DAS BESONDERE BUCH

Das besondere Buch in der 15. Kalenderwoche:

Henry James. Daisy Miller
Datum der Erstveröffentlichung: Juli 1878
Insel Taschenbuch 2714, 8,00 €

»Sie sind grauenvoll gewöhnlich. Die gehören zu der Sorte Amerikaner, die man einfach ignorieren muss.« Die junge Amerikanerin Daisy Miller befindet sich mit Mutter und Bruder auf Europareise. Als sie auf dem Weg nach Italien am Genfer See einen Zwischenhalt einlegt, verdreht sie ihrem Landsmann Frederick Winterbourne mit ihrem naiven Charme den Kopf. Doch er ist der leidenschaftlichen und abenteuerlustigen Daisy zu steif, zu reserviert, zu»europäisch«. Ganz anders der lebensfrohe, attraktive Signore Giovanelli in Rom. Mit ihrer offen zur Schau gestellten Liaison brüskieren die beiden die römische Gesellschaft.

„Wer am Rande der Tanzfläche steht“, schrieb Fernando Pessoa, „tanzt mit allen.“ Pessoa könnte bei diesem Satz an Henry James gedacht haben: Er ist der genaue, sezierende, am Rand stehende Beobachter. In einem Brief aus dem Jahr 1879 formulierte James sein Ideal: „Man kann Figuren über Figuren erschaffen, ohne Verallgemeinerungen zu beabsichtigen – Verallgemeinerungen, vor denen ich einen Horror habe. […] – ich bin übersubtil und analytisch –, und mit Gottes Segen werde ich leben, um alle Arten von Darstellungen von allen Arten von Gegenständen zu machen.“

Henry James, geboren am 15. April 1843 in New York City, war der Sohn eines Intellektuellen irischer Abstammung und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. In Amerika und Europa zum Weltbürger erzogen, schrieb er seit 1863 Kritiken und Kurzgeschichten für verschiedene Zeitschriften. Bereits 1871 erschien ›Watch and Ward‹ als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift ›The Atlantic Monthly‹. Jedoch erst den 1875 erschienenen Roman ›Roderick Hudson‹ ließ er als sein Romandebüt gelten. Zahlreiche weitere Werke folgten, darunter ›Daisy Miller‹ (1878), ›Washington Square‹ (1880), ›The Portrait of a Lady‹ (1881) und ›The Turn of the Screw‹ (1898). Henry James lebte ab 1869 überwiegend in Europa. 1877 ließ er sich in London nieder und wurde 1915 britischer Staatsbürger. Mehrfach war er Kandidat für den Literaturnobelpreis, zuletzt im Jahr seines Todes. Er starb am 28. Februar 1916 in seinem Haus im Londoner Stadtteil Chelsea. Bis heute gilt er als Meister des psychologischen Romans.

»›Daisy Miller‹ ist und bleibt ein Rätsel, und gerade darum ist diese Novelle so überaus lesenswert.«

 
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DAS BESONDERE BUCH IN DER 14. KALENDERWOCHE 2021
 
Peter Matthiessen, Judith Schalansky (Hg.)
Der Schneeleopard
Reihe: Naturkunden Bd. 72
330 Seiten, Gebunden
Illustration: Pauline Altmann
Nachwort: Bernhard Malkmus
Originaltitel: The Snow Leopard
Übersetzung: Stephan Schuhmacher, Maria Csollány
Erschienen: Ende März 2021
ISBN: 978-3-95757-950-8
Preis: 38,00 €
 
Im Visier der schönsten Raubkatze der Welt: eine Reise an den Rand des Himmels und an die Grenzen unserer Wahrnehmung
Im Herbst 1973 bricht Peter Matthiessen mit dem Biologen George Schaller in die höchsten ganzjährig bewohnten Bergtäler der Erde auf: ins nepalesische Dolpo. Hier trotzen Menschen und Tiere extremen Bedingungen ein Leben voller Schärfe und Kontur ab. Und seit Jahrhunderten blüht hier eine Tradition des tibetischen Buddhismus. Schaller will das Brunftverhalten hochalpiner Blauschafe dokumentieren, Matthiessen die Trauer über den Krebstod seiner Frau verarbeiten. Beide verbindet die Faszination für den geheimnisvollsten Bewohner des Dolpos: den Schneeleoparden.
In diesem Meisterwerk, für das Matthiessen gleich zweimal – 1979 und 1980 in unterschiedlichen Kategorien – den National Book Award erhielt, verbinden sich naturkundliche Klarheit, spirituelle Wachsamkeit und die lyrische Kunst der Sprachverknappung zu einem lebensverändernden Leseerlebnis. Noch nie war dieses literarische Zeugnis für den unermesslichen Reichtum, der geistige wie materielle Entsagung bedeuten kann, dringlicher und zeitgemäßer als heute.
Sein Reisebericht The Snow Leopard machte Peter Matthiessen (1927–2014) weltberühmt. Doch von seinem äußerst vielfältigen Leben als Pionier des Umweltschutzes, Zen-Mönch, Naturdichter und Geheimagent wissen wir in Europa nur wenig.
Peter Matthiessen ist in erster Linie als Schriftsteller bekannt, als homme de lettres. Sein Vater Erard, wohlsituierter Architekt in Manhattan, entstammt einer Seefahrer-Familie aus Friesland und ist Mitbegründer der Naturschutz-Vereinigung Audubon Society. Sein Vorfahre, der Walfänger Matthias der Glückliche findet sogar in Melvilles Moby Dick Erwähnung.

 

 
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Das BESONDERE Buch in der 13. KALENDERWOCHE 2021

"NIEMAND IST EINE INSEL"
Robert Frost

Versunken in einen großen Atlas sitzt ein Junge in einer schottischen Stadtbücherei. Mit dem Finger spürt er den Umrissen weit entfernter Inseln nach und träumt davon, entlang solcher Küsten zu wandern.
So in etwa fängt es an, das Buch, von dem zu erzählen ist...

Gavin Francis: „Inseln. Die Kartierung einer Sehnsucht“
Aus dem Englischen von Sofia Blind
DuMont Verlag, Köln 2021
256 Seiten, 28 Euro, 80 farbige Abbildungen, Originalverlag: Canongate, London 2020, Originaltitel: Island Dreams. Mapping an Obsession

Inseln üben seit jeher eine besondere Faszination und Anziehung auf uns aus. Sie können Orte der Ruhe und Entspannung sein. Heilige oder heilende Orte. Isolation im besten oder schlechtesten Sinne. Wir verbinden sie mit berühmten Entdeckern wie Charles Darwin oder Christoph Kolumbus und durch Romane wie ›Robinson Crusoe‹ oder ›Die Schatzinsel‹ mit Abenteuern und Gefahren, Sehnsucht und Einsamkeit.
All diesen und weiteren Facetten des Insellebens geht Gavin Francis nach. Dabei wirft er philosophische und psychologische Fragen auf und greift sowohl auf die großen Reiseerzählungen der Literatur als auch auf seine eigenen Erfahrungen als Inselbewohner und -reisender zurück. Er führt uns nach Treasure Island und zu den fernen Galapagosinseln, erzählt von seiner Zeit als Leuchtturmwärter auf der kleinen schottischen Isle of May – und von dem Spagat, sein Verlangen nach Selbstbestimmtheit mit dem Leben als Arzt und Familienvater zu vereinen.
›Inseln. Die Kartierung einer Sehnsucht‹ spielt mit den Gegenpolen von Ruhe und Bewegung, Unabhängigkeit und Verbundenheit, die nie relevanter waren als in unserer heutigen, permanent vernetzten Welt.

Gavin Francis, geboren 1975 in der schottischen Grafschaft Fife, ist Autor und praktischer Arzt. Nach seiner Approbation erkundete er auf ausgedehnten Reisen alle Kontinente. Er hat vier Sachbücher verfasst, darunter den Sunday-Times-Bestseller ›Adventures in Human Being‹ und ›Empire Antarctica‹, das 2013 auf Deutsch erschienen ist.

