AKTUELL

Abiturrede 2020: Lukas Bärfuss, "Wir kennen uns nicht"

Literatur im Gespräch

mit Tilla Fuchs  
 

Sendung: Mittwoch 15.07.2020 19.15 bis 20:00 Uhr

Die Abiturrede 2020 gibt es in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie zum ersten Mal auf SR2.de komplett digital als Video. Die Radio-Fassung ist zu hören auf SR 2 KulturRadio am Mittwoch, 15. Juli, 19.15 Uhr, in der Sendung "Literatur im Gespräch". Das Video wird zeitgleich mit dem Audio veröffentlicht.

Der Saarländische Rundfunk hatte die Rede von Lukas Bärfuss am ursprünglich vorgesehenen Termin, am Donnerstag, 25. Juni, in Zürich für die saarländischen Abiturientinnen und Abiturienten sowie alle Interessierten vollständig aufgezeichnet.

 

"Wir kennen uns nicht" – die ersten Worte der Abiturrede 2020 sind programmatisch. Nicht nur, weil es ein wirklich großes Unterfangen ist, sich selbst kennenzulernen, wie der Schweizer Autor in seinem Text unterhaltsam darlegt. Sondern weil Lukas Bärfuss und die saarländischen Abiturientinnen und Abiturienten sich auch nie kennenlernen werden: Seine Rede ist die erste in der Reihe, die nicht im Rahmen einer Veranstaltung gehalten wurde.

Im Frühjahr 2020 hat das Coronavirus das öffentliche und gemeinsame Leben weltweit zum Erliegen gebracht. Lukas Bärfuss hat also seine Rede in Zürich als Botschaft in die SR-Kamera gesprochen. Was er darin formuliert, ist letztlich eine Bitte: nicht zu vergessen, dass wir selbst es sind, die eine Rolle im Leben wählen. Dass wir frei sind, das zu tun. Und dass es manchmal richtig sein kann, aus dieser Rolle zu fallen, so wie die Schülerin Greta Thunberg, "die plötzlich aufhörte, eine Schülerin zu sein" oder der Footballspieler Colin Kaepernick, der das, was er am meisten liebte, seinen Sport, aufgab und sich hinkniete, als Zeichen gegen ein rassistisches Amerika.

 

Über den Autor

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun/Schweiz, schreibt Romane, Essays und Theaterstücke. Zuletzt erschienen im Wallstein Verlag sein Theaterstück "Julien. Rot und Schwarz" und gesammelte Erzählungen unter dem Titel "Malinois". Für sein Werk wurde Lukas Bärfuss vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schweizer Literaturpreis und dem Georg-Büchner-Preis.

Die Rede an die Abiturientinnen und Abiturienten 2020 ist ein Gemeinschaftsprojekt des Saarländischen Rundfunks und des saarländischen Ministeriums für Bildung und Kultur.

Seit 1999 erscheinen die Reden bedeutender Schriftstellerinnen und Schriftsteller an den jeweiligen saarländischen Abiturjahrgang in Buchform.

 
Die Abiturrede von Lukas Bärfuss WIR KENNEN UNS NICHT ist gerade  im Conte-Verlag  erschienen und in unserer Buchhandlung erhältlich. Vormerkungen für unser Veranstaltung mit dem Autor am 19. 11. 2020 nehmen wir bereits entgegen.

 

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BESTENLISTE
JULI / AUGUST 2020

30 KRITIKER*INNEN.
10 BÜCHER.
1 LISTE.

SWR2.DE

Die Jurymitglieder nennen in freier Auswahl vier Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3).

