AKTUELL : Friederike MAYRÖCKER - Cesare Pavese - Philippe Jaccottet - Urs Jaeggi - Adam Zagajewski

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist tot. Die Grand Dame der experimentellen Literatur starb im Alter von 96 Jahren am Freitag, 4. 6. 2021 in Wien, wie der Suhrkamp Verlag in Berlin unter Berufung auf den engsten Umkreis Mayröckers mitteilte. Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. Sie besuchte zunächst die Private Volksschule, ging dann auf die Hauptschule und besuchte schließlich die kaufmännische Wirtschaftsschule. Die Sommermonate verbrachte sie bis zu ihrem 11. Lebensjahr stets in Deinzendorf, welche einen nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterließen. Nach der Matura legte sie die Staatsprüfung auf Englisch ab und arbeitete zwischen 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen. Bereits 1939 begann sie mit ersten literarischen Arbeiten, sieben Jahre später folgten kleinere Veröffentlichungen von Gedichten.

Im Jahre 1954 lernte sie Ernst Jandl kennen, mit dem sie zunächst eine enge Freundschaft verbindet, später wird sie zu seiner Lebensgefährtin. Nach ersten Gedichtveröffentlichungen in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift "Plan" erfolgte 1956 ihre erste Buchveröffentlichung. Seitdem folgten Lyrik und Prosa, Erzählungen und Hörspiele, Kinderbücher und Bühnentexte.

 

 

was brauchst du

 


was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

 

 

 

 

Mayröcker hatte als 15-Jährige die Liebe zum Schreiben entdeckt. Sie war Tochter eines Lehrers und einer Hutmacherin - und musste zu ihrem Leidwesen aus Geldmangel im Elternhaus einen Brotberuf ausüben. 23 Jahre lang war sie Lehrerin für Englisch. Dann erst folgte sie ihrer eigentlichen Berufung.

Ihr letztes vollendetes Werk, das im Frühjahr diesen Jahres erschienen ist: FRIEDERIKE MAYRÖCKER. DA ICH ABENDS UND MOOSGRÜN. ANS FENSTER TRETE.  Bibliothek Suhrkamp - 24 €

 

"ach dasz man, die Liebe sich gefallen liesz da man sich losgelöst
von dieser Menschen Rede.Wirklich, durch deinen Leib
hindurch erscheint mir deine schöne Seele, kann ich sie denn
erhaschen? sie die geheimnisvolle kluge, dasz lieb der Regen
fällt »wenn sich die Augen üben«, zerrisz die Seide eines letzten
Morgens,..."

 
»Verehrte Lauscher und Lauscherinnen, versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften«, verfügt Friederike Mayröcker in ihrem neuen Prosawerk – aber schon sein Titel legt eine unfehlbare Spur. da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lässt keine Zweifel an dem, was immer noch Tag für Tag zu tun ist: hellwach und neugierig auf die Welt blicken und ihr eine Kunst abgewinnen, die Wörter in Sternschnuppen verwandelt und die Sprache selbst als einen schier unerschöpflichen poetischen Zauberkasten begreift: »meine Texte entstehen durch sich fortpflanzende Augen«, so eines der Geheimnisse, das die Wiener Dichterin ihren Leserinnen und Lesern doch noch preisgibt.
Mag die »Leibhaftigkeit« im hochbetagten Alter auch mühselig geworden sein, mögen die Listen an Wörtern, die mit den Jahren abhandengekommen sind, auch länger werden, wie die Poetin selbst beklagt – »in meinen Träumen bin ich jung, in meinen Träumen bin ich high«, versichert Friederike Mayröcker, und dieses Credo gilt umso mehr für ihre unvergleichliche, grenzenlose und ganz und gar unausdeutbare Dichtung.
 
"Bertolt Brecht schrieb ein schönstes deutsches Gedicht über
eine weisze Wolke und ein siebtes Kind welches ich oft beweint.
Es war eine weisze Wolke welche sich auflöste während
er eine Frau beschlief in einer Wiese, an jenem Tage als
ein Mann den Mond betrat schlief ich in einer Wiese mit
einem Mann dessen Brust, eine zarte Leine umspannte, aus
dessen Munde ein feines Gras,
in einem Fiebermonat, ..."
 
"Das Geschriebene selbst wächst sich zum Gestrüpp oder „Gebüsch“ aus. Mit Verästelungen aus mehrdeutig verzweigten Wortfeldern und verwinkelten, vibrierenden Satzästchen. Im Text wachsen sogar Gedichte aus Bäumen: „ich meine wie die Strophen eines Gedichts sich von den Ästen eines Baumes lösten“. Wurzeln gleich folgen die scheinbar autonomen Satzwucherungen ihrer undurchschaubar intuitiven, nur der Schönheit gehorchenden Dynamik." sagt Michaela Schmitz im Deutschlandfunk.
 