"Am Ufer erhoben sich nistende Seeschwalben in einer Wolke aus der Klosterruine, und Kormorane warfen sich vor den Wellen in die Brust wie Boxer beim Betreten des Rings.“

 
 
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DAS BESONDERE BUCH IN DER 12. Kalenderwoche 2021
 
JOHANNES KÜHN. Und hab im Gras mein Leben gemessen
Hanser- Verlag 2014, 978-3446244757, 152 S. 14,90 €
 
Mit einfachen Mitteln, geschult an der Hymnik der deutschen Romantik und Klassik, erschafft der deutsche Dichter JOHANNES KÜHN höchst anmutige, formvollendete Gebilde, deren Antlitz stets eine leise Gewitztheit offenbart. Die Verse in seinem neuen Gedichtband handeln von der Natur und den Tieren, vom Alter und von den alltäglichen Dingen „Wanderschuhe habe ich gekauft, nun ist die Gegend mein“. Gerade Johannes Kühn, der abseits jeder Mode seinem Weg gefolgt ist, zeigt, dass Lyrik auch heute nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren hat.
„Morsch ist der Tag in den Gelenken und klappert, / ich auch hinke / und möchte mich halten / am Mondhorn, / das östlich aufragt.“ Die Gebrechen des Alters reduzieren nicht die Freude am Wahrnehmen, am wandernden Durchdringen der Landschaft. Mit ihr und mit der Natur steht der Dichter gleichsam in einem Liebesverhältnis. „Wie viele Lippenstifte hat die Morgenröte wohl verwendet“, fragt Kühn, und dieser „Kuß ins Land“ ist eine erotisch aufgeladene Schönheit, die dazu einlädt, sie mit allen Sinnen zu erkunden und sich an ihr zu erfreuen. Bei aller Geneigtheit für die Menschen spürt er jedoch immer wieder, daß er, als Dichter, oder man sollte sagen: als dichterisch Empfindender, eine Außenseiterstellung einnimmt, selbst dann, wenn er still im Landgasthaus beobachtet. Es geht in den Gedichten darum oft die Rede von der Einsamkeit, vom Alleinsein, das als beglückender Zustand angenommen wird, abgeschieden von der Geschäftigkeit der Welt, ihr abhanden gekommen, aber auf verträumte Weise, dicht an den verschwiegenen Plätzen. „Diese grüne Senke, / mein Versteck, / darin still mit meinem Buch zu liegen / unterm Wolkenzug“, ist ein höchstes Ziel, „ich lieg wie der Taugenichts / im duftenden Gras“, hingegeben an die Gegenwart, nicht mehr der modernen Nützlichkeit entsprechend.
Kühn wurde am 3.2.1934 als erstes von neun Kindern einer saarländischen Bergmannsfamilie in Tholey - Bergweiler geboren. Er lebt seit seinem zweiten Lebensjahr in Tholey - Hasborn, seit 2002 Ehrenbürger von Tholey. Er ist den Menschen, wie der Landschaft um den Schaumberg, eng verbunden. Für ihn ist nichts vergangen, seine Lebensgeschichte ist von früh an mit der Dorfgeschichte verflochten.
Nie verließ ich gerne den Hügelring
und dich,
wie in einer Wiege
liegst du an den Wäldern,
zwar tobt Wetter oft,
die Gewitter bringend
zwar lehrt der kleine Bach
Bescheidenheit,
doch sind die Tage,
die sich in Frieden gürten,
heilsam.
 
 
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11. Kalenderwoche: Das besondere Buch
 
Schwärmer und Schnaken von
Harry Martinson
OT: Svärmare och harkrank (1937, 1938, 1939)
Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke
Nachwort von Fredrik Sjöberg
219 Seiten, € 22
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-29-2
 
Harry Martinson (1904–1978), wuchs in Jämshög in Blekinge auf und verlor seinen Vater im Alter von sechs Jahren. Während die Mutter nach Kalifornien auswanderte, wurden Martinson und seine Geschwister als »Verdingkinder« von Jahr zu Jahr reihum auf Bauernhöfe gegeben. 16-jährig heuerte Martinson als Matrose an, 1927 kehrte er lungenkrank nach Schweden zurück. Sein erster Gedichtband »Das Geisterschiff« erschien 1929. Im selben Jahr heiratete er Helga Maria Swartz, die 1933 als Moa Martinson ihr literarisches Debüt gab. Martinson hatte mit Gedichten, Romanen und Reisebeschreibungen vor allem Erfolg bei der jüngeren Generation. Er ließ sich bei Stockholm nieder, doch der Nomadentrieb blieb ihm erhalten – immer wieder ging er auf Wanderschaft. In den späten 1930er Jahren verfasste er drei eigensinnige Bände mit Texten über die Natur. 1974 erhielt er, gemeinsam mit Eyvind Johnson, als Mitglied der Schwedischen Akademie den Nobelpreis für Literatur.
»Es gibt Leute, die lieben die Natur nur mit Pflückfingern, Botanisiertrommel und Punktesammelhirn. Sie können den einzigen Frauenschuh stibitzen, den es im Umkreis von vielen Meilen gibt. Auf das Bettlaken solcher Menschen möchte man sieben trockene Disteln und hundert Tausendfüßler legen, und wenn sie aufsprängen und aufschrien, würde man sagen: Tja, auch das ist Natur.«
Harry Martinson (1904–1978) schrieb, als Europa – auch Schweden – Ende der 1930er Jahre unmittelbar vor dem verheerenden Weltkrieg stand, mehrere Bände mit Reflexionen, Beschreibungen und Bildern der Natur. Ob Mohnkapseln, Baum-Weißlinge, Wasservögel, der Geruch der Erde oder der Winterfrost in den Fichtenwäldern – noch dem kleinsten Detail wird eine persönlich gefärbte Erkenntnis abgetrotzt. Doch er belässt es nicht bei der Beschwörung der schönen Natur: Im erfassenden Erschreiben begibt sich Martinson auf die Spur des Verhältnisses des Menschen zu seiner Umwelt; zu den Tieren, den Pflanzen und der Landschaft – aber auch zum Blick auf die Natur, zu ihrem Gebrauch und nicht zuletzt zu ihrem bewahrenden Schutz.
Die Natur in »Schwärmer und Schnaken« ist keineswegs nur Idylle, sie ist Spiegel sowohl für Martinsons Innenwelt als auch für das, was um ihn herum vor sich geht. Politisch, biologisch, gesellschaftlich: Mensch und Natur stehen in einer Beziehung zueinander. Unser Blick formt die Natur und bildet sie erst, die Natur wiederum schult unser Auge und zwingt es zur Genauigkeit. Klaus-Jürgen Liedtke hat eine Auswahl aus den Naturtexten zusammengestellt und in eine Sprache übertragen, die Harry Martinsons komplexe Betrachtungen und wortmächtige Ausmalungen auch im Deutschen zu einem reichen Lektüreerlebnis werden lässt. Die dichten Beschreibungen sind Glanzlichter der Sprachkunst, mit einer präzisen Formulierung das Wesen einer Erscheinung zu erfassen. »Hört mir zu, ich wispere aus dem Bach«, steht an einer Stelle. Martinson folgt dieser Aufforderung, er entziffert die Natur und lauscht ihr ihre Geheimnisse ab.

 

