subtilen Systems der Vor- und Rückgriffe, die für einen inneren Zusammenhalt seines Roman-Verführers sorgen. Er wendet also selbst "romanhafte" Techniken an.

 

e. Gustave Flaubert. Bücherwahn, antiquarisch

 

Der sonderbare Buchhändler Giacomo lebt in einer Gasse in Barcelona. Sein Gesicht ist bleich, sein Blick leer – ein Wesen wie aus Poes Spuknovellen entsprungen. Er lebt zurückgezogen, ist schweigsam und begibt sich nur selten nach draußen. Denn nur ein Gedanke besitzt ihn: Bücher. Er träumt nur von Büchern, er denkt nur an Bücher, er vergisst zu essen, vergisst zu schlafen. All sein Geld verwahrt er für seine Bücher, denn sein großer Traum ist es, eine Bibliothek aufzubauen. Bücher, so heißt es, »verbrannten ihn innerlich, machten seine Tage kaputt und fraßen sein Dasein auf«. Doch immer dann, wenn seltene und einzigartige Exemplare versteigert werden, wirkt er wie verwandelt. Seine Augen glänzen. Freude, Angst und Unruhe befallen ihn abwechselnd, bis er mit dem Buch in der Hand nach Hause kehrt. Der Clou dabei: Es geht dem Sonderling nicht um die Ideen und Gedankenwelten, die die Bücher bergen, es geht ihm nicht um ihren literarischen Wert, denn das Lesen fällt ihm schwer. Er vergöttert das Buch als Objekt. Er ergötzt sich an der äußeren Gestalt des Buches, an goldenen Buchstaben, an zerlesenen Seiten, an dem Einband, am staubigen Geruch.

 

f. Enrique Vila-Matas. Dublinesk. Andere Bibliothek

 

Also noch einer, der von Joyce, Bloom und Dublin nicht lassen kann. Enrique Vila-Matas erzählt von einem alternden Verleger, aus dem Literaturgeschäft ausgestiegen, dem Alkohol entsagt, in der Ehe fremdelnd, den wenigen Freunden entfremdet, in den Weiten des Internet verloren. Eine Reise nach Dublin soll eine Wende bringen – zum Guten oder zum Schlechten. Auf den Spuren von Joyce und Bloom soll die Literatur zu Grabe getragen werden. Die Reise wird dublinesk, grotesk.

Mit Samuel Riba, genannt: Riba, geht eine Ära dem Ende entgegen. Sein Leben war die Literatur, seine Biographie bestand aus Büchern. Dieser obsessive, in die Jahre und vom Alkohol gerade weggekommene Mann in Barcelona, ist melancholisches Opfer der eigenen Literaturverrücktheit: Er träumt von Dublin, dort will er den Feiertag »Bloomsday« bege­hen, den 16. Juni –, den Tag, der mit James Joyce in die Weltlite­ratur eingegangen ist. Dessen Roman Ulysses ist zum dublinesken Roman schlechthin geworden. Für Riba, den sympathischen Verwandten von Leopold Bloom, ist Ulysses der leuchtende Stern in der Gutenberg-Galaxie. Ein tragi- komischer Verleger phantasiert sein Ende, die Bestattung von Buch und Literatur im digitalen Zeitalter – und findet, in Dublin angekommen, eine Lebenszukunft.

Dublinesk ist ein wundersames Romankaleidoskop, eine inspirie­rende Reise durch die Literatur mit der Verbeugung des brillant-witzigen Sprachspielers Vila-Matas vor den Autoren, die er verehrt. Dublinesk birgt einen Schatz an literarischen Anspielungen – und ist ebenso eine große Hommage an James Joyce und Dublin.

 

g. Annie Dillard: "Ich schreibe". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Henning Ahrens. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1998. 200 S.

 

"One of the few things I know about writing is this: spend it all, shoot it, play it, lose it, all, right away, every time. Do not hoard what seems good for a later place in the book, or for another book; give it, give it all, give it now. The impulse to save something good for a better place later is the signal to spend it now. Something more will arise for later, something better. These things fill from behind, from beneath, like well water. Similarly, the impulse to keep to yourself what you have learned is not only shameful, it is destructive. Anything you do not give freely and abundantly becomes lost to you. You open your safe and find ashes."

 

h. Klaus Reichert. Lesenlernen. Über moderne Literatur und das Menschenrecht auf Poesie. Hanser, Edition Akzente 2006

 

Mit dem Staunen des Kindes über Wörter und Worte beginnt dieses Buch, es folgt die Lese-Autobiographie des Heranwachsenden:"Jeder Autor war ein Abenteuer, das bestanden werden wollte", bekennt Klaus Reichert. Im zweiten Teil widmet er sich den größten Abenteuern, Schriftstellern, die gemeinhin als schwierig gelten, wie James Joyce, Gertrude Stein, Paul Celan oder Wolfgang Hildesheimer - und kommt zu dem Ergebnis, dass sie durch verborgene Netze miteinander verbunden sind. Ein Buch über moderne Literatur und wie sie einem zugänglicher werden kann

 

i. Ulrich Johannes Schneider. Der Finger im Buch

Die unterbrochene Lektüre im Bild

Piet Meyer Verlag, Bern - Wien 2020
ISBN 9783905799576
Broschiert, 175 Seiten, 28,40 EUR

Wir folgen einem Finger - einem kleinen, langen, krummen, gichtigen, eleganten oder schönen Finger, der zwischen den Seiten eines Buches steckt. Wir sehen dabei eine Person, die liest. Ihr Blick zeigt tiefe innere Bewegung an. Diese intime Verbindung zwischen Buch und Lesergestalt ist in der Kunst selten, doch die Künstlerinnen und Künstler sind durchaus prominent: Tizian, Raffael und Rubens gehören ebenso dazu wie Angelika Kauffmann oder Bassano. In dreißig Gemälden, Skulpturen und Fotografien erkundet Ulrich Johannes Schneider dieses eine, vermeintlich kleine ikonografische Detail westlicher Bild- und Buchgeschichte: den Finger im Buch. Allerdings tauchen allgemeinere Fragen auf. Was bedeutet Lesen überhaupt? Was lernen wir aus diesen stummen Zeugen der Buchkultur? Und wie sehr gleichen wir selbst den dargestellten Frauen und Männern?

 

 

 

Ansonsten können wir uns jederzeit in der Buchhandlung über diese und andere Bücher, die das Lesen und Sammeln und Horten betrifft, unterhalten. Hesses Bibliothek der Weltliteratur z.B - überhaupt war dieser Mann ein großer Förderer der Literatur -, Walter Muschgs Tragische Literaturgeschichte, Prousts Tage des Lesens "Das Lesen liegt an der Schwelle des geistigen Lebens; es kann uns darin einführen, aber es ist nicht dieses Leben." in Marcel Proust. Tage des Lesens. "Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn" erzahlt der große Jorge Luis Borges in : Borges, J.L. und Osvaldo Ferrari 1990. "Ja, das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum erstenmal ein eigenes Buch bekam und mich da hineinschnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert." - Astrid Lindgren- Das entschwundene Land.. Inge Thöns und Herbert Blank haben ein Buch herausgegeben über die Librairie Au Pont de l'Europe, die erste Exilbuchhandlung in Paris. Es gibt unzählige ansprechende Empfehlungen mehr.

 

Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die letzte! sagt John Osborne

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INTERMEZZO

ALBERTO MANGUEL. DIE VERBORGENE BIBLIOTHEK

S. Fischer Verlag 2018

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Packing my library. An Elegy and Ten Digressions« bei Yale University Press, New Haven, USA.

Meine letzte Bibliothek befand sich in Frankreich, in einem alten steinernen Pfarrhaus im Süden des Loiretals, in einem kleinen Dörfchen mit weniger als zehn Häusern. Mein Partner und ich wählten diesen Ort, weil direkt neben dem Haus eine uralte, teilweise abgetragene Scheune stand, groß genug, um meine Bibliothek zu beherbergen, welche zu dieser Zeit auf etwa 35 000 Bücher angewachsen war. Ich dachte, sobald die Bücher ihren Platz gefunden hätten, würde ich auch den meinen finden. Doch es sollte anders kommen. Als ich zum ersten Mal das zweiflügelige schwere Eichentor aufschob, das hinaus in den Garten führte, wusste ich: In diesem Haus will ich leben. Der von einem steinernen Torbogen gefasste Blick fiel von hier auf zwei uralte Japanische Schnurbäume, die ihren Schatten auf eine blühende Wiese warfen, deren sattes Grün sich bis zu einer in einiger Entfernung noch erkennbaren Mauer erstreckte. Man erzählte uns, während der Bauernkriege seien Korridore unter der Erde gegraben worden, die vom Haupthaus zu einem entlegenen, nunmehr langsam in sich zusammensackenden Wehrturm führten. Mein Partner verbrachte Jahre damit, den Garten wieder instand zu setzen. Er pflanzte Rosenbüsche, legte einen kleinen Gemüsegarten an und kümmerte sich um die sträflich vernachlässigten Bäume, deren hohle Stämme die vormaligen Besitzer mit Abfällen vollgestopft hatten und deren Kronen stark ausgedünnt waren. Wenn wir durch den Garten gingen, sprachen wir darüber, dass wir uns als seine Hüter und nicht als Besitzer sahen, denn der Ort (wie wohl jeder Garten) war erfüllt von einem eigenen Geist, den die Alten das Numinose nannten. Plinius erklärt, das Gefühl des Numinosen, das uns zuweilen in einem Garten überfällt, komme daher, dass in früheren Zeiten die Bäume Tempel der Götter waren – und die Götter haben das nicht vergessen. In der hintersten Ecke des Gartens standen zwischen den Überresten eines aufgegebenen Friedhofs aus dem neunten Jahrhundert einige Obstbäume, auch hier hätten sich die antiken Götter wohl heimisch gefühlt. Der von einer Mauer umfasste Garten war ein außergewöhnlich ruhiger Ort. Jeden Morgen gegen sechs Uhr ging ich noch schlaftrunken runter in die mit dunklem Holz vertäfelte Küche, machte mir eine Tasse Tee, setzte mich hinaus auf die kleine Steinbank, unsere Hündin an meiner Seite, und sah dabei zu, wie das Sonnenlicht langsam die Mauer hinaufkletterte. Dann nahm ich sie mit in meinen Turm, der an die Scheune angrenzte, und las. Nur das Singen der Vögel (und im Sommer das Summen der Bienen) durchbrach die Stille. Abends kreisten winzige Fledermäuse über uns, und wenn es völlig dunkel geworden war, verließen die Eulen ihr Nest im nahegelegenen  Kirchturm (wir kamen nie dahinter, warum sie es gerade im Glockenstuhl gebaut hatten) und stürzten sich in die Nacht, um ihr Abendessen zu fangen. Es war ein Pärchen Schleiereulen. In Neujahrsnächten jedoch glitt eine riesige weiße Eule, ganz wie der Engel, der in Dantes Beschreibung das Schiff der Seelen an die Küste des Purgatoriumsberges geleitet, lautlos durch die Finsternis. Die alte Scheune, deren Steine noch das Siegel des Maurers trugen, der sie im 14. Jahrhundert erbaut hatte, beherbergte meine Bücher fünfzehn Jahre lang. Unter diesem von verwitterten Balken getragenen Dach versammelte ich die Überlebenden aus den vielen vorangegangenen Bibliotheken, die ich seit meiner Kindheit zusammengetragen hatte. Ein professioneller Sammler hätte wohl nur eine Handvoll dieser Bücher für wertvoll befunden: Eine Bibel mit herrlichen Illuminationen, angefertigt im 13. Jahrhundert in einem deutschen Skriptorium (ein Geschenk des Romanciers Yehuda Elberg), ein Handbuch der Inquisition aus dem 16. Jahrhundert, ein paar illustrierte Bücher von zeitgenössischen Künstlern, dazu eine Menge Sonderdrucke und signierte Ausgaben. Aber mir fehlte (und fehlt bis heute) das Geld und das Expertenwissen, um ein echter professioneller Sammler zu werden. In meiner Bibliothek saßen Frischlinge aus der Penguin-Taschenbuchreihe einträchtig neben würdevollen, in Leder gebundenen Patriarchen. Die in meinen Augen wertvollsten Bücher waren diejenigen, mit denen ich eine private Erinnerung verband, wie meine Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm aus den 1930er Jahren, 12 gedruckt in düsteren gotischen Lettern – eines der ersten Bücher, das ich gelesen habe. Auch viele Jahrzehnte später treiben Erinnerungsfetzen aus meiner Kindheit an mir vorbei, wann immer ich die vergilbten Seiten dieses Buches aufschlage. Ich ordnete meine Bibliothek ganz nach meinen Bedürfnissen und Vorlieben. Anders als eine öffentliche Bibliothek musste sich meine keiner festen Klassifikation unterwerfen, die auch Außenstehende begreifen würden. Eine sehr eigene Logik bestimmte ihre Geographie. Die Sprachen, in denen die Bücher im Original geschrieben worden waren, gewährten eine grobe Unterteilung. Alle auf Spanisch, Französisch, Englisch oder Arabisch geschriebenen Bücher (Letzteres eine Sprache, die ich weder sprechen noch lesen kann) fanden sich auf dem gleichen Regalbrett wieder. Ein paar Themenbereiche – Geschichte des Buches allgemein, die Faustlegende, Literatur und Philosophie der Renaissance, Gay Studies und mittelalterliche Bestiarien – hatten ihre eigenen Sektionen. Bestimmte Autoren und Genres waren gegenüber anderen privilegiert: Ich besaß Tausende Detektivromane, aber nur sehr wenige Geschichten über Spione, mehr Platon als Aristoteles, die gesammelten Werke von Zola, kaum ein Buch von Maupassant, den ganzen John Hawkes, die komplette Cynthia Ozick, aber nur sehr wenige Bücher von der Bestsellerliste der New York Times. Ich hatte auch ganze Regale voll schlechter Bücher, die ich aufbewahrte für den Fall, dass ich einmal ein Beispiel für ein wirklich schlechtes Buch bräuchte. In seinem Vetter Pons bietet  Balzac eine Erklärung für dieses obsessive Verhalten an: »Eine Obsession«, schreibt er, »ist ein Vergnügen, das den Status einer fixen Idee erlangt hat.«