„[…] die Welt so kalt der Himmel bitter klar / es klirrt der Morgen und es weint die Nacht ich bin allein find mich / nicht mehr zurecht“. Diese desillusionierende Sicht auf Leben und Welt ist aber nicht das letzte Wort in diesem Lyrikband. Neben der Lebensangst steht die Lebensbejahung. Das Schöne und der Schrecken sind in den Gedichten präsent. Sie werden in eine lyrische Sprache übersetzt, die anschaulich und bilderreich ist, genau und provozierend direkt, auch rätselhaft zuweilen, die Neugier erweckt und die Phantasie anregt. Die Texte werden zu Bebilderungen eines hochbetagten Lebens, das beides kennt, die Trauer und die Lebensfreude, den Schmerz und das Glück. So lauten denn auch die Schlusszeilen des Buches: „nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen / und hinter den Jalousien das mich scheuchende Licht des Morgens, oh / sprieszendes Blut und Blüte des Leibes, ,Privatisierung der Litera- / tur‘ (JD), Wahnwitz der Heiligkeit dieses Lebens das ich ans Herz / (drücke), das mir so teuer – wahrlich dieser mich umarmende Hori- / zont Gabe meiner Bekenntnisse während wehende Veilchen“.

 

Entscheidend war in den 1950er-Jahren der Anschluss an die Wiener Literatenszene um Ingeborg Bachmann und die Begegnung mit dem Schriftsteller und Wortakrobaten Ernst Jandl (1925-2000). Bis zu seinem Tod waren sie ein kongeniales Paar. 1956 veröffentlichte sie unter dem Titel "Larifari" Prosaskizzen und Miniaturen. Der Durchbruch gelang ihr 1966 mit "Tod durch Musen". In der Folgezeit schrieb Mayröcker - teils zusammen mit Jandl - viele Hörspiele. In Jahrzehnten entstand ein Werk, das als "Gesammelte Prosa" 2001 zusammengefasst in fünf Bänden erschien. 2003 folgte "Gesammelte Gedichte".

Die Dichterin wurde unter anderem mit dem Georg-Trakl-Preis (1977), dem Hölderlin-Preis (1993), dem Lasker-Schüler-Preis (1996) und dem Büchner-Preis (2001) ausgezeichnet.

 

Ein halbes Jahrhundert gemeinsamen Lebens, und das hieß ganz selbstverständlich auch: gemeinsamer literarischer Arbeit, verband und verbindet Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Unmittelbar nach dem Tod des Gefährten im Frühsommer des Jahres 2000 hat Friederike Mayröcker den Schmerz des Verlustes in einer stillen und zugleich leidenschaftlichen Todesklage zu bewältigen versucht, die zu einem Gesang von berückender Intensität wird. In diesem Dokument von tapferster Zartheit ruft sie Erinnerungen an Erlebnisse der gemeinsamen Jahre auf, macht sich Offengebliebenes jäh bewußt, liest Jandls Texte neu. Vor einer plötzlichen und existentiellen Leere erschreckend, fragt sie nach Möglichkeiten und Weisen des Weiterlebens und -arbeitens und hört nicht auf, zu einem Gegenüber zu sprechen. »Der Verlust eines so nahen Menschen, eines HAND- und HERZGEFäHRTEN ist etwas ganz und gar Erschütterndes, aber vielleicht ist es so, daß man weiter mit diesem HERZ- und LIEBESGEFäHRTEN sprechen kann nämlich weiter Gespräche führen kann und vermutlich Antworten erwarten darf. Einer einstmals so stürmischen Aura, nicht wahr. Jetzt gestammelt gehimmelt, und weltweit.«

 

PARAPHRASE AUF 1 GEDICHT
VON ERNST JANDL

(„in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd“ EJ)

in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 1 Gedicht im Kopf

 

 

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CESARE PAVESE

Den August 1950 wollte Cesare Pavese am Meer in Bocca di Magra verbringen. Er fand jedoch keine Ruhe und brach die Ferien ab. Zuerst fuhr er in seinen Geburtsort, das

piemontesische Dorf, wo er  zur Welt gekommen war. Er wurde nur 42 Jahre alt. Am 9. September 1908 in dem kleinen piemontesischen Ort Santo Stefano Belbo geboren, blieb Pavese

mit seinem ländlichen Herkunftsort immer tief verwurzelt. Die Umgebung seiner Kindheit symbolisierte für ihn etwas Archaisches. In seinen Romanen und Erzählungen ist das Motiv des Landlebens ein konstitutives Element. Die Orte der Kindheit und das dem Naturzyklus angepaßte Leben der Bauern haben für Pavese stets etwas Mythisches gehabt. Seine Roman- Figuren kehren meist an den Ort ihres Ursprungs zurück, angetrieben von den Bildern in ihrer Erinnerung.

„Man entdeckt die Dinge durch die Erinnerung, die man daran hat. Sich an etwas zu erinnern bedeutet, es jetzt erst zum erstenmal zu sehen.“

 

Große Aufmerksamkeit erhielt Pavese bei der Verleihung des bedeutenden italienischen Literaturpreis `Premio strega`, den er 1950 für die Erzählung `Der schöne Sommer` überreicht bekommt. Die drei TURINER ROMANE: Der schöne Sommer/Der Teufel auf den Hügeln/Die einsamen Frauen in der revidierten Übersetzung Maja Pflugs erscheinen gerade wieder im Schweizer ROTPUNKTVERLAG in einem Band.