 
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DAS BESONDERE BUCH in der 10. Kalenderwoche
Gabriel Josipovici
Wohin gehst du, mein Leben?
Roman
Cover: Wohin gehst du, mein Leben?
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2020
ISBN 9783990272442
Gebunden, 112 Seiten, 18,00 EUR
Aus dem Englischen von Jochen Jung. Nach dem Tod seiner Frau - seiner ersten Frau - ist er von London nach Paris gezogen, später mit seiner Frau - seiner zweiten - von Paris nach Wales. Egal wo, er lebt zurückgezogen, als Übersetzer aus dem Französischen, als Liebhaber von Musik und Literatur, ein Kenner mit Meinungen und ein Mann von ausgeprägten Gewohnheiten und Routinen. Was er ist, ist er scheinbar immer schon gewesen, was er tut, tut er länger, als er sich erinnern kann, und wie er es nie anders getan hat. Aber warum? Vielleicht nur, weil es etwas in seinem Leben - seinem Vorleben - gibt, an das er sich nicht erinnern will? Etwas, vor dem einen keine Kunst auf Dauer ein Versteck bietet. Oder besser: Schon gar nicht die Kunst! Gabriel Josipovici erzählt auf überraschend unterhaltsame Weise vom Leben und Lassen eines klugen Mannes an der Seite seiner Frau.
Rezensent Ulrich Rüdenauer (Süddeutsche Zeitung) entdeckt in Gabriel Josipovicis Roman das Andere, Schatten, Traumwelten, Ungelebtes, Unwahrscheinliches. Für ihn genau das, was Literatur vermag: das Leben zu vervielfachen und zu fantasieren. Die achronologisch erzählte Geschichte des namenlosen Erzählers, der über sein Leben nachsinnt, über vergangene Beziehungen, dabei Schauplätze und Zeiten durchstreifend, wirkt auf Rüdenauer soghaft, ohne dass ein Ziel sichtbar würde, ohne dass er sagen könnte, was wahr ist, was erdacht von dem Erzählten. Die präzisen Sätze und die genaue Komposition halten ihn in der Spur.
Gabriel David Josipovici ist ein britischer Schriftsteller, Erzählung Schriftsteller, Kritiker, Literaturwissenschaftler und Dramatiker. Er ist emeritierter Professor, nachdem er Professor an der University of Sussex war .
Er wurde 1940 in Nizza , Frankreich, als Sohn russisch-italienischer, römisch-levantinischer jüdischer Eltern geboren. Er lebte die Kriegsjahre in einem Dorf in den französischen Alpen mit seiner Mutter Sacha Rabinovitz. Von 1950 bis 1956 studierte er sechs Jahre in Ägypten am Victoria College in Kairo , bevor er mit seiner Mutter nach England auswanderte und seine Highschool-Ausbildung am Cheltenham College in Gloucestershire abschloss. Gabriel Josipovici lehrte von 1963 bis 1998 an der University of Sussex in Brighton , wo er Forschungsprofessor an der Graduate School of Humanities ist. Zuvor war er Weidenfeld-Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Oxford. Josipovici hat über ein Dutzend Romane, unter ihnen das wunderbare Buch UNENDLICHKEIT, die Geschichte rund und um den italienischen Komponisten giacinto Scelsi, drei Bände mit Kurzgeschichten und eine Reihe kritischer Bücher veröffentlicht. Carcanet Press hat seine Arbeit seit seinem Roman Contre Jour im Jahr 1986 veröffentlicht. Seine Stücke wurden in ganz Großbritannien und im Radio in Frankreich und Deutschland aufgeführt, und seine Arbeit wurde in die wichtigsten europäischen Sprachen und ins Arabische übersetzt. 2001 veröffentlichte er A Life , eine biografische Abhandlung seiner Mutter, der Übersetzerin und Dichterin Sacha Rabinovitch.
Josipovici hat bereits in Jetzt und in Unendlichkeit die Geschichte eines Augenblicks erzählt. In Wohin gehst du, mein Leben? variiert er Motive seines aus mittlerweile 18 Romanen und drei Kurzgeschichtenbänden, aus Hörspielen und Theaterstücken bestehenden literarischen Werks und verdichtet die kontrapunktisch über drei Zeit- und Handlungsebenen laufende Erzählung zum Kontinuum einer fließenden, sich über ein ganzes Leben ausdehnenden Gegenwart.
Foto: Endstation Wales: Nachdem der Erzähler in London und Paris gelebt hat, zieht er sich schließlich nach Wales zurück. Es könnte aber auch alles nur ein Trugbild gewesen sein, ein ungelebtes Leben.

 

 
 
 
 
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DAS BESONDERE BUCH
9. Kalenderwoche
"Sie muss sechzig gewesen sein,war aber immer noch eine strahlende Schönheit: butterblumengoldenes Haar, längliche Augen, sanft wie purpurne Stiefmütterchen, und volle,
geschwungene Lippen, die niemals ganz zu lächeln aufhörten. Diese Gesichtszüge versteckten sich oft hinter der breiten Krempe eines schräg aufgesetzten Florentinerhuts, der die eine Seite ihres Gesichts verbarg und um den ein Bewunderer herumspähen musste, wenn er einen uneingeschränkten Anblick genießen wollte.. . "
 
Francis Wyndham
Der andere Garten
Ein Platz zum Sonnen
Roman
Aus dem Englischen von Andrea Ott
Originaltitel: The Other Garden
192 Seiten. Gebunden mit Leseband
€ [D] 19.00 / Doerlemann Verlag
ISBN 9783908777571
 
England, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Ich-Erzähler, ein Junge in der Pubertät, lebt in abgeschiedener ländlicher Idylle. Eines Tages lernt er die doppelt so alte Kay kennen, Tochter der Familie Demarest. Kay ist schüchtern und still, extravagant und erotisch. Die beiden werden Freunde. Im anderen Garten – ein formaler Garten, den der Vater des Jungen mit großer Hingabe stutzt und hegt – findet die ruhelose Kay für kurze Zeit einen Platz zum Sonnen. Sie kann sich ihren Tagträumen hingeben und sie selbst sein, was ihr in ihrer Familie und im Leben verwehrt bleibt.
 
»Ich bestehe darauf, dass ihr dieses Buch so bald wie möglich lest. Ich bin zufällig darauf gestoßen –, und es hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich sofort, als ich fertig war, an Hatchards geschrieben und zwei Dutzend bestellt habe. Ich habe mir vorgenommen, es jedem zu schenken, dem ich begegne.«

 

 
 
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DAS BESONDERE BUCH
8. Kalenderwoche 2021
 
Eva von Redecker: „Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen“
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020
216 Seiten, 23 €
 
'Sorgt doch, daß ihr die Welt verlassend
Nicht nur gut wart, sondern verlaßt
Eine gute Welt!'
Bertolt Brecht, Die heilige Johanna der Schlachthöfe
 
In Zeiten der Krise entzündet sich politisches Engagement. Protestbewegungen wie Black Lives Matter, Fridays for Future und NiUnaMenos kämpfen derzeit weltweit gegen Rassismus, Klimakatastrophe und Gewalt gegen Frauen.
So unterschiedlich sie scheinen mögen, verfolgen diese Widerstandskräfte doch ein gemeinsames Ziel: die Rettung von Leben. Im Kern richtet sich ihr Kampf gegen den Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen zerstört, indem er im Namen von Profit und Eigentum lebendige Natur in toten Stoff verwandelt: Der Kapitalismus verwertet uns und unseren Planeten rücksichtslos. In autoritären Tendenzen und rassistischen Ausschreitungen, in massiven Klimaveränderungen und einer globalen Pandemie zeigt er seine verheerendsten Seiten.
In den neuen Protestformen erkennt Eva von Redecker, die als Philosophin zu Fragen der Kritischen Theorie forscht und auf einem Biohof aufgewachsen ist, die Anfänge einer Revolution für das Leben, die die zerstörerische kapitalistische Ordnung stürzen könnte und unseren grundlegenden Tätigkeiten eine neue solidarische Form verspricht: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt ausbeuten, teilhaben statt verwerten.
Die erste philosophische Analyse des neuen Aktivismus.
»Eine der aufregendsten Nachwuchsphilosophinnen des Landes.« Philosophie Magazin
Ihr Buch ist ein wichtiger Entwurf – mit dem sich hoffentlich viele, nicht nur die sozialen Bewegungen, auseinandersetzen werden.

 

 

 

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DAS BESONDERE BUCH

7. Kalenderwoche 2021

Maurice Blanchot: Warten. Vergessen

Bibliothek Suhrkamp 139, 10.00 €

Das Zimmer ist leer, das ist seine Haupteigenschaft“, heißt es zum Auftakt des Buchs, und alle Worte „decken nur Leere zu“.

Wartete man auf etwas Bestimmtes, so wartete man schon etwas weniger.'Vielleicht könnte man Warten Vergessen einen Bericht nennen - aber höchstens einen Bericht von etwas, das sich nicht berichten läßt. Er handelt von Paradoxien, von dem Erinnern, das zugleich Vergessen wäre, von der Anwesenheit, die zugleich Abwesenheit ist, von der Vereinigung, die Entzweiung zu werden droht. Dieses extreme Buch, in dem der Handlung kaum noch Platz gelassen wird, versucht, das Stillstehen der Zeit fühlbar, spürbar, nachempfindbar zu machen.

Er ging vorwärts, ihr einen Weg zu sich bahnend, und sie, an ihn gepreßt von einer Kraft, die sie beide verschmolz, ging in seinem Schritt mit demselben Schritt, nur hastig, nur ewig.“ (59)

Der Raum der Liebe und der Raum menschlicher Beziehung überhaupt wird vorstellbar als einer, den wir beständig bevölkern und beheizen. Auf diesem Grund wendet Blanchot Novalis‘ berühmte Zeile, „Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause“, auf die ungewisse Ankunft, die im Warten liegt.

Maurice Blanchot, der 2003 im Alter von 95 Jahren verstarb, ist einer der herausragenden französischen Schriftsteller und Denker der letzten 50 Jahre. Am engsten befreundet mit Georges Bataille und Emmanuel Levinas, hat er maßgeblichen Einfluß ausgeübt auf Autoren wie Foucault, Deleuze, Derrida, Nancy, aber auch auf Dichter und bildende Künstler.

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6. KW 2021

TOVE DITLEVSEN . Kopenhagener Trilogie. Bd1 KINDHEIT

Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern."