Bibliothek von Rainer Speck Köln, fotografiert con CANDIDA HÖFER (Bibliotheken)

Bibliothek Rainer Speck Köln III | mumok

 
 

 

 

51. Lieblingsbuch: In keinem Buch der letzten Zeit befinden sich so viele Zettel, Anmerkungen, Protestbekundungen, Ausrufezeichen... Es ging aus dem Leim, ich habe es mir noch einmal gekauft und wieder von vorn angefangen. die Auseinandersetzung mit der Literatur, dem Schreiben, dem Lesen, dem Leben ging weiter, hört nicht auf...

 

 

Undine Gruenter. Der Autor als Souffleur

Journal 1986-1992. edition suhrkamp 1949, 978-3-518-11949-5, 18,- €

 

Undine Gruenter hat in ihrem Journal während der Jahre 1986 bis 1992 ihre Erzählungen und Romane begleitet. Sie hat Arbeitstagebücher geschrieben, in denen sie sich Rechenschaft ablegt: über grundsätzliche Fragen ihres Literaturverständnisses oder Probleme der bildenden Kunst. Ihre literarischen Introspektionen und Lektürenotizen präludieren das eigene Schreiben.

Undine Gruenters Arbeitsjournal und Künstler-Tagebuch verbindet sich auch mit einem Alltagsjournal: das einer aus Deutschland stammenden, aber seit Jahren in Paris lebenden Autorin, die diese Hauptstadt für sich historisch und literarisch erkundet.

Der Autor als Souffleur verspricht keine nur dem Tag gehörenden und seine Abläufe detailliert begleitenden intim-diskreten Blicke. Aber trotz aller notwendigerweise Fragment bleibenden Form, die einem Journal eignet, auch für Undine Gruenters Aufzeichnungen über die Jahre gilt, was Elias Canetti den seinen voranstellte: »Das Unsichere, vielleicht das Flüchtige, hat durch sein Fehlendes Bestand.«

 

«Es gibt zwei verschiedene Sorten von Schriftstellern: für die einen hat ihre Literatur die Funktion der Selbstausstellung, für die anderen die der Selbstmaskierung. Zu den letzteren gehöre ich.» Die das in ihr Tagebuch schrieb, unterhielt auch sonst zu ihrem Ich ein fragiles Verhältnis; Undine Gruenter, geboren 1952 in Köln, seit 1987 in Paris lebend, war eine der begabtesten und verborgensten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Von der Kritik hoch geachtet, hat sie sich konsequent wie kein anderer Autor dem Medienbetrieb ganz verweigert - um den Preis, dass ihre Bücher weniger Aufmerksamkeit bekamen, als sie verdienten.

 

Paris - die Architektur von Passage und Perspektive, der Flaneur als intellektueller Nomade, der Schock als Wahrnehmungsform –, diese Stadt der Künste hat ihre utopische Ausstrahlung in dem Maß eingebüßt, in dem die "Kultur" zum Behälter für Erlebnisinhalte, für versöhnliche Erbauung und naive Unmittelbarkeit wurde. Wer sich aber, wie Undine Gruenter, an Proust, Breton und Bataille, Simon und Duras orientiert, wem zum Zeitgeist nur einfällt, es sei "nichts wichtiger, als sich von ihm fernzuhalten", wie es in ihrem Arbeitsjournal Der Autor als Souffleur heißt – der mag dort auch noch im 21. Jahrhundert zu Hause sein, und sei’s, weil das Schreiben kein Zuhause kennt. Für Gruenter garantierte der Ort zudem die (durchaus wechselseitige) Distanz zum heimischen Literaturbetrieb. (Dorothee Dieckmann)

 

Undine Gruenter wurde 1952 geboren und studierte Jura, Literaturwissenschaft und Philosophie. Seit Ende der achtziger Jahre lebte sie in Paris und starb dort im Alter von 50 Jahren. Lesen Sie ihre Bücher. Es gibt in der deutschen Literatur noch etwas zu entdecken: zB in:

 

Epiphanien, abgeblendet. 56 Prosastücke. btv
Eine Epiphanie ist eine plötzliche Erscheinung Gottes, eine Offenbarung. Zwei Menschen stehen sich in der Mitte eines Zimmers gegenüber, liegen im Bett, sie reden, sie streiten oder halten Vorträge. Und die poetisch-prosaischen Stillleben verweben sich zu Kleinstgeschichten.

oder in: Pariser Libertinagen. Hanser 2005

Sie folgt in ihren Erzählungen den Menschen in Restaurants und Cafes, in Metrostationen und Hotelzimmer und beobachtet ihre erotischen Verwicklungen, ihre Trennungen und Versöhnungen. Geschichten voller Atmosphäre und Poesie

oder in: Sommergäste in Trouville. Hanser 2003

Undine Gruenter erzählt vom Meer und den Sommergästen, von den Hotels und denen, die dort ihre Ferien verbringen, aber auch von jenen, die in den verlassenen Orten bleiben, wenn der Trubel der Hochsaison vorbei ist und im Herbst nur die immer gleichen Dauergäste bleiben. So war es in der Belle Epoque, und so ist es heute noch: Wer im Sommer von Paris ans Meer will, der fährt an die bretonische oder normannische Küste. Doch die Zeiten und die Moden ändern sich, und der Glanz der großen Zeiten von Flaubert bis Proust ist verblasst auf den Promenaden und den Stränden, unter den Markisen der Cafes und in den Gärten der Ferienvillen.

 

In einer ihrer Erzählungen entdeckt die Protagonistin nicht den Eros, sondern – in der Glastür, die ihr Profil mit dem ältlichen Haarknoten spiegelt – den Tod: "Und da – fallen zwei Nadeln zu Boden. Ich stehe am Fenster, Windstille, nichts rührt sich", lautet das Ende. "Sie fallen zu Boden und bleiben liegen."

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Die Grande Beune ist ein gerade mal 23 Kilometer langes, teils pfützenhaftes Flüsschen in der Dordogne. Jetzt ist sie etwas anderes geworden, ausgelöst durch den erotisch aufgeladenen Text des Autors meines 52. Lieblingsbuches:

 

Pierre Michon. Die Grande Beune

Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518224632
Gebunden, 102 Seiten, 12,90 EUR

 

Der Erzähler dieser packenden, knappen Geschichte erinnert sich an die erste Stelle als Lehrer, die er 1961 in einem Dorf in Frankreichs Südwesten antrat. Er begegnet zwei Frauen, die ihn faszinieren, der älteren Helene und der jungen Yvonne. Yvonne ist die, von der er dann Tag und Nacht träumt, der er nachstellt. Pierre Michon, ein Meister unter den Autoren der französischen Gegenwartsliteratur, hat "Der Ursprung der Welt" in einer unerhört sinnlichen und kunstvollen, einer hoch aufgeladenen und verdichteten Sprache geschrieben. Der Titel spielt an auf die Region, in der die Geschichte situiert ist, nahe den Höhlen von Lascaux mit den weltberühmten paläolithischen Malereien aber zugleich auch auf Gustave Courbets Bild einer Vulva aus dem Jahr 1866, das diesen Titel trägt.

 

Yvonne, die Verkäuferin des Tabakladens, zwischen dreißig und vierzig, sei, so sagt der Protagonist des kleinen Meisterstücks von einem Roman ein "Prachtweib" mit neunjährigem Sohn. Sie ist der Fluchtpunkt aller erotischen Fantasien des jungen Mannes, den Michon als Mischung aus sensiblem Eigenbrötler und kraftstrotzendem Naivling zeichnet.

 

" ihre Bewegung war so unbestimmt, daß sie ebensogut den Nebel hätte meinen können. Sie lächelte. Ein wunderbares Muster bildeten in diesem Lächeln ihre Fältchen. Sie schloß die Tür, drückte an einigen Schaltern herum, alles verlosch, ich schlief schon, als ich vom Stuhl aufstand, ich war irgendwo, in Ländern,wo die Füchse im Traum vorbeilaufen und im dichten Nebel unsichtbare Fische aus dem Wasser springen, mit einem dumpfen Klatschen wieder zurückfallen; in der tiefsten Dordogne, das heißt nirgendwo..."

 

" Denn man ist nur ein paar Schritte von Lascaux entfernt, die Große Beune mündet in die alte Vézère, der Boden ist gespickt voll mit diesem Schlachterwerkzeug; diese inzwischen veralteten, für immer entsicherten Granaten rollen durch die Bäche, frieren im Eis fest, verfangen sich in entwurzelten Bäumen und springen aus den Äckern, die Kinder sammeln sie am Weg auf, bringen sie unter dem Mantel zur Schule; und mit einem liebenswerten Lächeln unter ihren kleinen walachischen Mützen halten sie dem Lehrer, der sich damit auskennt und sich dafür interessiert, in ihrer schwächlichen Hand dieses Stück Finsternis hin..."