 

 

 

 

 

 

 

Cesare Pavese. Der schöne Sommer. Rotpunkt Zürich. Drei Romane. Übersetzt von Maja Pflug – 29.- €

 

„Wenn sie todmüde zurückkehrten, hofften sie immer noch, dass irgendetwas geschehe, dass ein Brand ausbräche, dass zu Haus ein Kind geboren würde oder dass es womöglich plötzlich Tag würde und alle Leute auf die Straße kämen und man immer weiter und weiter gehen könnte bis zu den Wiesen und hinter die Hügel.“

 

Die Romane führen ins Turin der vierziger Jahre, wo jugendliche Erwartung und Lebensgier, das übermütige Bedürfnis, die Norm zu übertreten, in Desillusionierung und gescheiterte Leidenschaft münden. »Damals war immer Festtag«, so setzt Der schöne Sommer ein. Ginia, eine junge Schneiderin, entdeckt die Cafés unter den Arkaden und verliebt sich in den Maler Guido. Bald schon steht sie ihm Modell.

 

„In jenem Jahr war es so heiß, dass man jeden Abend ausgehen musste, und es schien Ginia, als habe sie nie zuvor verstanden, was Sommer eigentlich bedeute, so schön war es, jede Nacht auszugehen und durch die Alleen zu schlendern. Manchmal dachte sie, jener Sommer würde niemals enden, und zugleich, dass man sich beeilen musste, ihn zu genießen, denn wenn die Jahreszeit wechselte, würde bestimmt etwas geschehen. Deshalb ging sie nicht mehr mit Rosa in das alte Lokal oder in ihr Kino, sondern machte sich manchmal allein auf den Weg und lief schnell in ein Kino im Zentrum.“

Einer Versuchung erliegen auch die drei Studenten in Der Teufel auf den Hügeln, die wenig schlafen und viel reden, wenn sie nachts durch die Stadt laufen. Als sie auf dem Landsitz eines Mailänder Dandys ein paar wilde Sommertage verbringen, ist ihrer Jugend abrupt ein Ende gesetzt.

 

„Giulio hatte eine starke Ausstrahlung, der sich kaum jemand entziehen konnte. Das hing mit seiner Strenge zusammen. Er besaß eine große Strenge, und wenn er sich für jemanden entschied, dann deshalb, weil derjenige zu passen schien. Man fühlte sich geschmeichelt und geehrt, selbst wenn man dann vielleicht gar nicht bezahlt wurde. Er hat einen großartigen Geschmack. Für Möbel, Gegenstände, diese Tür hier hat er ausgesucht…“

Clelia aus Die einsamen Frauen könnte einmal die junge Ginia gewesen sein. Die erfolgreiche Modedesignerin kehrt in ihre Heimatstadt zurück, da wird vor ihren Augen die lebensmüde Rosetta, »aufgedunsenes Gesicht und wirre Haare, in einem Abendkleid aus hellblauem Tüll, ohne Schuhe«, auf einer Trage abtransportiert. Die Schattenseite der fröhlichen Serenaden?
Paveses »Turiner Romane«, 1950 mit dem Premio Strega ausgezeichnet, haben mit ihrer Aufgekratztheit, der atemlosen Suche nach dem Geheimnis des Lebens und dem seinerzeit neuen jazzhaften Rhythmus auch siebzig Jahre nach Erscheinen nichts von ihrer Modernität verloren. Sie liegen nun vollständig in Neuübersetzung von Maja Pflug vor. Und da ich weiss, dass, wer einmal begonnen hat, diesen Autor kennenzulernen, nicht mehr von ihm loskommt, die anderen Bücher, die bei Rotpunkt erschienen sind:

 

 

 

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Cesare Pavese. Der Genosse. Rotpunkt Zürich. Übersetzt von Maja Pflug 24.- €

 

Sie nennen ihn Pablo, weil er Gitarre spielt. Alle in der Osteria rühmen sein Talent, doch einst für Geld aufzutreten, hat Pablo keine Lust. Ebenso wenig sieht er seine Zukunft hinter der Theke des Tabakladens seiner Mutter. Lieber spannt er dem besten Freund, Amelio, der nach einem Motorradunfall als Krüppel weiterleben muss, die Freundin aus. Nur bekommt er es bald satt, das Spiel, das Linda mit ihm treibt, mitsamt den Tanzlokalen und Varietés – und macht sich aus Turin nach Rom davon, wo ihm langsam die Augen aufgehen.

 

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Cesare Pavese. Das Haus auf dem Hügel. Rotpunkt Verlag. Übersetzt von Maja Pflug- 24.- €

 

Das Haus auf dem Hügel, ein im deutschen Sprachraum noch wenig bekannter Roman Paveses, spielt in der Wirrnis jener dramatischen Sommermonate in Italien und erzählt, wie Corrados Existenz gegen starke innere Widerstände schließlich ganz und gar vom Krieg eingenommen wird. Von Maja Pflugs stimmiger Neuübersetzung ins Heute geholt, ist das Buch eine einzigartige literarische Auseinandersetzung über die Unentrinnbarkeit des Kriegs und die Frage nach dem Sinn von politischem Handeln.