Tove Ditlevsen (1917–1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Sie stammte aus der Arbeiterklasse und schrieb offen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die „Kopenhagen-Trilogie“ mit den drei Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schafft, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Die „Kopenhagen-Trilogie“ wird derzeit in sechzehn Sprachen übersetzt.

"Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter, das ich nie zu berühren wagte, und sie lag mir auf der Zunge wie der Zucker im lauwarmen Haferbrei, den ich langsam verspeiste, während ich ihre schmalen, gefalteten Hände betrachtete, die reglos auf den Zeitungsberichten über die Spanische Grippe und den Versailler Vertrag ruhten. Mein Vater ging arbeiten, mein Bruder in die Schule. Also war meine Mutter allein, obwohl auch ich da war, und wenn ich mich nicht rührte und nichts sagte, konnte die ferne Ruhe in ihrem seltsamen Herzen andauern, bis der Vormittag alt wurde und sie auf die Istedgade zum Einkaufen gehen musste wie die gewöhnlichen Hausfrauen. "

In „Kindheit“ erzählt Tove Ditlevsen vom Aufwachsen im Kopenhagen der 1920er Jahre in einfachen Verhältnissen. Tove passt dort nicht hinein, ihre Kindheit scheint wie für ein anderes Mädchen gemacht. Die Mutter ist unnahbar, der Vater verliert seine Arbeit als Heizer. Sonntags muss Tove für die Familie Gebäck holen gehen, so viel, wie in ihre Tasche hineinpasst, und das ist alles, was es zu essen gibt. Zusammen mit ihrer Freundin, der wilden, rothaarigen Ruth, entdeckt Tove die Stadt. Sie zeigt ihr, wo die Prostituierten stehen, und geht mit ihr stehlen. Aber eigentlich interessiert sich Tove für die Welt der Bücher und hat den brennenden Wunsch, Schriftstellerin zu werden – und dafür ist sie bereit, das Leben, wie es für sie vorgezeichnet scheint, hinter sich zu lassen.

Das Wohnzimmer ist an vielen tausend Abenden eine Insel aus Licht und Wärme, und wir befinden uns immer darin wie die Pappfiguren hinter den Säulen des Puppentheaters, das mein Vater nach einem Modell im Familie Journalen gebastelt hat... "

Tove Ditlevsen: Kindheit

Teil 1 der „Kopenhagen-Trilogie“

aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Aufbau Verlag, Berlin., 18.- €

 

 

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Das besondere Buch
5. KW 2021

Der von ihm eingereichte Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen ist keine akademische Bewerbungsschrift über Philosophie, sondern selbst ein philosophisches Werk über ein existenzielles Problem und aus einem Guss. Hier betrat nicht nur ein Philosophieprofessor, sondern ein Philosoph die Bühne. Prompt wurde, wie eine Generation früher bei Ernst Bloch und Walter Benjamin, die Schrift abgelehnt.“/ Das Argument

Klaus Heinrich: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen

2021, 222 Seiten, ISBN: 978-3-86259-161-9

25,00 € Ca ira Verlag Freiburg Wien 2020 (Erstausgabe erschien 1964)

Neinsagen ist die Formel des Protests. In einer Welt, die zu Protesten Anlass bietet, scheint es nicht überflüssig zu sein, diese Formel zu untersuchen. Aber die Untersuchung stößt auf Schwierigkeiten. Nichts ist inhaltsleerer, allgemeiner als das Nein. Es kann sich gegen alles richten uns sich mit allem verbünden. Nichts ist unselbständiger als das Nein. Es setzt eine Frage voraus, ist selbst nur die abschlägige Antwort („nein“) auf eine Frage. Nichts ist überflüssiger als das Nein. Nein ist nicht nur eine Formel des Protests, sondern auch die Formel des Defaitismus. Wer auf dieser Formel beharrt, lehnt alles ab. Er lehnt nicht nur die einzelnen Ordnungen, sondern die Ordnung ab. Nein ist die Formel der Anarchie. ...“

Protestieren begreift Heinrich als Widerspruch gegen Prozesse der Selbstzerstörung. Dabei hat er jene sublimen Zerstörungen im Blick, die der psychoanalytisch Geschulte in den Verknotungen indidvidueller Lebensgeschichten ebenso entdeckt wie in den Schwankungen kollektiver Bewußtseinszustände.

Die protestierende Rede, deren Schwierigkeiten Heinrich untersucht, wendet sich gegen untergründige Selbstzerstörungsprozesse einer Gesellschaft, die auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand ihren Mitgliedern die Möglichkeit gewähren muß, inmitten der Gefahren der Verdinglichung auf der einen und der Gestaltlosigkeit auf der anderen Seite ihre zerbrechliche Identität auszubilden.

Klaus Heinrich, geboren 1927 in Berlin wurde er im Alter von 15 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen. 1943 überlebte er ein Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung und Defätismus. Ab dem Wintersemester 1945/46 studierte er an der unter sowjetischer Militäradministration stehenden Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden (ab 1948 Humboldt-Universität) Jura und Philosophie, Psychologie und Theologie, Kunst- und Literaturgeschichte. Dort wurde er nach einem improvisierten Vortrag zur Verteidigung Sartres gegen stalinistische Kritik denunziert, was ihn dazu veranlasste, 1948 im Westteil der Stadt als Student an der Gründung der Freien Universität mitzuwirken. Auf die Promotion in Philosophie 1952 folgte auf verschlungenen und hindernisreichen Wegen erst im Jahre 1964 die Habilitation mit dem Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen. 1968 wurde Klaus Heinrich Direktor des Religionswissenschaftlichen Instituts, 1971 ordentlicher Professor für Religionswissenschaften auf religionsphilosophischer Grundlage. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1995 wurde er 1998 Ehrenmitglied der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Im Jahre 2002 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein." - Kurt Tucholsky in: „Die Weltbühne"

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DAS BESONDERE BUCH

4. KW 2021

Clarice Lispector: Aber es wird regnen

Penguin Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (5. Oktober 2020)

Gebundene Ausgabe : 288 Seiten

978-3328600954

Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen („Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“ begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser.

Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.

Maike Albath empfiehlt die Erzählungen von Clarice Lispector. Die zum Teil erstmals auf Deutsch erschienenen Texte zeigen für sie die ganze literarische Größe der Autorin, die als „Inbegriff der brasilianischen Moderne" gilt: Den Sog, die Verblüffung des Einstiegs, die merkwürdigen, komischen Situationen, in denen sich die Figuren finden, das raffinierte Spiel mit Pointen und Analogie, die „gnadenlosen" Charakterisierungen vor allem der weiblichen Psyche“. Wer wissen will, wie sich ein Mädchen fühlt, das sich in ein Huhn hineinversetzt, lese Lispector, rät Albath.

Clarice Lispector, geboren 1920 als Tochter jüdischer Eltern in der Ukraine, wuchs im brasilianischen Recife, im armen Nordosten des Landes auf. 1944 veröffentlichte sie -19jährig - ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen" und löste eine kleine Sensation aus, da sie sich in ihrem Schreiben von der vorherrschenden literarischen Tendenz des "“egionalismo" abwandte, der es sich zum Ziel gemacht hatte, die soziale Realität des Landes so genau als möglich festzuhalten. Clarice Lispector eröffnete, geprägt sowohl vom Existenzialismus als auch von Virginia Woolf, eine in Brasilien vollkommen neue literarische Strömung - von der Kritik hoch gelobt -, die radikal subjektiv auf die Erforschung innerer Wirklichkeit abzielt. Lispector war als Autorin, Übersetzerin und Schriftstellerin tätig. Sie starb 1977 in Rio de Janeiro.

Am besten ist es (ich rede in Ihrem eigenen Interesse), wenn Sie beide Erzählungsbände lesen. Sie werden nicht genug davon bekommen…

 

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3. KW 2021

Als elegant konstruiert, provokant , überbordend und kühl zugleich, also Weltliteratur auf der Höhe ihrer Möglichkeiten feiert Rezensentin Julika Griem diesen vielschichtigen Roman. Zunächst fröstelt sie spürbar in den „eisigen Höhen" von John Banvilles Perfektion. Doch immer stärker verführt sie diese Geschichte eines Mannes, der am Meer um seine verstorbene Frau trauert und gleichzeitig in der Erinnerung seiner ersten Liebe nachspürt, zu genauem Lesen. Ein Roman, in dem Klang und Rhythmus des Meeres das Dasein der Figuren bestimmen.

Der Ire John Banville ist im besten Sinne ein Übriggebliebener. Mit seinen fast altertümlichen poetischen Preziosen, seiner Detailversessenheit, seiner sinnlichen, schon überquellenden Vorstellungskraft, seiner handwerklichen Perfektion. Einer, der auf eine lange und illustre literarische Ahnenreihe zurückschauen kann. Sie reicht von Joyce bis Nabokov, von Dostojewski bis Mann.