1 BERLINER BRIEFE SUSANNE KERCKHOFF 102 PKT
Kerckhoff, Tochter einer Berliner Intellektuellenfamilie, trat 1945 aus der SPD aus und 1948 in die SED ein. Sie schrieb für die
Satirezeitschrift »Ulenspiegel« und wurde Feuilletonchefin der »Berliner Zeitung«, bis sie wegen eines Artikels in politischen
Misskredit geriet. Ihr Briefroman ist die Selbstbefragung einer Zweifelnden.
Roman. Herausgegeben von Peter Graf, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 112 Seiten, € 20,00

 

2 TAUPUNKT KERSTIN PREIWUß 53 PKT
Gedichte, die mit sprachlicher Präzision den nächtlichen Halbwachzustand inszenieren. In schwebenden, den Augenblick
umkreisenden Versen knüpft Kerstin Preiwuß ein Netz aus Beziehungen, hinter denen mal mehr, mal weniger deutlich auch
die beiden großen Gegenspieler lauern – das Leben und der Tod.
Gedichte. Berlin Verlag, 112 Seiten, € 22,00

3 ECHOS KAMMERN IRIS HANIKA 51 PKT
Eine Zumutung, den Versuch unternehmen zu müssen, »Echos Kammern« in ein Plotkorsett zu schnüren. Eine Schriftstellerin
läuft durch New York und möchte ein Buch über die Stadt schreiben. Die Welt ist unübersichtlich, ein riesiger Hallraum, in
dem die Geräusche urbanen Lebens sich mit dem fernen Klang der antiken Mythen vermischen.
Roman. Droschl Verlag, 240 Seiten, € 22,00

4 AUS UND DAVON ANNA KATHARINA HAHN 47 PKT
Eine Mutter, die mal raus muss. Ein Kind, das sich Kummerspeck wie einen Panzer anlegt. Und eine Großmutter, die die Welt
nicht mehr versteht. Anna Katharina Hahn ist eine Meisterin in der Tiefenanalyse bürgerlicher Zwänge und Abstiegsängste.
Ihre Romane sind schauerromantische Märchen aus der Gegenwart.
Roman. Suhrkamp Verlag, 308 Seiten, € 24,00

5 DA SIND WIR GRAHAM SWIFT 33 PKT
Jack ist Conférencier und Entertainer; ein Womanizer, der im englischen Seebad Brighton in den 1950er-Jahren zusammen
mit »Pablo und Eve« auftritt, einem Zauberkünstler und seiner attraktiven Assistentin. Die klassische Dreiecksgeschichte,
unterhaltsam erzählt und elegant in Szene gesetzt.
Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Susanne Höbel, dtv Verlagsgesellschaft, 160 Seiten, € 20,00

6 HINTERGRUND FÜR LIEBE HELEN WOLFF 28 PKT
Helen Wolff, 1994 hochbetagt gestorben, stand lange im Schatten ihres Mannes, des berühmten Verlegers Kurt Wolff. Später
wurde sie selbst zur bedeutenden Literaturvermittlerin. Doch sie war auch Schriftstellerin. Ihr früher Roman ist ein leichtes
Sommerstück voller Sehnsucht und Aufbruchsstimmung.
Roman. Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen, Weidle Verlag, 216 Seiten, € 20,00

 

7 MOMENTUM DAVID VANN 27 PKT
David Vanns gesamtes Werk kreist um den Suizid seines Vaters. In seinem neuen Roman dreht er die Perspektive und imaginiert die letzten Tage Jim Vanns, die zu einem trostlosen Stationendrama durch Kalifornien geraten. Wer Trost oder Hoffnung in der Literatur sucht, findet bei Vann nur undurchdringliche Schwärze.
Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Cornelius Reiber, Hanser Berlin Verlag, 304 Seiten, € 24,00

8  DIE SCHAUSPIELERIN ANNE ENRIGHT 25 PKT
Enright ist eine Spezialistin für schwierige Familienangelegenheiten, für unter der Oberfläche schwelende Konflikte, Heimlichkeiten, Minenfelder. »Die Schauspielerin« handelt von einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung und erzählt davon, was der Erfolg aus einer Frau in einer Zeit macht, in der Frauen nicht für den Erfolg vorgesehen waren.
Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Eva Bonné, Penguin Verlag, 304 Seiten, € 22,00

8 DIE LANGEN ABENDE ELIZABETH STROUT 25 PKT
Olive Kitteridge ist zurück. Mittlerweile ist sie über 70, wagt sich in eine neue Ehe und ist der heimliche Mittelpunkt des Küstenstädtchens Crosby. Elizabeth Strout kreist um die Probleme des Alterns und zeigt zugleich Menschen, die am Glücklichsein arbeiten. Hemmungslos nostalgisch, aber niemals sentimental.
Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Roth, Luchterhand Literaturverlag, 352 Seiten, € 20,00