 

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Cesare Pavese. Der Mond und das Feuer. Aus dem Italienischen von Maja Pflug – 24.- €

 

In Der Mond und die Feuer, Paveses letztem Roman, leuchtet mit der mythischen Hügellandschaft der Langhe auch die Schönheit des Erzählens auf. Urbilder menschlicher Erfahrung – der Baum, das Haus, die Reben, der Abend, das Brot, die Frucht – erzeugen eine magische Melancholie. Virtuos verdichtet verhandelt Pavese große, auch in unserem Jahrhundert relevante Themen der Weltliteratur: Auswanderung und Rückkehr, Verwurzelung und Entwurzelung, Widerstand.

 

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Seine lebenslange Begleiterin, die bedeutende italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg schrieb in ihrem wunderbaren Erinnerungsbuch WINTER IN DEN ABRUZZEN:

 

„Kurze Zeit nach seinem Tode gingen wir auf den Hügel. Es hatte
Wirtshäuser an der Straße mit rötlichen Weinlauben, Bocciabahnen und
Haufen von Fahrrädern; es hatte Bauernhäuser mit Büscheln von
Maiskolben und gemähtem Gras, das auf Säcken zum Trocknen ausgebreitet
war: es war die Landschaft am Rande der Stadt und zu Beginn des
Herbstes, die er liebte. Wir sahen von Wiesenrändern und gepflügten
Ãckern die Septembernacht aufsteigen. Wir waren alle gute Freunde und
kannten uns seit vielen Jahren; wir waren Menschen, die immer
miteinander gedacht und gearbeitet hatten. Und wie es vorkommt unter
Menschen die sich gern haben und von einem Unglück getroffen werden, so
versuchten wir nun, uns noch lieber zu haben, uns zu helfen, uns
gegenseitig zu beschützen; denn wir spürten, daß er in irgendeiner
geheimnisvollen Weise uns immer geholfen und beschützt hatte. Mehr denn
je war er an jenem Abend auf dem Hügel gegenwärtig.“

 

 

 

 

Cesare Paveses Gedicht MATTINO vom August 1940 war der jungen Turiner Anglistin Fernanda Pivano gewidmet, die vor allem durch ihre schöne Übertragung von Edgar Lee Masters ‘Die Toten von Spoon River‘ bekannt geworden ist. Fernanda war eine der Frauen, die Pavese vergeblich an sich zu binden suchte. Hier macht er ihr seine poetische Liebeserklärung. Es ist auch eines meiner Lieblingsgedichte, die ich einmal in der Woche, völlig kontradigital am Schaufenster des Ladens platziere und die nur als Einzelblätter bei uns zu haben sind.

 

 

MORGEN

Im  angelehnten Fenster zeigt sich ein Antlitz
Über dem Gefilde des Meeres. Die leise wehenden Haare
begleiten den zärtlichen Rhythmus des Meeres.
Keine Erinnerung spielt auf diesem Gesicht.
Nur ein flüchtiger Schatten, wie von einer Wolke.
Im Zwielicht ist der Schatten feucht und sanft
wie der Sand einer nie berührten Höhlung.

Da ist nichts zu erinnern. Nur ein Flüstern,
die Stimme des Meeres: Erinnerung geworden.
Der Tagesfrühe weiches Wasser, das sich auffüllt
mit Licht, erhellt dieses dämmrige Antlitz.
Jeder Tag ist ein zeitloses Wunder
in der Glut der Sonne: ein salziges Licht durchtränkt ihn,
und ein Geschmack nach frischen Meeresfrüchten.
Keine Erinnerungen gibt es auf diesem Gesicht.

Es gibt kein Wort, das es enthielte
oder verbände mit Vergangenem. Gestern ist es
aus dem engen Fenster verschwunden, so wie es
alsbald wieder verschwinden wird, ohne Trauer
oder Menschenworte, vom Gefilde des Meeres.

 

 

 

 

 

 

 

Unbedingt empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch das Buch von Maike Albath, die wir auch schon einmal in der Buchhandlung begrüßen durften:

 

DER GEIST VON TURIN. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943 im BERENBERG VERLAG erschienen (25.- €). In Mussolinis Italien, im Schatten der Fabriken von Fiat und Olivetti, begegneten sich in den dreißiger Jahren in Turin ein paar gebildete junge Leute. Sie gründeten Zeitschriften und Verlage, schrieben kritische Artikel, nahmen Verbannung und Gefängnis auf sich und fühlten sich als Avantgarde. Und das waren sie: Aus dem Kreis um Cesare Pavese, Leone und Natalia Ginzburg und den Einaudi-Verlag kam jener Geist, der nach 1945 das Klima intellektueller Freiheit in Italien wesentlich geprägt hat. Maike Albath, die Italien kennt und liebt, beschwört in ihrem Buch die Stadt und die einmalige geistige Landschaft, in der diese stolze Episode aus Italiens jüngerer Geschichte ihren Lauf nahm.