John Banville. Die See

Kiepenheuer & Witsch

geb. kleine Sonderausgabe, 320 Seiten

978-3-462-00046-7, 12.- €

Es ist nicht zu übersehen, dass sie gerade erst aufgestanden ist, ihr Gesicht wirkt grob im morgendlichen Licht, wie eine Skulptur, der noch der Feinschliff fehlt. Sie steht genau in der gleichen Pose da wie Vermeers Magd mit dem Milchkrug, den Kopf und die linke Schulter nach vorn geneigt, eine Hand unter Rose' schwer herabfallendes Haar gewölbt, indes sie mit der anderen in dickem, silbrigen Schwall Wasser aus einer abgeplatzten Emailkanne gießt.“ (John Banville: Die See, S. 185)

 

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2. KW 2021

Ganz anders, sehr viel realistischer und gegenwärtiger ist das 2. besondere Buch in diesem Jahr von einem der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. So benennt ihn jedenfalls Brigitte Kronauer. Ich kann ihr da in keiner Weise widersprechen.

Für mich war das Anbranden des Wolfschen Universums eine energiestrotzende, sich selbst genügende Antiwelt, die als Nebenprodukt in aller Schärfe die Ärmlichkeiten und Scheelheit der offiziellen vorführte. Hier sprang jemand, wie ich es nie für möglich gehalten hätte, mit den Scherben von Realität und Geschichten um, deren Bau, Dramatik, Ablauf also durchaus nicht für alle Zeit von bemoosten Autoritäten festgelegt waren, jonglierte mit Alltäglichkeiten, Sensationen, manischen Verengungen und Katastrophenmeldungen nach Gusto und Bedarf.

Entstanden ist ein ebenso persönliches wie in seiner Auswahl gültiges Lesebuch der Prosa von Ror Wolf (1932-2020), eine Einladung, diesem einzigartigen Schriftsteller erneut oder erstmals zu begegnen. Ror Wolfs Prosa ist wie seine Gedichte und seine Hörspiele große Kunst, und Brigitte Kronauer die ideale kenntnisreiche Leserin, uns den Zugang zu diesem Werk zu öffnen.

Gut also von vorn, an diesem Punkt ansetzen, wo ich abgebrochen habe, der Himmel, wie war das, jawohl, der Himmel sehr blau, am Horizont plötzlich ein rasch laufender Mann.“

Ror Wolf: Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren

Ein Lesebuch. Sonderausgabe.

Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Kronauer

208 Seiten. Gebunden

ISBN: 978-3-89561-325-8, 9,95 €

Bevor ich geschrieben habe, habe ich gelesen. Bevor ich gelesen habe, habe ich geschrieben. Aber bevor ich geschrieben und gelesen habe, habe ich mir Geschichten erfunden, in die ich nachts wie in den warmen Bauch hineinkriechen konnte.

Es war niemand da, der mir Geschichten erzählt hat. Mein Vater war auf Reisen mit vielen Grüßen. Meine Mutter stand hinter der Ladenkasse und sagte nicht viel. Mein Großvater saß schweigend auf dem Schusterstuhl, unablässig auf Sohlen und Absätze einschlagend, die Zwecken zwischen den Lippen. Meine Großmutter schaute zum Fenster hinaus. Dort sah sie den Spitzberg, den Roten und den Breiten Berg und den Schwarzen Berg und hat mir keine Geschichte erzählt…"

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1. KW 2021

Als eine junge Gouvernante nach Bly kommt, einem abgelegenen, traumhaft schönen Landsitz im Süden Englands, ist sie von ihrer neuen Aufgabe sehr angetan. Doch unerklärliche Erscheinungen und Ereignisse verwandeln die Idylle in einen Alptraum. Stehen die beiden engelsgleichen Kinder, der zehnjährige Miles und die achtjährige Flora, unter dem Bann böser Geister? Sind es die Dämonen der verstorbenen Hausangestellten, eine Gouvernante und ein Butler, die eine skandalöse Liebesbeziehung verband?

Henry James: Die Drehung der Schraube

Originaltitel: The Turn of the Screw

Aus dem Englischen von Ingrid Rein

224 Seiten, Pappband mit Prägung

Kampa-Verlag

18 €, ISBN 978 3 311 27004 1

Henry James´ Novelle „Die Drehung der Schraube“ erschien 1898 zum ersten Mal und ist ganz im Stile einer klassischen Gothic Novel gehalten. James lässt einen unbekannten Erzähler die Aufzeichnungen einer Gouvernante in einer gesellschaftlichen Runde am Kamin erzählen und baut dabei auf den authentischen Eindruck, den diese Erzählung aus zweiter Hand auf die Zuhörer haben mag. James selbst bezeichnete seine wunderbare Erzählung als „Amusette für Blasierte".

Hieran sieht man lediglich, dass Autoren in der Regel keine Beziehung zum eigenen Text haben.

"Immer stärker steigt die Spannung, immer mehr spitzt sich die Lage zu – genau das hat Henry James gemeint, als er seine Erzählung Die Drehung der Schraube nannte.“ (Tobias Lehmkuhl, Deutschlandradio Kultur)

 

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50. KW  2020

Georges Bataille: Lascaux oder die Geburt der Kunst

Aus dem Französischen von Karl Georg Hemmerich. Mit den Fotografien von Hans Hinz und einem Nachwort von Rita Bischof.

Gebunden, 304 Seiten

Brinkmann und Bose Verlag, Berlin 2019

9783940048356, 39 €

Zu einem Zeitpunkt, wo die Tier- und Pflanzenwelt, das "wiGestalterisch ist dieses Buch sicher eines der Schönsten in diesem Jahr.lde Leben", mehr denn je bedroht erscheinen, illiminiert Rita Bischof den Text von Georges Bataille über Lascaux. Den Tiermalereien, die 17.500 Jahre lang in der Nacht der Höhle auf ihre Entdeckung gewartet haben, begegnete Bataille mit der Frage nach dem Ursprung der Kunst. Seine Antworten, die grundlegende Begriffe auf ungeahnte Weise in Beziehung setzen, werden im Zusammenhang der prähistorischen Forschung und des zeitgenössischen Denkens im Spannungsverhältnis zwischen Technik und Ästhetik situiert.

Begeistert liest man Batailles philosophisch-poetische Reflexionen über die Malereien in der Höhle von Lascaux, erkennt das Staunen über und das Ringen um die Bildnisse, anhand derer Bataille beispielsweise darüber sinniert, ob die ersten Menschen lachten oder wie sie mit ihrer Sterblichkeit umgingen. Dieser eigenwillige Zugang zu den Malereien lohnt die Lektüre immer wieder, kann sich der interessierte Leser sicher sein, der sich ebenso gern die faszinierenden Fotografien von Hans Hinz angesehen hat, der Bataille bei seiner ersten Expedition nach Lascaux im Winter 1953 begleitete.

 

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49. KW 2020

Dorothy Wordsworth: Das Grasmere-Journal

in der Handbibliothek Dieterich

9783871620843 – Oktober 2015, 26.- €

Ende 1799 zieht Dorothy Wordsworth (1771–1855) mit ihrem Bruder, dem Dichter William Wordsworth (1770–1850), nach Grasmere. Wenig später lässt sich auch Williams Dichterfreund Samuel Taylor Coleridge in der Nähe nieder: „drei Menschen, doch nur eine Seele" . Die Stunde der 'Lake Poets', der frühen Glanzzeit englischer Romantik hat geschlagen. Das in England längst berühmte, jetzt erstmals ins Deutsche übersetzte „Grasmere-Journal“ bietet einen unvergleichlichen Zugang zum Leben der Wordsworths in der urwüchsigen Landschaft des Lake District. Ergänzt wird die Ausgabe durch zwei kurze Journale von 1798: das Alfoxden-Tagebuch und die Aufzeichnungen einer Reise nach Deutschland.

Fast ein Jahrhundert tauchte Dorothy Wordsworth nur als Fußnote in der Biografie ihres bekannten Bruders auf. Ein einziges Mal, 1803, versuchte sie ihre Erlebnisse von einer Reise mit ihrem Bruder nach Schottland zu veröffentlichen, fand jedoch keinen Verleger. Ihr Reisebericht „Recollections of a Tour Made in Scotland“ erschien postum erst 1874. Ihr Grasmere Journal wurde erstmals 1897 von dem Verleger William Angus Knight veröffentlicht, blieb aber weitgehend unbeachtet.