 

 

Klar, man muss alles lesen von einem der größten gegenwärtigen franzöischen Schriftsteller:

In "Leben der kleinen Toten" (2004, Suhrkamp) erzählt Pierre Michon von Menschen, die ohne ihn wohl kaum einen Biografen gefunden hätten und die mit dem Ende ihres Daseins sang- und klanglos verschwunden wären. Dichte Texte, wie man sie in der Literatur kaum noch einmal finden wird. Im Original bereits 1984 erschienen, hat dieses Buch in Frankreich bereits 'Kultstatus' erlangt.

In 'Körper des Königs' Essays, die 2015 im Suhrkamp Verlag erschienen, liegt Pierre Michons Mutter im Sterben, der Sohn "betet" für sie: ein Villon-Gedicht, die "Ballade der Gehenkten". Auch nach der Geburt seines Kindes hat er "gebetet": ein Gedicht von Victor Hugo. Auch in den weiteren Essays des Bandes geht es um nichts anderes als die ebenso erhabene wie lächerliche Berufung der Kunst. Michon schreibt über Samuel Beckett, Gustave Flaubert, Ibn Magalî, William Faulkner und eben über sich selbst - so pathetisch und sarkastisch, resolut und poetisch, wie nur er das kann.

 

Die Blumen auf diesem Bild hat der Autor mehr als verdient...

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53. Lieblingsbuch: Im August 1992, als die Hundstage ihrem Ende zugingen, machte ich mich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, der nach dem Abschluß einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere entkommen zu können.

 

W.G. Sebald. Die Ringe des Saturn

Fischer 978-3-596-13655-1, 13.- €

 

Ein Reisebericht besonderer Art. Zu Fuß ist Sebald in der englischen Grafschaft Suffolk unterwegs, einem nur dünn besiedelten Landstrich an der englischen Ostküste. Im August, ein Monat, der seit altersher unter dem Einfluß des Saturn stehen soll, wandert Sebald durch die violette Heidelandschaft, besichtigt verfallene Landschlösser, spricht mit alten Gutsbesitzern und stößt auf seinem Weg immer wieder auf die Spuren oft wundersamer Geschichten. So erzählt er von den Glanzzeiten viktorianischer Schlösser, berichtet aus dem Leben Joseph Conrads, erinnert an die unglaubliche Liebe des Vicomte de Chateaubriand oder spürt dem europäischen Seidenhandel bis China nach. Mit klarer und präziser Sprache protokolliert er jedoch auch die stillen Katastrophen, die sich mit dem gewaltsamen Eingriff der Menschen in diesen abgelegenen Landstrich vollzogen. So verwandelt sich der Fußmarsch letztlich in einen Gang durch eine Verfallsgeschichte von Kultur und Natur, die Sebald mit einer faszinierenden Wahrnehmungsfähigkeit nachzeichnet. Und ganz nebenbei entsteht eine liebevolle Hommage an den Typus des englischen Exzentrikers. Der gesamte Text samt Illustrationen bildet eine Einheit, sowohl nach dem Sinngehalt der Worte (z. B. Ringe), als auch des Themas: Reisen als Wallfahrt.

 

Die umständliche und altertümliche Diktion, die dem Buch den sanft mäandernden Lauf der Sätze diktiert, der ruhige Wellenschlag dieser Sätze: all das ist die passende Form für den melancholischen Gang durch die europäischen Zivilisationsruinen. Der Erzähler in Wanderschuhen wählt in seiner Sprechweise die Gemächlichkeit, die Diktion im Gehrock. Die Darstellung assimiliert den Modus der Wanderschaft, die nie der direkten Peilung von A nach B folgt, sondern immer auf Ab- und Seitenwege gerät und Entlegenes, scheinbar Heterogenes entdeckt, zu neuen überraschenden Zusammenhängen gelangt. Raum, Zeit und Handlung sind in engen Bezug zueinander gesetzt, eine vierte Dimension entsteht, die erwanderten und beschriebenen Orte sind Knotenpunkte, an denen Disparates zusammenwächst. Die Schrift ist der Weg der Reise, sie ahmt die Wahrnehmung des Pilgers im Spannungsfeld von Zufall und Plan nach.

 

W. G. Sebald, geboren 1944 in Wertach im Allgäu, lebte seit 1970 im ostenglischen Norwich, wo er als Dozent für Neuere Deutsche Literatur an der Universität lehrte. Er starb 2001 bei einem Autounfall. Zu seinen Werken gehören die Prosabände ›Schwindel. Gefühle‹, ›Die Ringe des Saturn‹, ›Die Ausgewanderten‹ und ›Austerlitz‹ sowie der Nachlassband ›Campo Santo‹; weiterhin die Essaybände ›Logis in einem Landhaus‹ und ›Luftkrieg und Literatur‹ sowie die beiden Bände zur österreichischen Literatur ›Unheimliche Heimat‹ und ›Die Beschreibung des Unglücks‹. Das lyrische Werk liegt vor in den beiden Bänden ›Nach der Natur. Ein Elementargedicht‹ und ›Über das Land und das Wasser‹. Zudem ist lieferbar der Interviewband ››Auf ungeheuer dünnem Eis.‹ Gespräche 1971 bis 2001‹, herausgegeben von Torsten Hoffmann. W. G. Sebald wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Mörike-Preis, dem Heinrich-Böll-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis.

Ich saß an einem Tisch nahe der offenen Terrassentür, hatte meine Papiere und Aufzeichnungen um mich her ausgebreitet und zog Verbindungslinien zwischen weit auseinanderliegenden Ereignissen, die mir derselben Ordnung anzugehören schienen.

Aus: Schwindel. Gefühle 1990

Nicht die „reale“, durchwanderte Landschaft Ostenglands ist der zentrale Erzählort, sondern der Schriftraum. Sebalds Text gleicht nicht nur dem Labyrinth und der Bibliothek als symbolischem Raum des Dialogs mit der Vergangenheit, sondern auch dem Mausoleum, das nur seine Fassade, seine Oberfläche preisgibt. Was aber im Inneren steckt, bleibt geheimnisvoll und dem Zugriff des Verstandes entzogen. Der Seidenwurm hat auch einen besonderen Platz in der Geschichte, die W. G. Sebald in seinem Buch "Die Ringe des Saturn" erzählt. Von einem Bericht über eine Wanderung, die der Verfasser im August 1992 durch die Grafschaft Suffolk unternommen hat, wird kein Leser die Wunder der Metamorphosen erwarten. Und doch kommt die Rede auf Wucherungen, Mißgeburten und Prodigien. Der Erzähler schweift ab; ein Exkurs gebiert den nächsten. Die Menschen, denen der Wanderer begegnet, verwandeln sich in mythologische Gestalten. Aus Dingen werden Zeichen. Sie verweisen zunächst aufeinander und zuletzt auf etwas Abwesendes, von dem nur in der kunstvollen Verhüllung indirektester Rede gesprochen werden kann. Einer der Fäden in diesem Gewebe ist das Seidenmotiv. Ein großes Buch und die anderen Bücher von diesem viel zu früh Verstorbenen auch.

 

„Die Kunst des Schreibens ist der Versuch, das schwarze Gewusel, das überhand zu nehmen droht, zu bannen im Interesse der Erhaltung einer halbwegs praktikablen Persönlichkeit.“ Das schrieb Sebald in einem Essay über Gottfried Keller. Da es bei ihm keine festen Grenzen zwischen den Genres gibt, darf man annehmen, dass dieser Satz auch autobiografische Züge trägt.

Ein weiteres, wie alle Bücher dieses früh verstorbenen Autors, sehr lesenswertes Buch: AUSTERLITZ:

"Ich sah wieder die mächtigen Quader zu meinen Füßen, den Glimmer im Stein, das graubraue Wasser im Hafenbecken, die schräg aufwärts laufenden Taue und Ankerketten, den mehr als haushohen Bug des Schiffes, die Möwen, die wild kreischend über unseren Köpfen herumflatterten, die durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen und das rothaarige Mädchen mit dem Schottencape und dem Samtbarett, das sich während der Fahrt durch das dunkle Land um die kleineren Kinder gekümmert hatte in unserem Abteil, dieses Mädchen, von dem ich Jahre später noch, wie ich mich jetzt entsann, wiederholt träumte, daß es für mich in einer von einem bläulichen Nachtlicht erleucheten Kammer ein lustiges Lied spielte auf einer Art von Bandoneon." (S. 208 f.)

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54. Lieblingsbuch: "Er reiste. Er lernte die Melancholie der großen Schiffe kennen, das kalte Erwachen im Zelt, den Rausch von Landschaften und Ruinen, die Bitterkeit abgebrochener Freundschaften. Er kehrte zurück. Er ging unter Menschen, hatte noch andere Liebeserlebnisse ... Jahre vergingen; und er litt unter der Untätigkeit seines Verstandes und der Trägheit seines Herzens."

 

 

Gustave Flaubert. Lehrjahre des Gefühls

9783458348375, Insel Taschenbuch 18.- €

 

L’Éducation sentimentale, Histoire d’un jeune homme, ist der letzte vollendete Roman Flauberts (1821–1880). Er erschien 1869 und gilt heute als einer der einflussreichsten Romane des 19. Jahrhunderts. Es liegen mehrere Übersetzungen ins Deutsche vor, unter anderem erschien das Werk unter den Titeln Die Erziehung der Gefühle, Die Erziehung des Herzens, Die Erziehung des Gefühls, Lehrjahre des Gefühls, Lehrjahre des Herzens, Die Schule der Empfindsamkeit und Der Roman eines jungen Mannes. Eine großartige Vorstufe des Romans ist in den 90er Jahren in der Anderen Bibliothek erschienen. Sie heißt "Jules und Henri". Auch die habe ich mit Begeisterung gelesen.

 

Gustave Flaubert wurde am 12. Dezember 1821 in Rouen als Sohn eines Chirurgen geboren. Bereits im Kindesalter unternahm er erste Schreibversuche. Eine wichtige Inspirationsquelle seiner Kreativität war eine jahrelang unerfüllte Liebe zu einer älteren Frau, Elisa Schlesinger, die er 1836 kennenlernte. Sein Vater drängte ihn 1840 zum Jurastudium, das er 1844 nach einem epileptischen Anfall aber abbrach. Fortan widmete er sein Leben nur noch dem Schreiben. Nach einigen Reisen in den Vorderen Orient, u.a. nach Ägypten, kehrte Flaubert wieder auf den Familiensitz in Croisset nach Rouen zurück, wohin er sich, abgesehen von einem regen Briefwechsel mit seiner Geliebten, der Schriftstellerin Louise Colet, und vereinzelten Reisen nach Paris, in die Isolation zurückzog. Flaubert war ein unverbesserlicher Perfektionist im Umgang mit Sprache und hegte eine jahrelange Zurückhaltung, was eine Veröffentlichung seiner Manuskripte anbelangte. Madame Bovary war der erste Roman Flauberts, er erschien 1856. Der Roman zog unmittelbar einen Prozess wegen Sittenlosigkeit nach sich, Flaubert wurde aber 1857 von den Vorwürfen freigesprochen. Flaubert gilt als einer der großen europäischen Romanciers und gehört neben Stendhal und Balzac zu den großen realistischen Erzählern der französischen Literatur. Flaubert starb am 8. Mai 1880.

 

Frédéric Moreau, Student aus der Provinz, verliebt sich in Madame Arnoux, die Frau eines Pariser Kunsthändlers, und hofft mithilfe einer Erbschaft Karriere in der Hauptstadt machen zu können. Mit diesem einen Satz sind die drei Säulen benannt, zwischen denen sich das Leben des unheroischen Helden bewegt: Liebe, Geld, Kunst. Aber Frédéric ist ein ganz und gar unentschlossener, wankelmütiger Mensch. Bevor sich seine Wünsche noch erfüllen können, lässt er sie fallen und versinkt in Müßiggang und Träumerei. Indem Flaubert eine ganz und gar mittelmäßige Hauptfigur wählt ("Mittelmäßige Leute" hätte er das Buch fast genannt), schreibt er den am wenigsten mittelmäßigen Roman, der sich denken lässt.