 

Ich kann jedem nur diese 3 Turiner Romane in einem Band ans Herz legen. Sie sind erst einmal unbeschwert und leichtfüßig, widerständig und ein hervorragender Einstieg in das Werk dieses großen Autoren der Weltliteratur. Er war ein Romantiker, vielleicht der letzte seiner Art. Und ein beharrlicher Einzelgänger.

 

 

'Jeder Blick, der zurückkehrt, bewahrt ein Aroma von Gras und Dingen,
welche die Abendsonne durchtränkt am Strand. Bewahrt einen Meerhauch.
Wie ein nächtliches Meer ist dieser große Schatten voll von uralten
Ãngsten und Schauern; er streift den Himmel, und jeden Abend kehrt er
wieder. Die toten Stimmen sind wie die Brandung dieses Meeres.'

 

 

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24. Februar 2021: Philippe Jaccottet ist gestorben, jede Zeile ist lesenswert.
Philippe Jaccottet, 1925 in Moudon/Waadtland geboren, lebte seit 1953 im südfranzösischen Grignan/Drôme. Für sein umfangreiches Werk wurde er u.a. mit dem Petrarca-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. 2014 wurde sein Gesamtwerk in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen. Auf Deutsch erschienen zuletzt Der Unwissende (Gedichte und Prosa, 2003), Truinas, 21. April 2001 (2005), die Anthologie Die Lyrik der Romandie (2008), Notizen aus der Tiefe (2009) und Sonnenflecken, Schattenflecken (2015).
 
Einer der bedeutendsten zeitgenössischen französischsprachigen Autoren, der Schweizer PhilippeJaccottet (* 30. Juni 1925 in Moudon, Schweiz, gestorben am 24. Februar 2021 in Grignan, Frankreich ), ist in den fünfziger Jahren in die Drôme gezogen. Es war diese Gegend, die die Landschaft als Motiv in seinem Werk vorherrschend werden liess. An seinem Haus steht immer ein Fenster offen: ein TrompeVœu, ein Sinnbild für einen Dichter, der sich offenhält und doch verschlossen bleibt.
„Seit Jahren habe ich, wieder und wieder, von diesen Landschaften gesprochen, die auch mein Aufenthalt sind. Am Ende wird man, fürchte ich, falls dies nicht bereits geschehen ist, mir vorwerfen, ich suchte dort eine Zuflucht vor der Welt und vor dem Schmerz; die Menschen und ihre Leiden (die doch soviel offenkundiger und hartnäckiger seien als ihre Freuden) zählten nicht genug in meinen Augen. Mir scheint jedoch, wenn einer diese Texte aufmerksam liest, er müsste diese Anschuldigung dort fast völlig widerlegt finden.“
«Kaum hatte ich diese Landschaften erblickt, spürte ich, dass sie mich lockten wie etwas, das sich entzieht. Ebenso war da etwas, das mein Denken, mein Schauen, mein Träumen mehr noch als meine Schritte unaufhörlich nach sich zog, etwas Ausweichendem entgegen.» Das Buch, aus dem das Zitat stammt, spürt dem Doppel¬ sinn seines Titels, Paysages avecfigures absentes, 1970 (Landschaften mit abwesenden Figuren, 1992), nach: Landschaften, in denen eine Abwesenheit spürbar wird, die in ihrer Vernehmbarkeit zu etwas Anwesendem wird.
Die Landschaft und ihr Licht. Das ist das tägliche Brot eines Dichters, der den Bildern beharrlich misstraut und vor übereilten Metaphern und bildhaften Gewissheiten Zurückhaltung übt. Er hält sich an das Unscheinbare, Alltäglichste. An Grashalme, Lichtverhältnisse, Wölken, Mauern, Regen, Wind.

 

I
La nuit n'est pas ce que l'on croit, revers du feu chute du jour et négation de la lumière, mais subterfuge fait pour nous ouvrir les yeux sur ce qui reste irrévélé tant qu'on l'éclairé.
Les zélés serviteurs du visible éloignés, sous le feuillage des ténèbres est établie la demeure de la violette, le dernier refuge de celui qui vieillit sans patrie...
II
Comme l'huile qui dort dans la lampe et bientôt tout entière se change en lueur et respire sous la lune emportée par le vol des oiseaux, tu murmures et tu brûles. (Mais comment dire cette chose qui est trop pure pour la voix?)
Tu es le feu naissant sur les froides rivières, l'alouette jaillie du champ...
Je vois en toi s'ouvrir et s'entêter la beauté de la terre.
III
Je te parle, mon petit jour.
Mais tout cela ne serait-il qu'un vol de paroles dans l'air?
Nomade est la lumière.
Celle qu'on embrassa devient celle qui fut embrassée, et se perd.
Qu'une dernière fois dans la voix qui l'implore elle se lève donc et rayonne, l'aurore.

 

 

 

 

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13. 2. 2021: URS JAEGGI ist gestorben. 

Mehr als 400 000 Mal verkaufte sich sein Buch zu "Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland": Urs Jaeggi galt als einer der Ideengeber der Studentenbewegung der 1960er Jahre. Der Schweizer Soziologe  der auch als Künstler und Schriftsteller bekannt wurde, ist am Samstag, dem 13. 2. 2021 im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben.