1931 kaufte die Kinderbuchautorin Beatrix Potter das Dove Cottage im Lake District, in dem Dorothy und ihr Bruder William lange Jahre gelebt hatten. In der Scheune des Cottage fand Potter ein Bündel altes Papier und entdeckte, dass es sich um die Tagebuchaufzeichnungen von Dorothy Wordsworth handelt. Potters Fund wurde 1933 als „The Grasmere Journal“ veröffentlicht. Das Journal berichtet ausführlich vom Alltagsleben im Lake District, erzählt von langen Spaziergängen mit dem Bruder durch die Umgegend und zeichnet schriftstellerisch detaillierte Porträts von den so genannten Lake Poets oder Lakists, wie die dort ansässigen Schriftsteller Samuel Taylor Coleridge, Charles Lamb, Sir Walter Scott und Robert Southey, mit denen die Wordsworths eng befreundet waren, auch genannt wurden. Der eigentlich radikale Schriftsteller Southey war in England vor allem durch seine Niederschrift des Grimmschen Märchens „Goldilocks and the Three Bears“ („Goldlöckchen und die drei Bären“) bekannt geworden.

Dorothy Wordsworths Schriften und deren dokumentarischer Wert für die Frauenliteratur wurden gerade zu einem Zeitpunkt wiederentdeckt, als sich feministische Kritiker und Literaten wie beispielsweise Virginia Woolf verstärkt mit der Rolle der Frau in der Literatur befassten. Woolf, selbst akribische Tagebuchschreiberin, befasste sich in ihren Essays bevorzugt mit Dorothy Wordsworth’ Notizen. Seit dem Erfolg des „Grasmere Journal“ wurden zahlreiche weitere Briefe, Tagebücher und Notizen von Dorothy Wordsworth veröffentlicht. Alle Arbeiten zeigen, wie viel sie zum schriftstellerischen Erfolg ihres Bruders beigetragen hatte: William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge übernahmen freizügig ihre detaillierten Landschaftsbeschreibungen für ihr eigenes Werk.

 

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48. KW 2020

Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben

Illustrierte Lieblingsbücher, Band 9

Von feenhaften Glühwürmchen, schuldigen Hunden, betrunkenen Rentieren und verspielten Oktopussen

978-3869712017

Galiani Verlag 2020

Er ist Mitglied des Ig-Nobelpreis-Komitees für kuriose Wissenschaften, Vorsitzender der Transsilvanischen Dracula-Gesellschaft und der bekannteste Kriminalbiologe der Welt: Dr. Mark Benecke! Und er liebt Tiere aller Art, Insekten vielleicht ein kleines bisschen mehr. Denn wenn er Spuren sammelt, um bei der Aufklärung eines undurchsichtigen Todesfalls zu helfen, kann er sich keinen besseren Mitarbeiter vorstellen als den rotbeinigen Schinkenkäfer. Die Markusfliege ist sogar sein Patenkind. Und was pflegeleichte Haustiere betrifft, steht die Fauchschabe bei ihm ziemlich weit oben.

Tiere, daran hegt Mark Benecke keinen Zweifel, befinden sich auf Augenhöhe mit dem Menschen. Und sie haben viele beeindruckende, sympathische und amüsante Eigenschaften. Seit Jahren lenkt er daher jeden Samstag in seinem Wissenschafts-Podcast auf radioeins neben vielen anderen Themen die Aufmerksamkeit auf die Einzigartigkeit tierischer Wesen. Man betrachte beispielsweise den Oktopus: Außergewöhnlich klug, hat er es gerne eher entspannt und macht oft Quatsch. Oder die Biene, die nicht nur eine gute Fliegerin, sondern auch eine ganz passable Surferin ist! Oder den Buntbarsch, der depressiv wird, wenn man ihn mit der falschen Partnerin verkuppelt.

Kat Menschik sitzt gerne vor dem Radio und hört sich die Benecke’schen Tierbetrachtungen an, in denen neueste Forschung und altes Wissen zusammenfließen. Kein Wunder, dass sie sich eines Tages in den Kopf setzte, unbedingt ein Buch mit ihm zu machen.

Kat Menschik ist freie Illustratorin. Ihr Gartenbuch „Der goldene Grubber. Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr „(2014) wurde zum Dauerseller und unter die 25 schönsten Bücher des Jahres gewählt. Seit 2016 gestaltet Kat Menschik ihre eigene Buchreihe, darunter der Bestseller „Moabit“ von Volker Kutscher (2017) und Edgar Allen Poes „Unheimliche Geschichten“ (2018). Jeder dieser Bände ist individuell gestaltet und ausgestattet. Zuletzt erschien dort die Neuübersetzung von Alexander Puschkins „Pique Dame“ (2020).

 

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47. KW 2020
Marius Goldhorn: Park

Roman

edition suhrkamp 2764, 2020

Arnold, Mitte zwanzig, reist nach Athen, wo er Odile wiedersehen wird. Bevor sein Flieger geht, streift er durch Paris. Arnold sortiert Spam aus seinen Mails und wechselt seine Bildschirmhintergründe, er notiert Gedichte und wartet darauf, dass Odile ihm schreibt. In den Nachrichten hört er von einem Anschlag in der Stadt und fragt sich: Warum fühlen sich Terror, Unruhen und Gewalt nicht wirklich bedrohlich an? Oder warum dringt die Bedrohung nicht zu ihm durch? Auch dann nicht, als in Athen auf einer Demonstration die Situation eskaliert.

„Park“ erzählt von der Oberfläche unserer Gegenwart, in der das Virtuelle genauso nah ist wie die Realität, und von einem Protagonisten, der gerade deshalb umso deutlicher spürt, dass es da noch mehr geben muss. Mit literarischem Wagemut und in lakonischen Sätzen schickt Marius Goldhorn ihn durch ein unsicheres Europa.

Arnold ging in die Einstellungen. Es war 14.21 Uhr. Er änderte die Farbe seines Desktophintergrunds von Orange zu einer Art Gelbgrün, mit dem er eigentlich nichts verband. Arnold öffnete den Chat mit Odile. Arnold schrieb: ich bin jetzt im zug nach paris. Er drückte auf Senden, schloss das MacBook und nahm das Buch Der Platz der Gehenkten von Hubert Fichte. Er legte es auf den ausgeklappten Tisch. Zwei schwerbewaffnete Polizisten patrouillierten im Abteil. Sie ließen sich von der arabisch sprechenden Familie die Papiere geben, dann von den jungen Männern mit den Sporttaschen. Arnold blickte aus dem Fenster, der Platz neben ihm war frei. Er sah vertrocknete Felder, Solarmodule auf renovierten Dorfhausdächern und Strommasten in der Sonne...

Ob das Geschwätz in Chats und Foren oder Nachrichten von einer präapokalyptischen Weltordnung - was Arnold, der Protagonist aus Marius Goldhorns Roman „Park“, im Laufe eines Tages auf seinem iPhone liest, es zieht belanglos an ihm vorüber. Denn er ist ein wahrer Smombie (eine Kontamination aus Smartphone und Zombie) und damit der Prototyp einer sich in digitaler Dekadenz wähnenden Gegenwartsgesellschaft. Der Schreibstil ist etwas reduziert. Er erinnert an Markus Osterwalders Kindergeschichten um Bobo Siebenschläfer: „Heute ist Bobo mit Mama und Papa im Park. Bobo kann es kaum erwarten, all die Tiere zu sehen.“

Dem barrierefreien Satzbau des Buches kann man locker auch mit digitaler Demenz folgen.

Am nächsten Morgen wachten sie auf, ineinander geschält und in Decken. Arnold betrachtete Odile in der Morgensonne. Arnold sagte: Ich kauf uns ein Frühstück. Odile sagte: Ich komm mit. Arnold richtete sich auf. Arnold sagte: ich geh schnell. Was willst Du? Odile sagte: Ok. Ich esse alles. Was boykottierst du? Arnold sagte: Eigentlich nur Tintenfisch. Odile sagte: Okay. Odile sagte: Keine Allergien? Arnold sagte: Nein. Du? Odile sagte: Nein. Arnold sagte: was willst du? Odile sagte: Keine Ahnung. Arnold dachte: Das war das Vertrauteste; was ich seit langem gehört habe. Odile richtete sich auf und band sich die Haare zusammen. Arnold dachte: Was spricht eigentlich dagegen sich wohlzufühlen?“

 

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46. KW 2020

Jean-Henri Fabre, Christopher Middleton (Hg.): Die Luft. L'air, nécessaire à la vie

Reihe: Friedenauer Presse Drucke

22 Seiten, Softcover mit Schutzumschlag

Übersetzung: Henning Ritter, Anna Ritter

Verlag: Friedenauer Presse, 2020

ISBN: 978-3-93210-975-1, 12,00 €

Dieser kleine Vortrag ist eine vergessene Lektion über die Abhängigkeit des Lebens von der Luft. So naiv die Lektion wirken mag, sie ist heute von höchster Dringlichkeit, und sie stammt aus der Feder eines Wissenschaftlers, den Darwin und Pasteur zutiefst bewunderten. Als gleichzeitig großen Schriftsteller schätzten ihn Hugo, Rostand, Proust und Gide. 1904 wurde Jean-Henri Fabre zum Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen.