 

"Ich möchte die geistige Entwicklung der Männer meiner Generation darstellen, die gefühlsmäßige Entwicklung, müsste man genauer sagen ... Es ist ein Buch von Liebe und Leidenschaft, aber von heutiger, also passiver Leidenschaft", schreibt Flaubert an seine Brieffreundin Marie-Sophie Leroyer de Chantepie.

 

Frédéric ist von allem ein bisschen, nichts richtig, und manchmal auch das Gegenteil. Während seine republikanischen Freunde über Politik und Kunst debattieren, schaut er aus dem Fenster. Wo ein anderer eine Niederlage zum Ansporn nimmt, will er sich umbringen; und kann sich doch auch dazu - "aus Erschöpfung" - nicht wirklich entschließen.

 

Die L'Éducation sentimentale bezeichnet zugleich den Höhe- und Endpunkt des bürgerlichen Romans. Danach, nein, mit diesem Buch beginnt die Moderne. Hier, sagt Marcel Proust in seinem Aufsatz von 1921, ist "die Revolution vollendet; was bis zu Flaubert Aktion war, wird Impression". Kaum je zuvor und selten danach ist so gründlich eine Erfahrung beschrieben worden, die man später als Entfremdung bezeichnet hat. Aber Flaubert beklagt sie nicht, er zeigt sie, indem er sie in seine Schreibweise transportiert. Bei ihm sind es nicht die Figuren, die handeln, sondern die Dinge. Die Menschen, während sie noch glauben, Herren ihres Schicksals zu sein, werden gehandelt.

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55. Lieblingsbuch

 

Schubertiana (Auszug)

Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein Aussichtspunkt, von dem aus
man mit einem einzigen Blick die Wohnungen von acht Millionen Menschen umfassen kann.
Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe, ein seitlich gesehener
Spiralnebel.
Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke geschoben, die Schaufenster
betteln die Vorbeigehenden an, ein Gewimmel von Schuhen, die keinerlei Spuren
hinterlassen.
Die kletternden Feuerleitern, die Fahrstuhltüren, die zusammengeleiten, hinter Türen mit
Sicherheitsschlössern ein ständiger Stimmenschwall.
Zusammengesunkene Leiber dösen in den Wagen der Untergrundbahn, den vorwärts
rasenden Katakomben.
Ich weiß auch – ohne jede Statistik –, daß jetzt in irgendeinem Zimmer in der Ferne dort
Schubert gespielt wird und daß für jemanden diese Töne wirklicher sind als all das andere.
(aus: Tomas Tranströmer. Sämtliche Gedichte. Edition Akzente, München 1997, aus dem
Schwedischen von Hanns Grössel © Carl Hanser Verlag)

 

in

Tomas Tranströmer. Sämtliche Gedichte

Hanser Verlag ISBN: 978‐3‐446‐18961‐4, 23.- €

übersetzt aus dem Schwedischen von Hanns Grössel

 

"Ich sehe ein Gedicht", so sagte er auf eine Frage von Walter Höllerer, "als eine neue Perzeptions- Kommunikationsweise. Wie an einem Bahnknotenpunkt, wo sich die Züge aus allen Richtungen treffen, gibt ein Gedicht plötzlich einen neuen Kommunikationsknotenpunkt von dem aus die Wirklichkeit zwar nicht erklärt, aber in einer neuen Beobachtung gezeigt wird. Die Metapher dient dazu, diese neue Beobachtungsweise zu etablieren, und hat damit eine ungeheuer wichtige Rolle in dem gesamten Prozeß."

Mit der Umgebung zu kommunizieren, in der Menge aufzugehen, ist eine Vorstellung, die bei Tranströmer bald als wünschbar, bald als furchtbar erscheint: Er hat zum Kollektiv jenes ambivalente Verhältnis, das Elias Canetti im ersten Abschnitt von "Masse und Macht" auf so eindringliche Weise beschrieben und analysiert hat. Deshalb kann in den Gedichten die Bedrohung mühsam aufgebauter Individuation durch massenhafte Einbrüche des Außen derart beklemmende Gestalt annehmen wie in dem Gedicht "Der Name", worin ein parkender Autofahrer, der aus dem Tiefschlaf erwacht, für fünfzehn Sekunden seinen Namen vergißt: fünfzehn Sekunden Kampf in der Hölle des Vergessens".

 

Die Steine
Die Steine, die wir geworfen, höre ich
fallen, glasklar durch die Jahre. Im Tal
fliegen die verworrenen Handlungen
des Augenblicks schreiend von
Wipfel zu Wipfel, verstummen
in Luft, dünner als die des Jetzt, gleiten
wie Schwalben von Gipfel
zu Gipfel, bis sie
die äußersten Plateaus erreicht haben
längs der Grenze des Seins. Dort fallen
all unsre Taten
glasklar
auf keinen andern Boden
als uns selbst.

 

Tomas Gösta Tranströmer wurde am 15. April 1931 in Stockholm geboren. Nach seinem Studium der Psychologie, Literatur und Geschichte arbeitete er mehrere Jahre an der Universität und als Psychologe in einer Jugendstrafanstalt. 1954 debütierte er dreiundzwanzigjährig mit dem Gedichtband "17 dikter (dt. "17 Gedichte"). Neben vielen internationalen Preisen erhielt Tomas Tranströmer 1981 den Petrarca-Preis, 2011 wurde sein Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Tomas Tranströmer starb am 26. März 2015 in Stockholm. Bei Hanser erschien zuletzt 2018 das letzte Buch des Schriftstellers: Randgebiete der Arbeit

 

 

"Die Erinnerungen sehen mich", schrieb Tomas Tranströmer. Im Jahr 1990, tragische Ironie, verstummte Tomas Tranströmer in Folge eines Schlaganfalls. Seine Gedichte, bei deren Verschriftlichung ihm fortan seine Frau Monica half, wurden noch kürzer. "Von nun an ist es spät", schrieb er damals. Seine Lebenserinnerungen "Minnena ser mig" ("Die Erinnerungen sehen mich", 1993) sind gerade einmal achtzig Seiten lang, und zwar nicht, weil es nichts zu sagen gegeben hätte, sondern weil sich das, was zu sagen war, so verdichten ließ, bis eine jede Erinnerung die Qualität eines kleinformatigen Bildes annahm, in dem eine ganze Lebenslage zusammengefasst erscheint.

 

"Morgenvögel" (1966):

 

Phantastisch zu spüren, wie mein Gedicht wächst,

während ich selber schrumpfe.

Es wächst, nimmt meinen Platz ein.

Es verdrängt mich.

 

Ziemlich beste Freunde: Tomas Tranströmer und Lars Gustafsson anlässlich eines Schriftstellertreffens 1987 im italienischen Asolo. (Bild: Isolde Ohlbaum)

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56. Lieblingsbuch."Es ist nicht notwendig, daß du aus dem Haus gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden." - 109, Beim Bau der chinesischen Mauer

 

Franz Kafka. Die Erzählungen

S. Fischer 14.- €

 

In seiner Miniatur Das nächste Dorf von 1919 schrieb Kafka: "Mein Großvater pflegte zu sagen: 'Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass — von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen — schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.'

 

Die Lesung in München im November 1916 – seine einzige Lesung außerhalb Prags – machte Kafka bewusst, wie sehr er in den beiden Jahren zuvor das eigene schöpferische Potenzial vernachlässigt hatte. Sofort nach der Rückkehr machte er sich auf die Suche nach einer ruhigeren Wohnung; als Provisorium bot ihm Ottla ein winziges Häuschen auf dem Hradschin an (Alchimistengasse 22), das sie zunächst für sich selbst angemietet hatte. Der karge Raum (heute eine Attraktion für Touristen) diente Kafka bis Mai 1917 als »Arbeitswohnung«. Während Prag zunehmend von Kohlennot und Hunger beherrscht war, verfasste Kafka in rascher Folge fast alle Texte, die später unter dem Titel Ein Landarzt zusammengefasst wurden.

 

"Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt einZiel, aber keinenWeg; was wir Weg nennen, ist Zögern ." - 26*, 229 Beim Bau der chinesischen Mauer

 

Kafka selbst sorgte dafür, dass die in der Alchimistengasse entstandenen Werke schon ab 1917 in Zeitschriften und Almanachen erschienen. Auch eine Aufforderung Kurt Wolffs beantwortete er ohne zu zögern und sandte dem Verleger dreizehn »kleine Erzählungen«. Von diesen Werken war der Verleger derart angetan, dass er nicht nur die baldige Veröffentlichung des Sammelbandes Ein Landarzt versprach, sondern Kafka für die Zeit nach dem Krieg eine »fortlaufende materielle Förderung« in Aussicht stellte.

 

"Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft." - Tagebücher, 18. Oktober 1921.

 

Franz Kafka hat Max Brod mit Leidenschaft Texte von Robert Walser vorgetragen. Als der Fischer-Verlag 1962 den Roman Der Gehülfe neu herausgibt, steht auf dem Deckel: „Kafka liebte dieses Buch.“ Noch heute nutzen ihn viele Klappentexte als Verkaufsargument. Als hingegen der Rowohlt-Verlag 1912 Kafkas erstes Buch lanciert, vergleicht er den Debütanten mit dem damals etablierten Schweizer. Die ungleichen Zeitgenossen, die sich nie persönlich begegnet sind, teilen die Erfahrung der Bürokratie (als Angestellte) und beschreiben die Abgründe der modernen Existenz labyrinthisch. Als ihn aber sein Freund Carl Seelig auf den prominenten Fan anspricht, meint Walser lapidar, „in Prag gebe es doch Aufregenderes zu lesen als Walsereien“.

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"Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie fragen!" Diesen ungeheuer scharfen, ungeheuer klaren Satz schrieb Kertész in seinem 1975 erschienenen Buch "Roman eines Schicksallosen". Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagte er 1996: "Ich will meine Leser verletzen."

 

 

 

57. Lieblingsbuch: Imre Kertész war ein Holocaust-Überlebender. Im Sommer 1944 wurde er 14-jährig festgenommen und nach Auschwitz gebracht, später kam er nach Buchenwald. Bei seiner Gefangennahme habe er auf dem Hof einer Budapester Polizeikaserne eine halbe Stunde in den Lauf eines Maschinengewehrs geblickt, erzählte er hinterher. In dem Buch "Roman eines Schicksallosen" ließ er seinen 14-jährigen Protagonisten mit naiver Bewunderung die kalte Funktionalität der Lager bestaunen. Am Ende schreibt er vom "Glück der Konzentrationslager". Ein Ungeheuer von einem Gedanken.

 

Imre Kertész. Roman eines Schicksallosen

Rowohlt Taschenbuch 10.- €

 

Imre Kertész ist etwas Skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist. Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt für Schritt bis an jene Grenze hinab begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, glücksüchtigen, obszönen Angelegenheit wird.

 

Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, wurde 1944 als 14-Jähriger nach Auschwitz und Buchenwald deportiert. In seinem "Roman eines Schicksallosen" hat er diese Erfahrung auf außergewöhnliche Weise verarbeitet. Das Buch erschien zuerst 1975 in Ungarn, wo er während der sozialistischen Ära jedoch Außenseiter blieb und vor allem von Übersetzungen lebte (u.a. Nietzsche, Hofmannsthal, Schnitzler, Freud, Joseph Roth, Wittgenstein, Canetti). Erst nach der europäischen Wende gelangte er zu weltweitem Ruhm, 2002 erhielt er den Literaturnobelpreis. Seitdem lebte Imre Kertész überwiegend in Berlin und kehrte erst 2012, schwer erkrankt, nach Budapest zurück. Er starb am 31. März 2016.