 

8 FRIDAY BLACK NANA KWAME ADJEI-BRENYAH 25 PKT
Ein Buch der Stunde: Der 1990 in New York geborene Sohn ghanaischer Einwanderer thematisiert in zwölf kraftvollen Erzählungen. Rassismus und Ungerechtigkeit. Adjei-Brenyahs Humor ist bitter und überdreht, aber dahinter steckt ein tiefer Ernst: Gewalt ist das Fundament, auf dem seine Welt steht.
Storys. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Penguin Verlag, 240 Seiten, € 20,00

 

 

 


 

 

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Die Schriftstellerin Elke Erb wird mit dem diesjährigen Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es, Erbs poetischer Sachverstand habe mehrere Generationen von Dichterinnen und Dichtern in Ost und West beeinflusst.

Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an die Schriftstellerin Elke Erb. Das gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung bekannt. In der Begründung der Jury heißt es, Erb habe ein „unverwechselbares und eigenständiges schriftstellerisches Lebenswerk“ geschaffen:

Unverdrossene Aufklärerin

„Elke Erbs poetischer Sachverstand, der sich auch in ihrer reichen übersetzerischen Arbeit zeigt, beeinflusste mehrere Generationen von Dichterinnen und Dichtern in Ost und West. Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine prozessuale und erforschende Schreibweise aus, in deren Verlauf die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung ist. Elke Erb gelingt es wie keiner anderen, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert. Für die unverdrossene Aufklärerin ist Poesie eine politische und höchstlebendige Erkenntnisform.“

 

Erbs erste Veröffentlichungen waren „Gutachten, Poesie und Prosa“ (1975) und „Der Faden der Geduld“ (1978). 1987 veröffentlichte Erb den von der Kritik gefeierten Band „Kastanienallee. Texte und Kommentare“. Im vergangenen Jahr erschien „Gedichtverdacht“, ihr jüngster Band mit Gedichten, Notaten und Selbstkommentaren. Erb lebt in Berlin und Wuischke (Sachsen). Sie ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und der Akademie der Künste in Berlin.

Der Georg-Büchner-Preis gilt als die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland und wird seit 1951 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergeben. Er geht an Schrift­stellerinnen und Schrift­steller, „die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben“.

 

Werke von Elke Erb (Auswahl)
„Gutachten. Poesie und Prosa“. Aufbau Verlag, 1975
„Einer schreit: Nicht! Geschichten und Gedichte“. Wagenbach, 1976
„Der Faden der Geduld“. Mit einem Gespräch zwischen Christa Wolf und Elke Erb. Aufbau Verlag, 1978
„Trost. Gedichte und Prosa“. Auswahl und Einleitung: Sarah Kirsch. Deutsche Verlagsanstalt, 1982
„Vexierbild“. Aufbau Verlag, 1983
„Kastanienallee. Texte und Kommentare“. Aufbau Verlag, 1987
„Winkelzüge oder Nicht vermutete, aufschlußreiche Verhältnisse“. Galrev, 1991
Poet’s Corner 3: „Elke Erb“. Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, 1991
„Unschuld, du Licht meiner Augen. Gedichte“. Steidl Verlag, 1994
„Der wilde Forst, der tiefe Wald. Auskünfte in Prosa“. Steidl Verlag, 1995
„Mensch sein, nicht. Gedichte und andere Tagebuchnotizen“. Urs Engeler Editor, 1998
„Sachverstand“. Urs Engeler Editor, 2000
„die crux“. Urs Engeler Editor, 2003
„Gänsesommer“. Urs Engeler Editor, 2005
„Sonanz. 5-Minuten-Notate“. Urs Engeler Editor, 2008
„Meins“. roughbook#006 bei Engeler, 2010
„Das Hündle kam weiter auf drein“. roughbook#028 bei Engeler, 2013
„Sonnenklar“. roughbook#032 bei Engeler, 2015
„Gedichte und Kommentare“. poetenladen, 2016
„Sonnenklar Meins: Das Hündle kam weiter auf drein“. Bei Engeler, 2018
„Gedichtverdacht“. roughbook#048 bei Engeler, 2019