"Manchmal war es ein etwas krummer Weg, aber ich habe mir alle meine Wunschträume erfüllt", sagte er zu seinem 85. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur. "Mir war es wurscht, wenn die Leute gesagt haben: Muss er denn das jetzt auch noch machen?"

Der 1931 in Solothurn geborene Sohn aus sozialdemokratischem Hause hatte immer den Wunsch, über den Tellerrand zu blicken. Er studierte Kunstgeschichte, Ökonomie und Soziologie in Genf, Berlin und Bern. Nach seiner Habilitation in Bern ging er an die Ruhr-Universität Bochum und später zur New School for Social Research nach New York.

"Ich weiß bis heute nicht, wie das zustande kam", sagte Jaeggi über den Erfolg seiner Analyse, dass eine vergleichsweise kleine Elite die Schaltstellen der Macht beherrscht. Freunde machte sich der undogmatische Denker damit nicht nur. Konservative hielten ihn für einen linken Rädelsführer, Ultralinke für einen "Scheißliberalen".

Den Konflikt arbeitete Jaeggi später in seinem autobiografischen Roman "Brandeis" (1978) auf: Es geht um einen Professor, den der ideologische Furor der Studentenbewegung zunehmend in einen Zwiespalt mit sich selbst treibt. Zusammen mit den Romanen "Grundrisse" und "Rimpler" wird daraus eine Trilogie zum großen gesellschaftlichen Umbruch der 68er Jahre.

  • Die gesellschaftliche Elite, Bern [u. a.] 1960
  • (mit Herbert Wiedemann) Der Angestellte im automatisierten Büro, Stuttgart 1963
  • (mit Robert Bosshard und Jürg Siegenthaler) Sport und Student, Bern [u. a.] 1963
  • Die Wohltaten des Mondes, München 1963
  • Die Komplicen, München 1964 (Neuauflage Freitag Verlag, Berlin 1982)
  • Berggemeinden im Wandel, Bern 1965
  • (mit Herbert Wiedemann) Der Angestellte in der Industriegesellschaft, Stuttgart [u. a.] 1966
  • Der Soziologe, Bern 1966
  • (mit Rudolf Steiner und Willy Wyniger) Der Vietnamkrieg und die Presse, Zürich 1966
  • Ein Mann geht vorbei, Zürich [u. a.] 1968
  • Ordnung und Chaos, Frankfurt am Main 1968
  • Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik, Frankfurt am Main [u. a.] 1969. Neue Ausgabe: Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik (1973). Fischer Taschenbuch 6510 ISBN 3-43601685-3
  • Arbeiterklasse und Literatur, Frankfurt am Main 1972 (zusammen mit Peter Kühne)
  • Für und wider die revolutionäre Ungeduld, Zürich [u. a.] 1972
  • Literatur und Politik, Frankfurt am Main 1972
  • Geschichten über uns, Frankfurt am Main 1973
  • (mit Sven Papcke) Revolution und Theorie, Frankfurt am Main
    • Bd. 1. Materialien zum bürgerlichen Revolutionsverständnis, 1974
  • Theoretische Praxis, Frankfurt am Main 1976
  • Brandeis, Darmstadt [u. a.] 1978 (Roman)
  • Gesellschaft und Bewußtsein, Hagen 1980
  • Grundrisse, Darmstadt [u. a.] 1981
  • Was auf den Tisch kommt, wird gegessen, Darmstadt [u. a.] 1981
  • (mit Manfred Fassler) Kopf und Hand, Frankfurt am Main [u. a.] 1982
  • Versuch über den Verrat, Darmstadt [u. a.] 1984
  • Fazil und Johanna, Frankfurt am Main 1985
  • (mit Schang Hutter) Heicho, Edition Mariannenpresse, Berlin-Kreuzberg 1985. ISBN 3-922510-32-9.
  • (mit Norbert Ledergerber) Solothurner Filmtage 1966 – 1985, Fribourg 1985
  • Rimpler, Zürich 1987
  • Soulthorn, Zürich 1990
  • (mit Remy Steinegger) Tessin, Zürich 1991
  • Spinoza i(s)st.... , Städtische Bühnen Freiburg [2000], Bühnenbild, Musik, Inszenierung: Art Clay
  • Kunst, Berlin 2002
  • Durcheinandergesellschaft, Frauenfeld Stuttgart Wien 2008
  • Wie wir. Roman. Huber [etc.], Frauenfeld 2009
  • Follisophie. Gedichte und Prosa. Klever Verlag, Wien 2013
  • Kunst ist überall. Aufsatzsammlung. Ritter, Klagenfurt 2014
  • Heimspiele. Prosa. Ritter, Klagenfurt 2015
  • Ein Vogel auf der Zunge. Lyrik und Prosa. Klever, Wien 2019
  • Lange Jahre Stille als Geräusch. Wewerka Edition, Berlin [2000?], auch erschienen als Hörspiel auf DVD-ROM, DLR, [Berlin] 2005, Regie: Stefanie Hoster; Komposition: Sabine Ercklentz