Sehr geliebt habe ich die Souvenirs entomologiques von J.-H. Fabre, ein unvergleichliches Buch, das in der Leidenschaft des Beobachtens und der grenzenlosen Liebe zum lebenden Wesen der Bibel weit überlegen ist.“ Luis Buñuel

Während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war Jean-Henri Fabre (1823 bis 1915) einer der gefeiertsten Lehrmeister der Naturkunde. Der Dichter Victor Hugo pries ihn als den „Homer der Insekten", der Dramatiker Edmond Rostand ihn als ihren „Vergil“.

Heute ist dieser Naturforscher in der breiten Öffentlichkeit weithin in Vergessenheit geraten. Am gegenwärtigsten ist er noch in Japan. Dort sind Ausstellungen über ihn an der Tagesordnung; im Schulunterricht wird oft auf seine Arbeiten verwiesen, und seit 1923 sind allein 47 Übersetzungen seines zehnbändigen Hauptwerks „Souvenirs entomologiques“ (deutscher Titel: „Bilder aus der Insektenwelt“, vollständige Ausgabe im Deutschen bei Matthes & Seitz) neben Ausgaben seiner weiteren Bücher erschienen.

Fabre lädt als geduldiger, präziser Beobachter mit seinen anschaulichen Schilderungen dazu ein, den Blick zu weiten. Die Welt als Ort zu betrachten, an dem die Wesen - Menschen, Tiere, Pflanzen - ihr Dasein teilen oder zugrunde gehen müssen.

Vor allem anderen leben wir von der Luft", heißt es bei Fabre in schöner Schlichtheit: „Das Bedürfnis nach Nahrung meldet sich nur in ziemlich großen Abständen, während das Bedürfnis nach Luft sich ohne Unterbrechung immer gebieterisch, immer unerbittlich geltend macht. Wenn man nur einen Augenblick versucht, ihr den Zutritt zum Körper zu verwehren, indem man ihre Zugangswege, den Mund und die Nasenlöcher, versperrt, überkommt uns sofort Atemnot. Und man spürt, dass man unweigerlich zugrunde gehen würde, wenn dieser Zustand auch nur ein wenig andauerte.“ Ein bedeutender Text der Weltliteratur!

Seit die Maskenpflicht gilt, kann es jede(r) am eigenen Leib spüren. „Die Erfahrung, dass man praktisch seinen eigenen Atem zum Teil wieder zurückkriegt, weil er an der Maske anstößt, und man unter so einer Art von Glocke ist, ändert schon die Erfahrung des Atmens auf einer ganz elementaren Ebene." Das Natürlichste wird unnatürlich. Deswegen empfindet auch der Soziologe Hartmut Rosa Corona als Bestätigung seiner These: Die Beziehung der Gesellschaft zur Welt ist eine fragile, krisenhafte, leicht zu störende. „Wenn wir über die Art und Weise nachdenken, wie wir auf die Welt bezogen und in die Welt gestellt sind, dann ist das Atmen das Unmittelbarste und die intensivste Ebene unserer Beziehung, weil wir ununterbrochen die Welt, das Äußere, einatmen, einsaugen, in uns hineinlassen - und dann natürlich auch wieder zurückgeben. Das ist im Wesentlichen ein unbewusst ablaufender Prozess, bei dem wir permanent die Welt durch unseren Körper, durch die Lungen, durch die Bronchien, die Atemwege hindurch prozessieren. Deshalb sind wir in einem stetigen, intensiven Austausch-Prozess." Höchst aktuell der Herr Fabre!

 

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45. KW 2020

Tarjei Vesaas: Die Vögel
(OT: Fuglane, 1957)
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Nachwort von Judith Hermann
279 Seiten, € 23
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-28-5

Das Flattern, der pfeilschnelle Schatten im Dämmer – und der schöne Lockruf, ob den nun wer hörte oder nicht. Gleich überm Dach hier, und fort ins Unendliche. Dann wieder nichts als der Spätabend. Aber es war wirklich da gewesen. Jetzt weiß ich was, stellte er fest, ohne weiter darüber nachzudenken. Er war spürbar verändert, innerlich.“ (Tarjei Vesaas)

Tarjei Vesaas wurde 1897 in Vinje/Telemark in Norwegen geboren. Er war der älteste Sohn eines Bauern in Vinje/Telemark, dessen Familie seit 300 Jahren im selben Haus lebte. Vesaas wusste früh, dass er Schriftsteller werden wollte, verweigerte die traditionsgemäße Hofübernahme und bereiste in den 20er und 30er Jahren Europa. 1934 heiratete er die Lyrikerin Halldis Moren und ließ sich bis zu seinem Tod 1970 in der Heimatgemeinde Vinje auf dem Hof Midtbø nieder.

Vesaas verfasste Gedichte, Dramen, Kurzprosa und Romane, die ihm internationalen Ruhm einbrachten. Er schrieb seine Romane auf Nynorsk, der norwegischen Sprache, die - anders als Bokmål, das „Buchnorwegisch" - auf westnorwegischen Dialekten basiert. Abseits der Großstädte schuf Vesaas kontinuierlich ein dennoch hochmodernes, lyrisch-präzise verknapptes Werk mit rätselhaft-symbolistischen Zügen, für das er mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Für „Das Eis-Schloss" erhielt er 1964 den Preis des Nordischen Rats, den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens und „Die Vögel“, das Karl Ove Knausgård als „besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde“, bezeichnete.

In „Die Vögel“ erzählt er von dem Außenseiter Mattis, der sich in eine kindliche innere Welt zurückgezogen hat und von den anderen Dorfbewohnern als zurückgeblieben verlacht wird. Seinen Lebensunterhalt versucht er mit kleinen Hilfsarbeiten auf dem Feld und im Wald zu bestreiten. Mattis lebt in einer Hütte am See mit seiner Schwester Hege, die den Haushalt führt und ihn versorgt, und er fühlt sich mit der Natur ringsum verbunden. Besonders ziehen ihn die Waldschnepfen an, deren frühlingshaften Balzflug er als Zeichen sieht, als Verheißung, die er nicht entschlüsseln kann. Als eines Tages der Holzfäller Jørgen auftaucht, sich in Hege verliebt – und dann auch noch eine Schnepfe erschossen wird, wirft es Mattis aus der Bahn.

In sparsamer, eindringlicher Sprache und in unvergesslichen Bildern beschreibt Tarjei Vesaas das Innenleben des Sonderlings Mattis und seinen Blick auf die Welt, und dabei auch sein Unvermögen, sich auszudrücken, sich mit anderen Menschen zu verständigen. Das Ungesagte zwischen den Zeilen, das im Grunde Unsagbare fügt Vesaas in einzigartiger, unverwechselbarer Weise ins feine Netz der Erzählung und erzeugt damit poetische Spannung und ein unbedingtes Mitgefühl für Mattis.

Hinrich Schmidt-Henkel versteht es auf fast magische Weise, die Zwischentöne, Auslassungen und die Verknappung in der deutschen Übersetzung nachzubilden und uns die Geschichte mit ihrer ganz eigenen Melodie so nahezubringen, dass uns gar nichts übrig bleibt, als den Roman und seine Hauptfigur Mattis tief ins Herz zu schließen.

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43. KW 2020

Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen

Roman

240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

August 2020

Limmat-Verlag, 24.– €

Ein feinsinniges, weises, poetisches Buch.“ NZZaS

Die irakischstämmige Aida verleugnet ihre Herkunft, was immer wieder zu Streit mit ihrem Freund führt. In ihrer Not setzt sie sich hin und beginnt aufzuschreiben, was sie nicht sagen kann. Geboren in einem iranischen Flüchtlingslager, kam sie mit ihren Eltern und der älteren Schwester in die Schweiz. Die Mädchen gehen zur Schule, aber ihre Eltern kommen mit dem westlichen Alltag nicht zurecht und verklären mehr und mehr ihre Heimat. Der Vater, ein konservativer Theologe, beschliesst schliesslich, mit der ganzen Familie in den Irak zurückzukehren. Aber was für die Eltern die Heimat ist, die sie einst verlassen haben, ist für die beiden Schwestern ein fremdes Land. Als die Ältere verheiratet werden soll, fliehen sie nun ihrerseits und gelangen als unbegleitete Minderjährige in die Schweiz. Aber auch sie lässt die Vergangenheit nicht los.