 

"Ich war ganz einfach ein anderer Junge. Diesen jungen Mann habe ich nicht deshalb zum Erzähler gemacht, weil ich dieses Schicksal durchlitten hätte, sondern aus einer sozusagen strategischen Überlegung heraus: Typisch für totalitäre Regime wie den Nazismus oder den Stalinismus ist doch, daß man auf ein gewisses Niveau herabgedrückt wird. Der Mensch lebt in einer Art Infantilismus, er wird gebraucht und funktioniert, mehr nicht. Die Naivität des Erzählers entspricht diesem Niveau, er weiß noch nichts von all den Schrecken."

 

 

Auf die Frage WARUM SCHICKSALLOS antwortete Kertész in einem Interview des Spiegel:

"Weil er sehr jung ist, weil er das alles nicht begreifen kann. Der Knabe hat diese fremde, ihm aufgezwungene Biographie durchlitten - und nun plötzlich, mit seiner Heimkehr aus dem Konzentrationslager, geht das alles zu Ende. Auf einmal gilt die ihm seit seiner Kindheit vertraute Bestimmung nicht mehr, daß er als Jude dazu da ist, ausgerottet zu werden. Nun ist er frei und weiß überhaupt nicht mehr, was er mit den ersten 15 Jahren seines Lebens anfangen, wie er sie akzeptieren soll...Nein, ich habe mein Schicksal akzeptiert. Ich bin, wenn Sie so wollen, mit Auschwitz und meinem Schicksal im Konzentrationslager identisch. Ich betrachte mich nicht einmal nur als Opfer. Um überleben zu können, mußte man durch die Hölle gehen - und in der Hölle wird man schmutzig. Die Unschuldigen sind die, die gestorben sind. Aber einer, der das durchlebt hat, kann einfach nicht ganz ohne diese allgemeine menschliche Beschmutzung sein. Das muß man für sich akzeptieren."

 

"Ich habe das so erlebt. Rimbaud hat einmal gesagt, das Verhängnis aller Wesen sei das Glück. Mit anderen Worten: Das Glück ist eine Falle für die Menschen, sie verlockt uns weiterzuleben. Selbst in der größten Verzweiflung empfinden wir immer auch Momente des Glücks, der Hoffnung. Nur wenn ich nicht mehr an die Zukunft glaube, hänge ich mich auf."

 

"Ach wissen Sie: Vor 50 Jahren hat man mich hierhergebracht, man hat mich geschlagen und getreten. Jetzt komme ich wieder hierher, ich lese den Menschen aus meinem Buch vor, und man hört mir freundlich zu, man applaudiert. Die Welt ist absurd, einfach nur absurd."

 

«Auch nicht eine unserer Taten vergeht spurlos. Ich habe Angst …» Lesen sie auch, um zu begreifen, seine Aufzeichnungen 1991-2001 DER BETRACHTER.

Foto: Gedenkstätte Auschwitz Birkenau

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58. Lieblingsbuch: Komm ins offene Freund

 

 

Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte

Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch 4, Taschenbuch, 1152 Seiten
ISBN: 978-3-618-68004-8, 22.- €

 

Diese Ausgabe ordnet Hölderlins Gedichte chronologisch und unterzieht sie einer textkritischen Revision. Alle Abweichungen gegenüber der Großen Stuttgarter Ausgabe werden in den Kommentaren erläutert. Aufgrund ihres Schwierigkeitsgrades und ihres Voraussetzungsreichtums bedarf Hölderlins Lyrik einer intensiven Erschließung.
Die Ausgabe bietet daher Erläuterungen, die weit über das Bisherige hinausgehen. Den bedeutenden und komplexen Gedichten gelten umfassende Überblickskommentare. Sie sollen zu einem ganzheitlichen Verständnis hinführen. Aber auch für die Einzelerläuterungen wurden ganze Bereiche erstmals erschlossen, so daß nun viele Texte besser verständlich oder überhaupt erst zugänglich geworden sind.

Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Hauslehrer in Frankfurt am Main im September 1798 hielt sich Hölderlin zunächst im nahen Homburg auf. Mitte Juni 1800 wanderte er über Nürtingen, wo die Mutter und die Schwester lebten, nach Stuttgart. Dort wohnte er bei dem gebildeten, liberalen Tuchhändler Christian Landauer (1769–1845). Ihm widmete er – zu dessen Geburtstag am 11. Dezember 1800 – auch das gereimte Lied An Landauer: „Sei froh! Du hast das gute Loos erkoren, / Denn tief und treu ward eine Seele dir; / Der Freunde Freund zu seyn, bist du geboren, / Diß zeugen dir am Feste wir.

 

Vermutlich im Frühjahr 1801 nach seiner Rückkehr aus Hauptwil in der Schweiz verfasst Hölderlin den gewaltigen Entwurf eines "vaterländischen Gesanges", den "Gang aufs Land". Allerdings bleibt dieser Gesang ein Entwurf. Von den vermutlich geplanten vier Strophen bleiben die dritte und vierte Strophe nur Fragmente.

 

Der 'Gang aufs Land' ist für mich persönlich das schönste Gedicht deutscher Sprache:

 

 

Der Gang aufs Land.

An Landauer

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zulezt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergözliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn.

Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der seegenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer ins Land.
Nemlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirth;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deßhalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög’ ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun,
Wir, so gut es gelang, haben dass Unsre gethan.

Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Nekar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft
Aber mit Wölkchen bedekt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft

Das Offene ist nicht nur der schwäbische Ausduck für die freie Natur, das 'Land'. Der Dichter ruft ja im Gesang auf zum "Gang aufs Land", ins Offene. Das Offene ist die freie offene Weite, das Losgelöst-Sein von aller Bedrückung und Beschränkung.

 

Als großer Lyriker wurde Hölderlin erst im 20. Jahrhundert entdeckt. Die Intensität eines von allem Dekorativen befreiten Sagens, die kühne Metaphorik und die Sprengung konventioneller Normen, insbesondere in den Gedichten nach 1800, ließ Hölderlin als Vorboten und zugleich schon frühen Vollender moderner Ausdruckskunst erscheinen. Dennoch stehen Hölderlins Gedichte im geistigen Horizont der Zeit: Empfindsamkeit, Deutscher Idealismus, Französische Revolution, Philhellenismus, Rousseaus Wendung zur ›Natur‹, die hyperbolische Steigerung des ›Dichterischen‹ - sie verleihen seiner Poesie ihre geschichtliche Kontur.

Lesen sie unbedingt auch den HYPERION: In Briefen an seinen Freund Bellarmin schildert Hyperion sein auf den ersten Blick gescheitertes Leben. Im Mittelpunkt dabei stehen zwei Themen: die – auf die Französische Revolution und den Freiheitskampf der Griechen zurückgehende – Utopie einer neuen Gesellschaft und seine Liebe zur "schönen Seele", Diotima.: "So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. [...] Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark [...], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes - das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.

Am 20. März 1770 wurde er geboren. Zu Lebzeiten blieb ihm die Anerkennung versagt – heute gilt Friedrich Hölderlin als einer der größten Lyriker deutscher Sprache, eine singuläre und rätselhafte Gestalt unter den Dichtern

Am 7. Juni 1843, nachts um 11 Uhr, stirbt Friedrich Hölderlin und wird drei Tage später auf dem Tübinger Friedhof bestattet. Etwa hundert Studenten folgen dem Sarg, von der Professorenschaft ist niemand anwesend. Christoph Schwab hält die Trauerrede. Ein Jahr später lässt sein Halbbruder Karl Gok einen Grabstein setzen, der als Inschrift die Schlussstrophe des Gedichts Das Schicksal trägt, das Hölderlin bereits in jungen Jahren geschrieben hatte:

 

 

Im heiligsten der Stürme falle
Zusammen meine Kerkerwand,
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land.
Hier blutet oft der Adler Schwinge.
Auch drüben wartet Kampf und Schmerz.
Bis an der Sonnen letzte ringe,
Genährt vom Siege dieses Herz.

Statt Deutschlandfahne - ein Hölderlingedicht an der Hauswand:
Immer die bessere Alternative

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59. Lieblingsbuch: „ (…) überleben letztlich bedeutet, daß man unaufhörlich wieder mit dem Leben beginnt.“

 

Simone de Beauvoir. Die Mandarins von Paris

rororo, 978-3-499-10761-0, 795 S., 15.- €

 

Mit diesem Werk, dem die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs, der Prix Goncourt, zugesprochen wurde, schrieb Simone de Beauvoir den Schlüsselroman der französischen Links-Intellektuellen. Er ist zugleich politisches Tagebuch und faszinierender Frauenroman, der private Schicksale und Zeitgeschichte in konfliktreiche Beziehungen setzt, Chronik des Verfalls einer engagierten Intellektuellenschicht, die sich nach ihrem Widerstandskampf unter Einsatz des persönlichen Lebens nun nicht mehr gefordert fühlt.

 

Simone de Beauvoir hat diesen Roman Nelson Algren gewidmet. Als sie 1986 neben Sartre bestattet wurde, trug sie am Finger einen Ring. Den billigen Kupferring, der Anne von Lewis bei ihrer ersten Begegnung in den USA über den Finger gestreift wurde.

 

„Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur“ – und dies aus dem Munde Robert Dubreuilhs, der ganz offensichtlich nach dem Vorbild Jean-Paul Sartres gezeichnet ist. Im Roman wie im Leben kreist das Buch um Männer, deren Leben dem Schreiben und der Politik untergeordnet ist. Ihre Lebenswelt, vor allem die der beiden zentralen Figuren Robert und Henri, der intellektuell kühl strategisch denkende Robert einerseits, der lebenshungrige, von hohen moralischen Werten geprägte Henri, unschwer als Camus zu entziffern, andererseits, ist im Frankreich der Nachkriegszeit geprägt von Worten: Alles, was man schreibt und sagt, hat eine mehrdimensionale Bedeutung – zumindest in den Kreisen der „Mandarins“.

 

„Ich nehme an, Sie haben diesen Krieg zu sehr aus der Nähe erlebt, um ihn richtig verstehen zu können. Das ist etwas ganz anderes als ein Krieg: es ist die Liquidierung einer Gesellschaft, ja, sogar einer Welt. Der Beginn der Liquidierung. Fortschritt von Wissenschaft und Technik, ökonomische Veränderungen werden die Erde derartig erschüttern, daß auch unsere Art zu denken und zu fühlen davon revolutioniert sein wird: ungern werden wir uns daran erinnern, wer wir gewesen sind. Kunst und Literatur werden uns wie manches andere nur noch wie unzeitgemäße Zerstreuungen erscheinen.“

 

Als Dreijährige besaß die Tochter der französischen Bourgeoisie eine eigene Visitenkarte. Als Einundzwanzigjährige schloss sie einen radikal antibürgerlichen Liebespakt mit dem Philosophiestudenten Jean-Paul Sartre. Als Vierzigjährige verfasste sie das Buch "Das andere Geschlecht", das zur Bibel des Feminismus und zum Skandalwerk avancierte: Simone de Beauvoir gilt als Ikone moderner, intellektueller Weiblichkeit des 20. Jahrhunderts.