Herausgeberschaft

  • Sozialstruktur und politische Systeme, Köln 1976
  • Theorien des historischen Materialismus, Frankfurt am Main (zusammen mit Axel Honneth)
    • Bd. 1 (1977)
    • Bd. 2. Arbeit, Handlung, Normativität, 1980
  • Geist und Katastrophe. Studien zur Soziologie im Nationalsozialismus. Wissenschaftlicher Autoren-Verlag, Berlin 1983
  • Mauersprünge, Reinbek bei Hamburg 1988
  • Zeitweiliger Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik

Ausstellungskataloge

  • Bilder von Urs Jaeggi, Solothurn 1985
  • Urs Jaeggi, Bern 1990
  • Urs Jaeggi, Figuren, Zürich 1991
  • Urs Jaeggi: treppen, fliegen, köpfen, worten, Berlin 2004

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Adam Zagajewski, 1945 in Lemberg geboren und 2021 in Krakau gestorben, studierte Psychologie und Philosophie in Krakau. Er lehrte regelmäßig an der University of Chicago. Adam Zagajewski ist Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eichendorff-Literaturpreis (2014), dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste (2015), dem Leopold Lucas-Preis (2016), dem Jean Améry-Preis für Essayistik (2016), dem Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur (2017) und dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2019). Seit 2015 war Adam Zagajewski Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 

 

In seinem gerade erschienen Essayband stellt er auf wunderbare Art und Weise für ihn wichtige Schriftsteller und Schriftstellerinnen in ein erstaunlich neues, zum Teil ganz persönliches Licht. Seine Essays über Czesław Miłosz, W.G. Sebald, Wisława Szymborska und viele mehr sind kleine Offenbarungen. Über das Werk, die Zeit und das Leben der Porträtierten. Aber auch über das eigene Schreiben und den Essay selbst, diese bedrohte Form, die wie keine andere die Beweglichkeit der Gedanken verteidigt. In feinster Prosa entspinnt Zagajewski seine Suche nach dem Wesen der Dichtung, nach ihren Bedingungen und ihrer Aufgabe.

Als sich der große Dichter und Essayist Adam Zagajewski vor ein paar Jahren in der Darmstädter Akademie vorstellte, trug er sein Gedicht Selbstbildnis vor, eine Ich-Inventur aus den frühen Neunzigerjahren. "In der Musik", heißt es da, "finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz, die drei Elemente./ Das vierte hat keinen Namen./ Ich lese Dichter, die lebenden und die toten, lerne von ihnen/ die Ausdauer, den Glauben und den Stolz." Damit waren die Überlebensstrategien eines Emigranten benannt – seine Ankerpunkte in der Poesie und der Musik, die den humanistisch gebildeten Weltbürger den Schmerz des Exildaseins zu überstehen halfen.

 

In : Adam Zagajewski. Poesie für Anfänger

Carl Hanser Verlag (29. März 2021) 280 Seiten , ISBN : 978-3446267671 , Originaltitel : POEZJA DLA POCZATKUJACYCH , 24.- €

 

Traurig, müde

Traurig, müde, häßlich und einsam

Stehst du am Fenster, vor der Leinwand,

Genannt die Straße, Welt oder Stadt,

Frau Arnolfini, vom Mann getrennt.

Es schaukelt, es schaukelt Bergsons Insekt,

Gefangen im Spinnennetz. Zwischen uns

Fließt der Ozean. Zwischen uns schlafen

Zyklone. Zwischen uns schlummern Kriege.

Die fremde Fremdheit, die sich langweilt. Zwischen uns

Zählen die Generale ihre Pfeile im Köcher.

Zwischen uns lodert die Sehnsucht. Traurig,

Müde, häßlich und einsam, warte,

Öffne den weißen Fächer des Fensters.

 

In: Die Wiesen von Burgund

Ausgewählte Gedichte

Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius. Im Mittelpunkt von Adam Zagajewskis poetischen Erkundungen steht Europa: europäische Musik und Philosophie, Europas Architektur und seine Landschaften, aber immer auch des Dichters eigene Geschichte. Er, den seine Ironie davor bewahrt, ein reiner Elegiker zu werden, verkörpert so tief wie kaum ein anderer das europäische Bewusstsein mit allen Ambivalenzen.

Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446203662
Gebunden, 176 Seiten, 18 EUR

 

Dieser Gedichtband, der eine Auswahl der Lyrik des polnischen Autors aus allen seinen Werkphasen enthält, gibt Jan Wagner einen "mitreißenden Einblick" in das Werk Adam Zagajewskis. Zugleich sei dieser Band so etwas wie ein "Resümee" seines bisherigen Schaffens. An "kaum einer Stelle", auch bei den rund ein Drittel des Bandes ausmachenden neueren Gedichte, lässt sich nachlassende "poetische Intensität" feststellen, erklärt ehrfürchtig der Rezensent.