Wieder gelingt es Usama Al Shahmani, vielschichtig von der grossen inneren Anstrengung von Flüchtlingen bei ihren Integrationsbemühungen zu erzählen und dabei immer ein Fenster zur Hoffnung offenzulassen. Und nicht zuletzt überwindet er selbst die Mühsal des Exils durch das Verschmelzen der arabischen mit der westlichen Kultur im Erzählen.

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittler und übersetzt ins Arabische, u. a. „Fräulein Stark“ von Thomas Hürlimann, „Der Islam“ von Peter Heine und „Über die Religion“ von Friedrich Schleiermacher. Sein erster Roman „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das „Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels“ nominiert. Usama Al Shahmani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld.

Ein Feuerwerk der leisen Gefühle. Ein wunderbar poetischer Roman, der jegliche Klischees einer Flucht außen vor lässt. Was Flucht mit Menschen macht, wird mit sensiblen Worten und nie gekannter Sprachgewalt dargestellt.“ aus-erlesen.de

 

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MEIN BESONDERES BUCH
42. KW 2020
ARNO CAMENISCH. GOLDENE JAHRE
Urs Engeler Editor, Holderbank 2020
ISBN 9783906050362
Gebunden, 100 Seiten, 19,00 EUR
Seit 51 Jahren betreiben Margrit und Rosa-Maria ihren Kiosk samt Zapfsäule und Leuchtreklame. Er ist die Zentrale im Dorf, bei Margrit und Rosa-Maria kommen alle vorbei und sie haben alles gesehen, schicke Autos und alte Mopeds, die Tour de Suisse und Prominenz aus dem Boulevard, Betrüger, die sie übers Ohr hauen wollten, genauso wie Filmstars. Am liebsten sind ihnen aber die Liebespaare und die frisch Verliebten. Bei Margrit und Rosa-Maria geht über die Ablage, was das Herz begehrt, und im Gegenzug hören sie, was die Herzen bewegt. Arno Camenisch erzählt von einer Welt im Wandel - aber solange Margrit und Rosa-Maria ihren Kiosk mit Leuchtreklame und Zapfsäule bedienen, bleibt die Welt ein wunderbar schöner und heller Ort.
Eine Passage, die stilprägend für den gesamten Buchhandel sein könnte:
„...Und zwischendurch nehmen wir auch eines dieser feinen Täfeli, wenn man schon hier arbeitet, darf man sich auch zwischendurch was gönnen, ja, hat jemand das feine Zeugs nicht gerne, geht er lieber woandershin zum Arbeiten, das, was man verkauft, muss man ja auch gerne haben, wie will man es denn sonst verkaufen, fragt man sich, da hat man nämlich auch die richtige Emotion in der Brust dazu und ist mit dem ganzen Herzen dabei, das spürt die Kundschaft denk sofort, dass man am liebsten selbst diese feinen Zückerli essen würde, so merken die Kunden denk, wie fein diese sein müssen, wenn sie das Funkeln in deinen Augen sehen und kaufen dir gleich den ganzen Korb leer...“
Die beiden führen seit 51 Jahren einen Kiosk in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Graubünden. Man erfährt nicht, ob es zwei Schwestern oder enge Freundinnen sind. Doch verbindet die beiden Frauen ihre gemeinsame Arbeit in ihrem Kiosk, der mit seiner Zapfsäule auch für genügend Benzin im Ort sorgt.
In seinem neuen Roman "Goldene Jahre" erzählt der Schweizer Arno Camenisch aus dem Leben der beiden 70jährigen Protagonistinnen, die ihren Kiosk als eine Art Rakete betrachten. Nicht nur weil es dort zufälligerweise eine beliebte Eissorte gleichen Namens gibt, sondern weil die Eröffnung ihres Kiosk im Jahr 1969 parallel zur Mondlandung geschah; für das Dorf ein genauso bahnbrechendes Ereignis wie die Apollo 11-Mondmission für die gesamte Welt.
Ein solches Buch kann nur der Anfang einer guten Woche sein!
Ludwig Hofstätter
 
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Meine besondere Empfehlung 1:
41. KW 2020
YOUNG-HA KIM
Aufzeichnungen eines Serienmörders
Roman
Aus dem Koreanischen von Inwon Park
Geb. mit Schutzumschlag und Leseband
im wunderbaren CASS-Verlag
152 Seiten
ISBN 978-3-944751-22-1 - 20.- €
 
Tierarzt Byongsu Kim (70) ist »pensionierter« Serienmörder. Er verbringt seine Zeit damit, Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Kurz nachdem er in seinem Viertel einem Mann begegnet, den er als seinesgleichen erkennt, wird bei ihm beginnende Demenz diagnostiziert. Um seine Tochter zu beschützen, plant der alte Mann, mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, einen letzten Mord.
Young-ha Kim (*1968) gilt als begnadetster koreanischer Schriftsteller seiner Generation. Er erhielt alle bedeutenden Literaturpreise seines Landes, seine Romane, Erzählungen und Essays wurden in alle Weltsprachen übersetzt. Kim lebte zeitweise in Kanada, den USA und Italien, übersetzte F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby ins Koreanische und ist Katzenliebhaber – weshalb er gerne mit Haruki Murakami verglichen wird. Die Aufzeichnungen eines Serienmörders (2013) waren der No. 1 Bestseller in Fiction in first week of publication und das Book of the Year 2013 der Tageszeitung Dong-a Ilbo. Bis 2017 wurde das Buch in Korea über 200.000mal verkauft, der Film zog über zweieinhalb Millionen Zuschauer in die Kinos.
Dieses Meisterwerk von einem Buch wurde mit dem DEUTSCHEN VERLAGSPREIS 2020 ausgezeichnet.
Ein kleiner Auszug daraus. Der Anfang:
"Meinen letzten Mord habe ich vor fünfundzwanzig
Jahren begangen. Oder waren es sechsundzwanzig?
Ungefähr so lange ist es jedenfalls her. Was mich
damals antrieb, war nicht, wie man sich das gemeinhin vorzustellen scheint, Mordlust oder sexuelle
Perversion. Es war Enttäuschung. Und die Hoffnung
auf eine höhere, auf die vollkommene Lust. Bei jedem
Opfer, das ich begrub, sagte ich mir, beim nächsten
Mal machst du es besser. Als ich diese Hoffnung nicht
mehr hatte, gab ich das Morden auf.
*
Ich führte Tagebuch. Schachspieler gehen nach einer
Partie noch einmal nüchtern ihre Züge durch. Etwas
in der Art müsste ich auch tun, dachte ich. Wenn ich
nicht aufschrieb, was ich falsch gemacht und wie ich
mich dabei gefühlt hatte, würde ich immer wieder
dieselben schrecklichen Fehler machen. Wie ein
Prüfungskandidat, der sich ein Heft mit falschen Antworten anlegt, zeichnete ich penibel meine Morde auf.
Den Hergang, meine Empfindungen."
„Ich habe mehr Menschen am Leben gelassen, als ich umgebracht habe.“ Dass es dem pensionierten Veterinär Byongsu Kim, der mittlerweile im Lyrikkurs der örtlichen Volkshochschule seine über Jahrzehnte unentdeckten Serienmorde künstlerisch zweitverwertet, nicht an Gerissenheit und Routine mangelt, liegt auf der Hand.
Dennoch wackelt das Vorhaben, noch einmal zur Tat zu schreiten, gewaltig. Das liegt an der Diagnose, die ihm der Arzt mit ernster Miene verkündet hat: fortschreitende Demenz. Im mörderischen Plan, dem anderen Killer das Handwerk zu legen, der neuerdings in der Nachbarschaft sein Unwesen treibt und es obendrein auf Kims Tochter abgesehen hat, wird diese zum immer größeren Störfaktor. Der Serienmörder muss zuschlagen – „bevor ich vergesse, wer er ist“.
"Verliert man das “Vergangenheitsgedächtnis”, weiß man nicht mehr, wer man ist. Verliert man das Zukunftsgedächtnis, verharrt man für immer in der Gegenwart. Welchen Sinn hat die Gegenwart, wenn es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt? Doch was will man machen? Wenn die Schienen unterbrochen sind, muss der Zug eben anhalten."
Wie gesagt, ein ganz besonderes Leseerlebnis. Eine gute Woche!
Ludwig Hofstätter