 

 

 

„Ich muß zugeben, daß es mir an Geduld fehlt: die Revolution marschiert, aber sie marschiert so langsam, mit kleinen und so ungewissen Schritten. Für Robert ist eine Lösung, die besser als die andere ist, gut, ein verringertes Übel hält er für etwas Gutes. Sicherlich hat er recht. Aber offenbar habe ich meine alten Träume vom Absoluten nicht ganz ausgerottet, denn mich befriedigt das nicht. Und außerdem scheint mir die Zukunft in weiter Ferne zu liegen, es fällt mir schwer, mich für Menschen, die noch nicht geboren sind, zu interessieren, ich mag viel lieber denen helfen, die ich gerade jetzt lebendig vor mir habe.“

 

 

Ein wichtiges und gutes Buch zur Erklärung der Zusammenhänge zwischen den fiktiven Mandarins liefert Sarah Bakewell. Das Café der Existentialisten: Paris 1932, im Café Bec-de-Gaz sagt Raymond Aron zu seinem Freund Sartre: "Siehst du, mon petit camarade, wenn du Phänomenologe bist, kannst du über diesen Cocktail sprechen, und das ist dann Philosophie!" Der einfache Satz war die Geburtsstunde einer neuen Bewegung, die sich in Jazz-Clubs und Cafés verbreitete. Sie inspirierte Musiker und Schriftsteller, erregte Abscheu im Bürgertum und befruchtete Feminismus, Antikolonialismus und 68er-Revolte. Im Mittelpunkt stehen die Antipoden Heidegger und Sartre, der eine in seiner Hütte im Schwarzwald dem Sein nachsinnend, der andere in Pariser Cafés wie besessen schreibend. Aber es geht auch um Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Iris Murdoch und viele andere.

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60. Wenn wir schon einmal dabei sind, Existentialismus und so, dann komme ich um den folgenden Autor, der mich seit Ende der Jugendzeit mit seinen Texten "begleitet", nicht rum:

 

 

Jean Paul Sartre. Der Ekel

 

Antoine Roquentin widerfährt etwas Unglaubliches: Sein normales, belangloses Leben plätschert plötzlich nicht mehr so dahin wie vorher, sondern wird für ihn zur Belastung, zur Qual. Ein Stück Papier, ein Kieselstein, selbst seine eigene Hand erregen in ihm ein diffuses Unbehagen: den Ekel. Dieser Zustand verschlimmert sich zusehends. Die Menschen in der Bibliothek, seine verflossene Geliebte, seine Tischgenossen – alle rufen in ihm den Ekel hervor. Es ist die schiere Existenz – und ihre Sinnlosigkeit. Angesichts einer Welt, in der alles ziel- und sinnlos existiert, muss sich der Mensch selbst sinnlos vorkommen. Mit Der Ekel stellte Sartre schon Jahre vor seinem philosophischen Hauptwerk Das Sein und das Nichts die Kernfragen des Existenzialismus vor. Fasziniert hat mich an diesem Buch auch die Figur des Autodidakten, der lexikalisches Wissen sammelt und feststellt, dass es nicht das geringste bedeutet.

 

„Wenn man lebt, passiert nichts. Die Szenerie wechselt, Leute kommen und gehen, das ist alles. Es gibt nie Anfänge. Ein Tag folgt dem anderen, ohne Sinn und Verstand, ein unaufhörliches, eintöniges Aneinanderreihen. (...) Das heißt leben. Aber wenn man das Leben erzählt, verändert sich alles; bloß ist es eine Veränderung, die niemand bemerkt: der Beweis ist, daß man von wahren Geschichten spricht. Als ob es wahre Geschichten geben könnte; die Ereignisse entwickeln in einer Richtung, und wir erzählen sie in umgekehrter Richtung. Man tut so, als finge man mit dem Anfang an: ‚Es war ein schönem Abend im Herbst 1922. Ich war Schreiber bei einem Notar in Marommes.‘ Und in Wirklichkeit hat man mit dem Ende angefangen. Es ist da, unsichtbar und gegenwärtig, es ist das Ende, das diesen wenigen Worten den Pomp und den Wert eines Anfangs verleiht. ‚Ich ging spazieren, ich war aus dem Dorf gegangen, ohne es zu bemerken, ich dachte an meine Geldsorgen.‘ Dieser Satz, einfach als das aufgefaßt, was er ist, will sagen, daß der Typ gedankenverloren, verdrießlich, meilenweit von einem Abenteuer entfernt war, genau in jener Stimmung, in der man die Ereignisse unbeachtet verstreichen läßt. Aber das Ende ist da, das alles verwandelt. Für uns ist der Typ schon der Held der Geschichte. Seine Verdrießlichkeit, seine Geldsorgen sind viel kostbarer als unsere eigenen, sie sind ganz vergoldet vom Licht künftiger Leidenschaften. Und die Erzählung geht verkehrt herum weiter: die Augenblicke stapeln sich nicht länger auf gut Glück übereinander, sie werden vom Ende der Geschichte weggeschnappt, das sie ansaugt, und jeder von ihnen saugt seinerseits den vorangehenden Augenblick an."

 

 

 

Sartre, geboren am 21.06.1905, wuchs er nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahre 1906 bis zur Wiederheirat seiner Mutter im Jahre 1917 bei seinen Großeltern Schweitzer in Paris auf. 1929, vor seiner Agrégation in Philosophie, lernte er seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir kennen, mit der er eine unkonventionelle Bindung einging, die für viele zu einem emanzipatorischen Vorbild wurde. 1931-1937 war er Gymnasiallehrer in Philosophie in Le Havre und Laon und 1937-1944 in Paris. 1933 Stipendiat des Institut Français in Berlin, wo er sich mit der Philosophie Husserls auseinandersetzte.
Am 02.09.1939 wurde er eingezogen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er 1941 mit gefälschten Entlassungspapieren entkam. Noch 1943 wurde unter deutscher Besatzung sein erstes Theaterstück «Die Fliegen» aufgeführt; im selben Jahr erschien sein philosophisches Hauptwerk «Das Sein und das Nichts». Unmittelbar nach dem Krieg wurde Sartres Philosophie unter dem journalistischen Schlagwort «Existenzialismus» zu einem modischen Bezugspunkt der Revolte gegen bürgerliche Lebensformen. 1964 lehnte er die Annahme des Nobelpreises ab.

 

 

"Der Mensch kann nichts wollen, wenn er nicht zunächst begriffen hat, daß er auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, daß er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird, ohne ein anderes Schicksal als das, das er sich auf dieser Erde schmieden wird." - Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 118
("L'homme ne peut vouloir que s'il a d'abord compris qu'il ne peut compter sur rien d'autre que sur lui-même; qu'il est seul, délaissé sur la terre au milieu de ses responsabilités infinies, sans aide ni secours, sans autre but que celui qu'il se donnera à lui-même, sans autre destin que celui qu'il se forgera sur cette terre." - A propos de l'existentialisme - Mise au point. Action, no. 17, 29 décembre 1944.)

 

Lesen Sie unbedingt auch den ersten Teil der WEGE DER FREIHEIT: Zeit der Reife: Jean-Paul Sartre läßt seine Romanfiguren seine eigene Erfahrung erleben: ein kleiner Kreis Pariser Freunde auf dem Weg der Selbstverwirklichung wird jäh und unvorbereitet in den Zweiten Weltkrieg gestürzt. Oder die außerordentliche Autobiographie DIE WÖRTER: Sartre erzählt hier mit der Ironie eines Mannes, der alle Lügen seines Zeitalters und alle Illusionen, auch die eigenen, durchschaut hat, die Geschichte seiner Jugend. Eine faszinierende Studie über die kindliche Psyche, ein brillant geschriebenes Selbstbekenntnis, das die Tradition der großen französischen Moralisten für unsere Zeit erneuert. DAS SPIEL IST AUS: Pierre, der Revolutionär, und Eve, eine Dame der Gesellschaft, sterben zu gleicher Stunde durch Gewalt, begegnen sich in einer Welt der Schatten und verlieben sich leidenschaftlich ineinander: "Ich gäbe meine Seele, wenn ich deinetwillen noch einmal leben dürfte." Der Wunsch wird Realität und die Uhr des Schicksals zurückgedreht. Aber die Vergangenheit stellt ihre Forderungen ... - Jetzt sind Sie drin im System Sartre - tut mir leid, da kommt keiner mehr raus.

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INTERMEZZO: Marcel Proust. Tage des Lesens

»Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene, die wir glaubten verstreichen zu lassen, ohne sie zu erleben, jene nämlich, die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben.« So beginnt der erste der drei Essays über die Geheimnisse und Faszination des Lesens, der unter dem Titel »Sur la lecture« erstmals 1905 in La Renaissance Latine erschien. Proust erinnert sich an Tage des Lesens im Kindheitsparadies Illiers und weitet seinen Aufsatz zu einer Argumentation über die Frage, ob und wie aus dem Umgang mit Literatur Literatur entsteht, ob und wie der Kritiker zum Dichter werden könne.

“Dann war die letzte Seite gelesen, das Buch war beendet. […] Aber wie? Das Buch war nicht mehr als das? Diese Wesen, denen man mehr von seiner Aufmerksamkeit und seiner Zärtlichkeit geschenkt hatte als den Menschen des wirklichen Lebens, ohne es immer zu wagen, sich einzugestehen, in welchem Maße man sie liebte […]; diese Wesen, für die man außer Atem geraten und für die man geschluchzt hatte, würde man niemals wiedersehen, man würde nichts weiter über sie erfahren. […]
Man hätte so gern gehabt, daß das Buch weiterginge und daß man, wenn dies möglich war, doch weitere Auskünfte über all diese Personen erhalten und etwas über ihr Leben erfahren hätte, oder daß wir das unsere auf Dinge verwenden könnten, die nicht völlig ohne Beziehung zu der Liebe wären, die sie uns eingegeben hatten und deren Gegenstand uns plötzlich fehlte, daß wir nicht vergeblich für ein paar Stunden Wesen geliebt hätten, die morgen nur noch ein Name auf einer vergessenen Seite sein würden, in einem Buch, das ohne Beziehung zum Leben ist und über dessen Wert wir uns sehr getäuscht hatten, da seine Bestimmung hienieden, wie wir nun begriffen, […] keineswegs, wie wir geglaubt hatten, darin bestand, das Universum und das Schicksal zu enthalten, sondern einen sehr schmalen Platz im Bücherschrank […].”

"Komm, klapp dein Buch zu, wir wollen essen." Unsanft wird der kleine Junge aus seiner Lektüre gerissen, und nach erfüllter Familienpflicht will er nichts so sehr wie Weiterlesen, Weiterträumen und Weiterschwelgen. Mit einem Blick zurück ins Kinderland beginnt Marcel Proust seinen Essay; erst danach erklärt er, warum Bücher später nur "Anreize" zum eigenen Leben und Erleben sein können, "Zauberschlüssel", die man maßvoll anwenden sollte. Stets haben Kenner das Bekenntnis als Kernstück Proustscher Ästhetik und als eine Keimzelle des großen Erzählzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gesehen.

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61. Lieblingsbuch: „Heute hinauszuschreien, dass die Utopie gescheitert ist, ist etwa so klug, wie im Spätherbst, wenn die Blätter fallen, zu dem Schluss zu kommen, dass die Idee des Frühlings gescheitert ist. Nieder mit dem Frühling!“, schrieb er in dem 1993 erschienenen Band „Die verleugnete Utopie“

 

 

Lothar Baier. Jahresfrist. Erzählung

Collection S. Fischer, 1985

 

In Südfrankreich – eine gute Autostunde von Avignon entfernt in einem Rhône-Seitental gelegen – hat ein Deutscher ein verfallenes Bauernhaus gekauft, das er allein und mühsam bewohnbar macht. Er hat sich die Frist von einem Jahr gegeben, um das nötige Handwerk zu erlernen und die wichtigsten Arbeiten zu bewältigen. Daheim vor allem mit Büchern beschäftigt, lernt er hier das Wetter und die Natur beobachten und, am Rande der Zivilisation, mit der Einsamkeit fertig zu werden.