 

Adam Zagajewski: „Ich habe keine Heimat im engen Sinne wie Leute, die als Kinder sich mit dem Gebiet identifiziert hatten, wo sie geboren waren und wo sie in die Schule gingen. Für mich es war schon Gleiwitz, aber nicht ohne Reservation. Denn meine Familie hat mir angedeutet: Das ist nicht deine Heimat. Deine Heimat ist geblieben, dort, in Lemberg. Natürlich, am Anfang habe ich das nicht akzeptiert. Für mich war Gleiwitz doch meine Welt. Aber später doch. Vielleicht war meine Heimat meine Kindheit, nicht geografisch bestimmt. Also, wie eine Brücke zwischen Lemberg und Schlesien.“

 

Spannung zwischen dem Konkreten und Abstrakten zeichnet auch die zahlreichen Essays des Autors aus. „Ich schwebe über Krakau“ ist der Titel der Erinnerungsbilder in Prosa, die im Jahr 2000 erschienen. Darin heißt es:

„Eine Minute lang erscheint die Welt unwirklich. Herausfordernd grüne Pappeln wiegen sich irreal. In den Pfützen spiegelt sich der graue Himmel, und das Abbild eines Flugzeugs, kaum größer als das einer Schwalbe, zittert, von der Sohle eines Passanten gestreift. Eine Minute lang erscheint die Welt als eine Gaukelei, ein billiger Kompromiß, eine Ablösesumme, vom redlichen, aber unbeholfenen Schöpfer einer Schurkenbande ausgehändigt. Die Gehsteige sind schräg. Die Erde rund. Der Mensch sterblich. Die Freiheit zweifelhaft.“

 

Adam Zagajewski

Ich schwebe über Krakau

Erinnerungsbilder

Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446199231
Gebunden, 286 Seiten, 19,90 €

 

Ich kann nicht Krakaus Geschichtsschreiber sein, obwohl mich Menschen und Ideen, Bäume und Mauern, Feigheit und Mut, Freiheit und Regen interessieren. Mich interessieren auch Hauswände und Mauern; der Ort, an dem wir leben, ist nicht gleichgültig für die Formung unserer Existenz. Die Landschaften dringen in unser Inneres ein und hinterlassen Spuren nicht nur auf der Netzhaut des Auges, sondern auch in den Tiefenschichten der Persönlichkeit.

 

Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen.
Denke an die langen Junitage,

und an die Erdbeeren, die Tropfen des Weins rosé.
An die Brennesseln, die methodisch verlassene
Gehöfte der Vertriebenen überwucherten.
Du mußt die verstümmelte Welt besingen.

Du hattest die eleganten Jachten und Schiffe betrachtet;
Eins davon hatte eine lange Reise vor sich,
ein anderes erwartete nur das salzige Nichts.
Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen.
Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen.
Du solltest die verstümmelte Welt besingen.

 

Der polnische Dichter Adam Zagajewski verdankt seinen Ruhm auch dem Gedicht "Spróbuj opiewać okaleczony świat" ("Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen"), das nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Magazin "The New Yorker" erschienen war. Wie viele polnische Dichter der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bewegt sich Zagajewski zwischen Philosophie und Mystik, zwischen Rationalem und Irrationalem, und schafft dabei einen Spagat, der normalerweise scheitern müsste. In "Unsichtbare Hand", hervorragend von Renate Schmidgall ins Deutsche übertragen, verbindet Zagajewski eine optimistische Abkehr von der Welt mit konkretem Mitgefühl und sozialer Verantwortung. Das gelingt ihm, indem er sich dem Unsichtbaren in der Welt zuwendet.

 

Adam Zagajewski

Unsichtbare Hand

Gedichte

Carl Hanser Verlag, München 2012
ISBN 9783446239906
Gebunden, 128 Seiten, 16 EUR

 

In seinen Gedichten ist Zagajewski immer unterwegs: Ob er den Flug der Mauersegler beobachtet oder seinen alten Vater, der das Gedächtnis verloren hat, ob er von der Natur oder Geistigem spricht, von Enthusiasmus oder Melancholie. „Die Dichter bauen ein Haus für uns - doch sie selbst/können darin nicht wohnen“

 

„Und jetzt überlegst du, ob du
zurückkehren kannst zu der Begeisterung
jener Jahre, ob du noch so sehr
nicht wissen und so sehr begehren kannst,
und so sehr warten, ein wenig einschlafen
und so geschickt wieder aufwachen,
dass du den letzten Traum nicht vertreibst
trotz der Dunkelheit des Dezembermorgens.
Die lange Straße, lang wie die Geduld.
Eine Straße, lang wie die Flucht vor dem Brand,
wie ein Wunschtraum, der niemals
endet.“

 

Adam Zagajewski: „Ich glaube, es gibt eine Welt der Poesie. Ich weiß nicht, wo sie ist. Aber jedes Gedicht soll daran anspielen. Ich weiß, es klingt ein bisschen mystisch, oder? Ich glaube, die Poesie existiert ontologisch. Es gibt irgendwo Poesie. Die ganze Kunst ist ein Versuch, eben die Tür zu dieser anderen Welt ein bisschen aufzumachen, also eine kleine Offenbarung.“

Der polnische Dichter und Essayist Adam Zagajewski war ein flanierender Weltbürger – und voller Sehnsucht nach seiner Heimat. Nun ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. Schreiben sei für ihn etwas Metaphysisches gewesen, sagt der Essayist László Földényi.