 

Manchmal müsse man souverän die Augen schließen, um noch etwas zu sehen, was angeschaut zu werden verdiene: das schrieb Rene Char, der bedeutende französische Lyriker, in seinem Resistance-Poem "Hypnos". Einer, der früh vor der heraufziehenden grünen Romantik warnte und gegen die idyllischen Mythologien polemisierte, ist der Essayist und Kritiker Lothar Baier, einer der zuverlässigsten seiner Zunft, der vom Augenverschließen nie viel gehalten hat. Jeder Stein, jeder Baum, jeder Vogelschrei oder Lichtfall wirkten in den ersten Tagen wie ein Versprechen, die Grenze zum Geheimnis des Lebens durchstoßen zu können.

 

In einem langen Nachtgespräch mit Paul Nizan, das zu einer Abrechnung mit der eigenen 68er-Vergangenheit gerät, erfahren wir endlich die Motive dieser Flucht aufs Land: Da ist einer vor seinen einstigen Hoffnungen davongelaufen, er ist geflohen vor den einstigen Freunden und Genossen, die - wie er - die eigenen Väter, die nur in einem verbrecherischen Krieg, nicht aber in den Kampf für eine bessere Welt gezogen waren, vertauschten mit jenen Übervätern vom Schlage Paul Nizans, die einst in den großen historischen Auseinandersetzungen ob französische Volksfront oder Spanischer Bürgerkrieg - standen.

 

"Käme es nicht darauf an, alle Hoffnung und Erwartung aus dem Blick zu verbannen, der auf die Umgebung fällt, damit sie sich endlich zeigen kann, wie sie ist, im Rohzustand, nicht in die Hülle unserer Wünsche eingepackt?..."

 

Viele aus jener Zeit, als die Illusionen noch geholfen haben, werden sich in Lothar Baiers Buch wiedererkennen.

 

"Okzitanien. Es ist eine karge und raue Landschaft, der Sonne und dem Mistral ausgesetzt, der häufig viele Tage lang aus Norden bläst und die Erde ausdörrt. Nur in den Tälern und Senken, wo sich Kalkerde zwischen Erosionsbrüchen halten kann, gibt es Landwirtschaft. Tatsächlich wurde dort schon vor zweitausend Jahren Wein angebaut, und griechische Kaufleute aus Marsaille ließen sich hier Landhäuser bauen, aus denen im Lauf der Jahrhunderte Weiler und Dörfer entstanden. (...) Man kann stundenlang über die versteppten Hügel gehen, ohne einem Menschen zu begegnen. Aber man kaum ein paar Schritte tun, ohne auf die Spuren menschlicher Arbeit zu stoßen. Dort, wo sich ein kleiner Pinienwald den Hügel hinaufzieht, wurden vor einem halben Jahrhundert vielleicht noch Reben geschnitten und wurde Lavendel geerntet; die Terrassierung ist noch deutlich zu erkennen. (...) Manchmal ist der Anblick der verlassenen, versteppten Hügel für mich nicht leicht zu ertragen; er stellt eine Herausforderung dar, die ich nur in Umrissen erkennen, der ich mich aber nicht entziehen kann."

 

Beim Lesen und Wiederlesen der Bücher von Baier merken wir aber plötzlich, wieviel Zeit wir haben, und vor allem, dass diese Lektüre-Zeit erfüllt ist. Bei der Lesung in Saarbrücken durfte ich einen ungewöhnlichen Menschen kennenlernen, der sich selbst nicht so wichtig nahm. Der Schriftsteller Lothar Baier ist tot.

 

"Er war bis zu jenem Grad der Einsamkeit gelangt, an dem die Bande so endgültig zerschnitten sind, dass es nicht mehr möglich ist, unter den Menschen Fuß zu fassen." (Zitat Paul Nizan)

Foto: Okzitanien

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Lieblingsbuch No. 62: Der zerstreute Professor Timofey Pnin ist ein einsamer Individualist, den der American Way of Life tief verstört. Der Immigrant wirkt auf seine Umwelt wie ein komischer Versager. Aber seine Würde, sein Ernst, seine Persönlichkeit lassen eben diese Umwelt lächerlich erscheinen: Sie versagt an ihm. Alles, was Pnin widerfährt, macht uns diesen altmodischen russischen Gelehrten liebenswert.

 

Vladimir Nabokov. Pnin

Rowohlt Taschenbuch, 12.- €, übersetzt von Dieter E. Zimmer

Die Originalausgabe erschien 1957 unter dem Titel «Pnin» bei Doubleday & Company, Inc., Garden City, New York.

 

Vladimir Nabokov ist einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er entstammte einer großbürgerlichen russischen Familie, die nach der Oktoberrevolution von 1917 emigrierte. Nach Jahren in Cambridge, Berlin und Paris verließ Nabokov 1940 Europa und siedelte in die USA über, wo er an verschiedenen Universitäten arbeitete. In den USA begann er seine Romane auf Englisch zu verfassen, «Lolita» war Nabokovs Liebeserklärung an die englische Sprache, wie er im Nachwort selber schrieb. Nach einer anfänglich schwierigen Publikationsgeschichtewurde «Lolita» zum Welterfolg, der es Nabokov ermöglichte, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Nabokov zog in die Schweiz, wo er schrieb, Schmetterlinge fing und seine russischen Romane ins Englische übersetzte. Er lebte in einem Hotel in Montreux, wo er am 5. Juli 1977 starb.

 

"Hier muss nun ein Geheimnis verraten werden. Professor Pnin befand sich im falschen Zug. Er wusste es nicht, und ahnungslos war auch der Schaffner, der den Zug entlang Pnins Wagen bereits näher und näher kam. Pnin war im Moment sogar durchaus mit sich zufrieden. Als sie ihn eingeladen hatte, in Cremona – etwa zweihundert Werst westlich von Waindell, Pnins universitärem Unterschlupf seit 1945 – einen Freitagabend-Vortrag zu halten, hatte die stellvertretende Vorsitzende des Frauenclubs von Cremona, eine gewisse Miss Judith Clyde, unseren Freund darauf aufmerksam gemacht, dass der günstigste Zug in Waindell um 13 Uhr 52 abfuhr und um 16 Uhr 17 in Cremona eintraf; doch Pnin – der wie so viele Russen eine ungemeine Schwäche für Fahrpläne, Landkarten, Kataloge hatte, sie sammelte, sie in dem erhebenden Gefühl, etwas umsonst zu bekommen, reichlich an sich nahm und besonders stolz darauf war, selber Verbindungen zusammenzupuzzeln – hatte nach einigem Studium einen unauffälligen Hinweis auf einen noch günstigeren Zug entdeckt (ab Waindell 14.19 Uhr, an Cremona 16.32 Uhr); die Fußnote tat kund, dass der um vierzehn neunzehn auf dem Weg in eine ferne und sehr viel größere Stadt, die ebenfalls von einem weichen italienischen Namen geschmückt war, freitags, und nur freitags, in Cremona hielt. Zu Pnins Pech war sein Fahrplan fünf Jahre alt und in Teilen seit langem überholt."

 

"Mit Pnin habe ich eine völlig neue Figur geschaffen ... ein Mensch von großem moralischen Mut, ein reiner Mensch, ein Gelehrter und unbeirrbarer Freund, auf heitere Art weise... Aber behindert und gehemmt von seiner Unfähigkeit, eine Fremdsprache zu lernen, erscheint er manchem durchschnittlichen Intellektuellen als eine Witzfigur."

 

Der Zusammenprall des alten Europa mit einer amerikanischen Kultur, die seither die Welt erobert hat in immer neuen Schüben, ist hier vorweggenommen. Mitten im kältesten Krieg (in den USA ist McCarthy-Zeit) gibt Väterchen Rußland eine Abschiedsvorstellung: Pnin steht da auf wunderbar verlorenem Posten.

 

„Pnin schlenderte langsam unter den friedlich-stillen Kiefern hin. Der Himmel lag im Sterben. Er glaubte nicht an einen autokratischen Gott. Er hatte eine unbestimmte Vorstellung von einer Demokratie der Geister. Vielleicht bildeten die Seelen der Toten Komitees, und diese widmeten sich in fortlaufenden Sitzungen dem Geschick der Lebenden“ (133).

 

„‚Sie mögen lachen, aber ich behaupte, der einzige Weg, dem Chaos zu entrinnen (…) besteht darin, daß man den Student in eine schalldichte Zelle sperrt und den Hörsaal schließt (… Schallplatten über jedes erdenkliche Thema werden dem Studenten zur Verfügung stehen (…)‘ – ‚Und die Persönlichkeit des Dozenten‘, fragte Margaret Thayer. ‚Zählt die denn gar nichts?‘ – ‚Nein!‘ schrie Hagen. Das ist ja die Tragödie! Wer zum Beispiel will ihn?‘ Dabei deutete er auf den strahlenden Pnin: ‚(…) Die Welt will eine Maschine, keinen Timofej.“ (157f)

 

„‚Und nun‘, sagte er, ‚werde ich ihnen die Geschichte erzählen, wie Pnin zu einem Vortrag im Cremoneser Frauenclub das Podium besteigt und feststellt, daß er das falsche Manuskript mitgebracht hat.“ (188). Hören Sie sich diese Geschichte an. noch besser, lesen Sie sie.

 

Einzigartig.

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63. Lieblingsbuch: Wollen Sie Nagel kennenlernen, diesen unglaublichen Johan Nilsen Nagel, der eines Tages am Kai stand, gelbe Sachen trug wie Werther und eine ganze Küstenstadt aufmischte? Irgendwie war der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun ja auch wie dieser Johan Nilsen Nagel. Er führte Gift und Geigenkasten mit sich, er war voller Liebe, Ironie und Verzweiflung, er war ein Ärgernis und wollte ein Ärgernis sein, und am Ende sprang er ins Meer, mit Anlauf, bis bloß noch Blasen aufstiegen und sonst nichts.

 

Knut Hamsun. Mysterien

List-Ullstein 9.95 €

 

In der kleinen norwegischen Hafenstadt war Johan Nilsen Nagel vom ersten Tage an eine exotische Figur. Er war gekommen und geblieben, niemand wußte warum. Er trug knallgelbe Anzüge, schickte sich selbst Telegramme und hatte in seinem Hotelzimmer einen geheimnisvollen Geigenkasten, der dann doch nur schmutzige Wäsche enthielt. Aber nicht nur durch solche Äußerlichkeiten verblüfft und irritiert er die Einheimischen. Dieser Ausländer des Daseins, wie er sich apostrophiert, verteidigt leidenschaftlich einen lahmen alten Mann, den er nie zuvor gesehen hat, betätigt sich zum Schein als Detektiv, spricht voller Engagement über Literatur, ist ein charmanter Unterhalter und setzt sich mit nervöser Souveränität über die Regeln des Kleinstadtlebens hinweg. Er wirbt um eine nicht mehr junge Frau und verliebt sich gleichzeitig in die schöne Tochter des Pfarrers. Und beide weisen ihn ab. Seine Handlungen, die undurchdringlich und geheimnisvoll sind, erwachsen aus dem mystischen Gefühl des Sicheinswissens mit der Natur. Man hat diesen Roman, der viele autobiographische Elemente enthält, einen Schneesturm von unbändiger Kraft genannt.

 

„Ich bin ein Fremdling, vergeben Sie mir.“ Das war es. Das ist es, was Knut Hamsuns Roman „Mysterien“, veröffentlicht 1892 und damit im Geburtsjahrzehnt der Psychoanalyse, noch heute zu einer atemberaubenden Lektüre macht. Denn Nagel, der Protagonist, ist ja nicht bloß einer der vielen Fremden der Literaturgeschichte. Nagel will ein Fremder bleiben. Er will ein „Ausländer des Daseins“ sein, ein Dissident, ein Terrorist der Kommunikation. Er ist angewidert vom Konsens-Brei, mit der sich die bürgerliche Gesellschaft zufrieden gibt, abgestoßen von ihrer ach so aufgeklärten Selbstgerechtigkeit:

„'Ein Liberaler! [...] Er konnte nicht begreifen, welcher Gewinn es für den Menschen war, dass man das Leben aller Symbole, aller Poesie beraubte. [...]. Nein, dauernd bekam er Recht, überall nur Läuse, Stinkkäse und Luthers Katechismus. [...] Ja, her mit einer einzigen handfesten Ausnahme, lass sehen, ob sich das machen lässt! Her mit zum Beispiel einem ausgereiften Verbrechen, einer hervorragenden Sünde! Aber nicht diese lächerliche und bürgerliche Abc-Verirrung [...] Nein, das ganze war kleinlich. [...] Hehe, da saßen sie und blähten sich voreinander auf. [...] Zwei und zwei ist vier, die Wahrheit hat gesiegt, die Ehre gebührt Gott! [...] In mir ist eine Stimme, die verlangt: Erhebe dich, erhebe dich gegen dieses Wie-geschmiert-Recht!‘“

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64. Lieblingsbuch:

 

"...am besten du gehst einfach. Geh. Geh zurück in deine Wohnung da mit dem Finnen und den Musikern gegenüber. zurück in den dritten Stock und zu dem indonesischen Restaurant, das ich jedenfalls nie mehr betreten werde. Hörst du...?"

 

 

Oivind Hanes: Amerikanische Landmaschinen. Eine Liebesgeschichte

Luchterhand, antiquarisch

 

 

"Als ich zum letzten Mal geflogen bin, hätte ich fast den Verstand verloren. Nichts bringt mich dazu, noch einmal in ein Flugzeug zu steigen!' Was bleibt einem Osloer Landwirtschaftsexperten, der zu einem Fachkongress nach Osnabrück will, angesichts seiner panischen Flugangst anderes übrig, als sich per Schiff und Bahn auf den Weg zu machen? Gar nichts. Und so sitzt er abends im Kopenhagener Bahnhof auf einer Bank und wartet auf den Zug nach Hamburg. Bis SIE vorbeikommt, wie der Zufall es will, und ihn fragt, ob vielleicht auf der Bank noch ein Platz ...Eigentlich nicht, aber der höfliche Landwirtschaftsexperte nickt mit dem Kopf und verflucht gleichzeitig seine verdammte Unfähigkeit, das zu tun, was er wirklich möchte. Die Frau übernimmt das Kommando, und die Ereignisse überschlagen sich.

Das deutsche Debüt des Norwegers Oivind Hanes ist die Geschichte einer verfehlten Liebe und eine kluge Meditation über das Böse. "Er" ist Landwirtschaftsexperte, ein Rationalisierungsfanatiker, dessen Blut nur dann in Wallung gerät, wenn jemand unnötig Energie beim Treppensteigen verschwendet. "Sie" ist eine Aussteigerin, noch jung, trotz Drogenkarriere und einer Scheidung vom Leben zwar gebeutelt, aber nicht gebrochen. Er hat Angst vor dem Fliegen, sie vor dem Alleinsein. Am Bahnhof von Kopenhagen lernen sich die beiden kennen

Keiner entkommt dem Gefängnis der eigenen Haut, so die nüchterne Botschaft dieser na ja, nennen wir sie mal Liebesgeschichte. Das ist nicht neu, aber wie neu erzählt. Oivind Hanes, im Hauptberuf professioneller Jazzmusiker, hat eine gelungene Variation über ein altes Thema geschrieben.

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel.

Wenn Ihnen das Buch gefallen hat und ich bin überzeugt, es wird Ihnen gefallen...:

Oivind Hanes: Permafrost. Roman
Kiepenheuer & Witsch, antiquarisch, wie wir alle...

Als Jonas` Mutter stirbt, findet er in ihren Unterlagen einen Brief, der ihn in tiefe Verwirrung stürzt: Sein Vater, von dem er nur wusste, dass er tot ist, floh in den siebziger Jahren aus einem russischen Arbeitslager und kam wahrscheinlich auf der Flucht ums Leben. Jonas macht sich auf den Weg in die Taiga, um dort nach Spuren seines Vaters und somit nach der Geschichte seiner Familie zu suchen. Irgendwo dort im Permafrost muss es ein Grab des Vaters geben. Russland verändert Jonas - er wird konfrontiert mit den Greueltaten der stalinistischen Gewaltherrschaft, trifft aber gleichzeitig auf eine faszinierend schöne Landschaft und warmherzige Bewohner, allen voran den Priester Adarin und die Lehrerin Oksana, bei der Jonas wohnt und für die er bald mehr als freundschaftliche Nähe empfindet.

Øivind Hånes (* 5. Januar 1960 in Drammen) ist ein norwegischer Musiker, Komponist, Produzent und Schriftsteller. Bisher veröffentlichte er fünf CDs, zwei Erzählbände, zwei Gedichtsammlungen und zehn Romane, von denen nur zwei auf deutsch erschienen sind. Seit 1998 lebt Hanes in Köln. 2005 war er mit dem Roman „Pirolene i Benidorm“ für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert.

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65. Lieblingsbuch: Ein ganzer Autor und alle seine Bücher als Lieblingsbuch - eigentlich ist das ein bißchen viel - aber nicht in diesem Fall... Schmeißt euern Fontane in die Tonne und lest Keyserling.

Eduard von Keyserling.

Feiertagskinder. Späte Romane. Schwabinger Ausgabe, Band 2

Manesse Verlag, Zürich 2019
ISBN 9783717524984
Gebunden, 720 Seiten, 28,00 EUR

 

"Glauben Sie, 'schön sein' sei bequem? Schönheit kompliziert das Schicksal, legt Verantwortungen auf, und vor allem: Es stört unsere Abgeschlossenheit. Denken Sie sich [...], Sie wären sehr schön. Mit jedem Menschen, der ihnen begegnet, bindet ihr Gesicht an, wirkt auf ihn, drängt sich ihm auf, spricht zu ihm, ob Sie wollen oder nicht. Schönheit ist eine ständige Indiskretion."

 

Längst ist Eduard von Keyserling in aller Munde – als bemerkenswerteste Wiederentdeckung der modernen deutschsprachigen Literatur. Keiner beschreibt das Farbenspiel der Natur sinnlicher, suggestiver, keiner geht jedoch auch raffinierter mit seinen Figuren ins Gericht. Die Renaissance des genialen Seelenzeichners und Stimmungskünstlers verdankt sich ganz entscheidend dem Engagement des Manesse Verlags, zuletzt mit «Landpartie», dem vielbeachteten Jubiläumsband 2018. Nach den gesammelten Erzählungen folgt nun der nächste Streich: die späten Romane in einer umfassend kommentierten Edition. Sie enthält die glänzenden Höhepunkte aus dem letzten Lebensjahrzehnt Keyserlings, neben «Wellen» (1911) noch «Abendliche Häuser» (1914), «Fürstinnen» (1917) und «Feiertagskinder» (1918/19).

 

„Die Männer neigen sowieso zu Unregelmäßigkeiten, wir Frauen müssen daher streng auf Ordnung halten.“ Will sagen: Sie garantieren den Zusammenhalt der Gesellschaft.

 

z.B. WELLEN: Keyserling erzählt die Geschichte einer verheirateten Adeligen, die mit einem Maler durchgebrannt ist und jetzt unter den Augen einer gehässigen Dienerin und der naserümpfenden feinen Gesellschaft mit diesem in einer Fischerhütte an der Ostsee lebt. Der Alltag der beiden scheint sich recht prosaisch zu gestalten. Maar ist hin und weg von der Einfühlungs- und Beschreibungskunst Keyserlings, der ihm hier eine ganze Welt eröffnet: von der guten Gesellschaft bis zu den einfachen Fischern. Ein großer Wurf, wie alles andere auch.

 

»So unglücklich die Figuren, die dieser Autor erfindet, ..., auch sein mögen – so glücklich macht die Lektüre dieser Romane die Leser. ... Es gibt nichts, was Eduard von Keyserling nicht beherrscht. ... Die Romane scheinen gradlinig erzählt, sind aber tatsächlich durchkomponiert und bereiten Ereignisse und Umschwünge anhand von exakt gesetzten Leitmotiven vor. Jedes Detail sitzt, jeder Dialog ist mit Bedeutung aufgeladen, jede Beschreibung ist motiviert.« Deutschlandfunk

 

»Keyserling versteht einen Sommerabend so zu beschreiben, dass man während seines Glühens und Verdämmerns das Gefühl des ganzen Lebens hat.« – Was Hermann Hesse über Keyserlings Prosa schreibt, gilt für alle hier versammelten Texte in besonderem Maße, die wahre Meisterwerke atmosphärischer Naturbeschreibungen sind. Zugleich aber sind diese Texte – und das macht sie so beunruhigend modern – auch Meisterwerke einer sprachkritischen Ironie, die sich gegen unsere hohlen Sommerklischees richtet.

Eduard Graf von Keyserling, geboren 1855 auf Schloss Paddern bei Hasenpoth (Aizpute) in Kurland, wuchs als zehntes von zwölf Geschwistern in der patriarchalischen Adelsgesellschaft der elterlichen Güter auf. Das 1874 begonnene Studium (Jura, Philosophie und Kunstgeschichte) in Dorpat musste er 1877 wegen einer Inkorrektheit abbrechen und war damit in seiner Gesellschaft geächtet. Er setzte sein Studium in Wien fort, wo er den Schriftsteller Ludwig Anzengruber kennenlernte und seinen ersten Roman schrieb. Nach dem Studium verwaltete er die mütterlichen Güter Paddern und Telsen. Nach dem Tod der Mutter 1894 zog er mit zwei Schwestern nach München, wo er in der Schwabinger Boheme verkehrte und sich zum impressionistischen Erzähler entwickelte. Durch eine Syphilisinfektion erkrankte er 1897 an einem Rückenmarksleiden und erblindete mit 45 Jahren. Keyserling starb 1918 in München.

"Er trat auf die Veranda hinaus und blickte über die Kieswege und Blumenbeete hin. Die heiße Luft zitterte und flimmerte. Der Buchsbaum glänzte wie grünes Leder. Hinter dem Garten dehnte sich Wiesenland aus, dann niedrige Hügel, an denen die Äcker wie regelmäßige Seidenstreifen niederhingen. Unten, von der Buchsbaumhecke sah Günther seine Frau auf das Haus zulaufen. Die eine Hand hielt die Schleppe des weißen Kleides, die andere einen bunten Strauß Erbsenblüten. Ein wenig atemlos blieb Beate vor Günther stehen und lächelte. Die Gestalt schwankte leicht, wie zu biegsam." In: Beate und Mareile, 1. Kapitel

Lest auch KLAUS MODICK. KEYSERLINGS GEHEIMNIS. Es ist ein großer Genuss, von Modick mit anspielungsreicher Erzählkunst in die Welt dieses Grafen Keyserling entführt zu werden. Mit zarter Melancholie geht es von München und vom Starnberger See aus in weiten Erinnerungsbögen zurück in Keyserlings Vergangenheit, seine Zeit in Wien, seine daran anschließenden Jahre daheim auf Schloss Tels-Paddern, schließlich seine Studienzeit in Dorpat.

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